Um die Schilddrüsen der Deutschen scheint es schlecht bestellt zu sein. Das impliziert zumindest ein Blick in den Arzneiverordnungs-Report. Mehr als eine Milliarde, genauer gesagt 1141 Millionen Tagesdosen Schilddrüsenhormone haben die Ärzte im Jahr 2012 ihren Patienten verschrieben. Acht Jahre zuvor waren es 736 Millionen, was auch schon eine stattliche Menge ist. Doch seither sind die Zahlen Jahr für Jahr weiter gestiegen.

Die Frage ist: Leiden hierzulande wirklich so viele Menschen an einer Unterfunktion der Schilddrüse, dass Millionen von ihnen Hormone schlucken müssen? Joachim Spranger, der Direktor der Klinik für Endokrinologie, Diabetes und Ernährungsmedizin der Berliner Charité ist sich da nicht so sicher: „Ein derartiger Anstieg der Verordnungen lässt sich nicht allein durch eine Zunahme der Erkrankungshäufigkeit begründen“, sagt er.

Zu schnelle Verordnung

Die Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, Dagmar Führer, wird noch deutlicher: „Heutzutage werden Schilddrüsenhormone zu schnell verordnet“, sagt die Direktorin der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen des Universitätsklinikums Essen und ergänzt: „Oft ist nicht klar, wo das Problem des Patienten herkommt und ob es überhaupt eines ist.“

Auch eine aktuelle Studie britischer Forscher deutet darauf hin, dass sich das Verschreibungsverhalten verändert hat. Im Fachblatt Jama Internal Medicine berichtet das Team um Peter Taylor von der Cardiff University, dass die Ärzte immer öfter schon bei einer schwach ausgeprägten Unterfunktion der Schilddrüse Hormone verordneten – was für die Patienten nicht immer von Vorteil sei.

Taylor und seine Kollegen erhielten von dem Verschreibungsregister CPRD (Clinical Practice Research Datalink) die Daten von mehr als 52.000 Patienten, denen zwischen 2001 und 2009 das Schilddrüsenhormon Thyroxin (T4) verordnet worden war. Bekannt waren von allen die Krankheitssymptome sowie die TSH-Werte (siehe Kasten) vor der Verordnung und bis zu fünf Jahre danach.

Es zeigte sich, dass in dem untersuchten Zeitraum der TSH-Wert der Patienten vor der erstmaligen Einnahme von Thyroxin im Mittel von 8,7 auf 7,9 Millieinheiten pro Liter (mU/l) sank. Zugleich stieg die Verschreibungshäufigkeit bei Werten unter 10 mU/l um 30 Prozent. Bei rund einem Drittel der Probanden erfolgte die Verordnung aufgrund einer einzigen TSH-Messung – obwohl bekannt ist, dass der Wert sich im Laufe des Lebens verändert und er mitunter von einer Woche zur anderen schwankt.

Schlaganfall und Osteoporose

Eigentlich gehört es zur ärztlichen Routine, den TSH-Wert der Patienten, die Thyroxin einnehmen, regelmäßig zu überprüfen. Dass diese Aufgabe nicht immer ganz ernst genommen wird, konnten Taylor und sein Team ebenfalls zeigen: Fünf Jahre nach Beginn der Einnahme wiesen 5,8 Prozent der Probanden einen supprimierten, das heißt viel zu niedrigen TSH-Wert auf – was darauf hindeutet, dass sich in ihrem Blut nun zu viel Thyroxin befand.

Anders ausgedrückt: Die Ärzte hatten ihnen offenbar zu viel des vermeintlich Guten getan. Denn ein supprimierter TSH-Spiegel geht unter anderem mit einem erhöhten Risiko für Herz-Rhythmus-Störungen und Osteoporose einher. Insbesondere bei älteren Menschen ist zudem die Gefahr eines Schlaganfalls größer. Womöglich überwiegen die Risiken des neuen Verschreibungsverhaltens den Nutzen bei Weitem, schlussfolgert Taylor

In Deutschland könnte die Situation noch prekärer sein. „Hierzulande existiert ein viel großzügigeres Verordnungsverhalten als in Großbritannien – was unter anderem vermutlich damit zusammenhängt, dass vor rund zehn Jahren die sogenannten Normalwerte für TSH gesenkt wurden“, sagt die Endokrinologin Dagmar Führer. Sie ist der Ansicht, dass Blutwerte vielfach zu unkritisch betrachtet würden: „Gerade bei Grenzbefunden ist es falsch, eine Therapie nur aufgrund eines Laborwerts zu verordnen.“

Wenn ein Patient Beschwerden habe und sein TSH-Wert auffällig sei, solle man ihn auch nach seinen Lebensumständen fragen, sagt Führer: „Nimmt er Medikamente ein? Liegt eine andere Erkrankung vor? Muss er Schichtarbeit leisten?“ All das könne den TSH-Wert verändern, ohne dass eine Fehlfunktion der Schilddrüse vorliege.

Ein Ultraschall sei bei abweichenden Blutwerten unbedingt erforderlich. Zudem müsse bei einer vermuteten Unterfunktion dem Verdacht einer Autoimmunerkrankung nachgegangen werden. „Und bevor man bei Grenzbefunden Hormone verschreibt, sollte der TSH-Wert unbedingt ein zweites Mal bestimmt werden“, sagt Führer. Vor allem Studien aus Großbritannien hätten gezeigt, dass bei rund vierzig Prozent der Patienten nur ein paar Wochen später wieder ein unauffälliger Wert vorliege.