Beim Tim-Bendzko-Konzert am 22. August sollen 4000 Zuschauer feiern. Im Unterschied zu diesem Konzert beim „Moyland Courage Music Festival“ im Jahr 2018 werden die Besucher aber alle mit FFP2-Masken ausgerüstet.
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BerlinIn der Hasenheide wird schon zu Tausenden wieder illegal gefeiert – Clubs, Konzerthäuser und Veranstalter aber haben weiterhin keine Perspektive auf Öffnung und warnen vor der sicheren Insolvenz. Ein Forscherteam der Universität Halle will das mit einem Großkonzert in Leipzig Ende August ändern. Die Berliner Zeitung hat mit dem Infektiologen Stefan Moritz, Leiter des Versuchs, über Risiken, Sehnsüchte und Existenzsorgen gesprochen. 

Berliner Zeitung: Herr Moritz, Sie wollen im August das größte Konzert veranstalten, das Deutschland seit März gesehen hat. 4000 Menschen lauschen Tim Bendzko ohne Abstand – für die Wissenschaft. Was hat Sie dazu gebracht?

Stefan Moritz: Ende April haben mich der Chef des Handballvereins SC DHfK Leipzig und einer der Geschäftsführer der Arena hier in Leipzig angeschrieben, ob ich helfen könnte, eine Perspektive für den Hallensport vor Zuschauern zu entwickeln. Ich bin hingefahren, habe ihnen meine Meinung über das Risiko und über die Verbreitung von Aerosolen mitgeteilt. Nach zwei Stunden haben sie gesagt: Ich soll jetzt bitte aufhören zu reden. Sie könnten mir nicht mehr zuhören. Ich hätte ihre gesamte Zukunft zerstört.

Warum?

Sie haben mir klipp und klar gesagt: Wir brauchen die Zuschauer zurück, als kleiner Verein sind wir komplett auf sie angewiesen. Wir haben jetzt noch Geld bis zum Winter – danach sind wir tot. Diese Rückmeldung habe ich auch von Künstlern und Veranstaltern erhalten. Ich dachte: Das ist doch Wahnsinn. Vereine, Konzerte, Zirkusse, Musicals, die gesamte Kultur- und Unterhaltungsbranche – wenn die Krise noch länger dauert, ist das alles weg.

Das wollten Sie verhindern?

Ich habe mich noch einmal in die Literatur eingelesen und festgestellt, dass es zum Risiko auf Großveranstaltungen kaum konkrete Untersuchungen gibt, nur die allgemeine Aussage: Es ist gefährlich.

Moment – aber so viele Branchen sind gerade zwangsgeschlossen. Es muss doch Studien, konkrete Untersuchungen dazu geben?

Es gibt Beobachtungs- und Post-Hoc-Studien. Aber die steigen ein, wenn das Großereignis schon vorbei ist und analysieren, wie sich die Infektionen danach entwickeln. In Heinsberg zum Beispiel gab es eine solche Studie nach der Karnevalssitzung, auch Ischgl kann man mit einer Großveranstaltung vergleichen. Es ist unstrittig, dass Großveranstaltungen besondere Risiken bergen. Aber jetzt muss man herausfinden: Warum genau sind sie so gefährlich? Erst dann können wir Konzepte entwickeln, mit denen sie wieder möglich sind. Wir machen da jetzt den Anfang.

Haben sich die Kollegen bisher zu sehr auf Ergründung des neuen Virus konzentriert, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge aber vernachlässigt?

Nein, das glaube ich nicht. In den ersten Monaten der Pandemie standen sicher ganz andere Fragen im Vordergrund. Und ich glaube, keiner hätte sich im April an eine solche Studie gewagt. Die aktuell sehr niedrigen Zahlen machen das ja auch erst möglich.

Welche Gefahrenherde untersuchen Sie mit Ihrer Studie?

Insgesamt besteht die Studie aus acht Projektteilen. Ein Fokus liegt zum Beispiel auf der Übertragung durch Aerosole. Wir simulieren dazu die gesamte Raumluft in der Arena, zerlegen sie im Computermodell in ein Kubikzentimer große Würfel. Wir simulieren dort auch 4000 Probanden, die Aerosole ausatmen, so können wir nachvollziehen, wie sich die Aerosole im Raum verbreiten. Und schließlich werden wir noch simulieren, was wäre, wenn einer von denen infiziert wäre. Wie viele Personen im Umkreis würden seine Aerosole abbekommen und könnten sich so infizieren?

Sie bringen die Menschen aber auch physisch für ein Konzert in der Arena zusammen.

In dem Versuch wollen wir in drei Szenarien die Kontakte zwischen Konzertbesuchern messen. Jeder der 4000 Teilnehmer bekommt einen kleinen Kontakt-Tracer umgehangen. Er misst permanent die Abstände zu anderen Teilnehmern im Umkreis von 30 Metern. Alle fünf Sekunden meldet er einen Wert. So können wir beantworten, wie viele kritische Kontakte ein Konzertbesucher hat. Wir hängen außerdem sogenannte Ankersensoren in der Halle auf, die uns zeigen, wo sich die Kontakte in der Halle häufen. Vielleicht sind Toiletten- oder der Eingangsbereich ein besonderes Problem? Und wir simulieren die Anfahrt mit der Straßenbahn, auch da werden Tracer angebracht.

Welche drei Szenarien spielen Sie durch?

Zuerst sollen die Besucher ganz ohne Abstände durch zwei Eingänge in die Halle strömen. Genau wie vor Corona. Im zweiten Szenario folgen sie einem strengen Hygienekonzept mit größeren Abständen und mehreren Ein- und Ausgängen. Im dritten Szenario sollen sie den Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten.

In den sozialen Medien hat Ihr Versuch hohe Wellen geschlagen. Eine oft gelikte Frage: Wollt ihr sterben für ein Bendzko-Konzert?

(lacht) Ja, das habe ich auch gelesen. Aber die Sorge ist absolut unbegründet. Wir haben ein derartig strenges Sicherheitssystem entwickelt, dass ich glaube, dass man im Alltag wesentlich gefährdeter ist. Wir nehmen nur Leute, die keine Symptome haben. Wir testen alle Teilnehmer und unsere Mitarbeiter vor dem Versuch. Rein kommt nur, wer ein negatives Ergebnis hat. Beim Eintreten messen wir auch noch einmal Fieber. Alle Teilnehmer tragen beim Versuch FFP2-Masken und erhalten Desinfektionsmittel. Und schließlich haben wir 40 Personen in der Halle, die ständig kontrollieren, dass alle die Maske aufhaben.

Also null Ansteckungsgefahr?

Nein, null ist das Risiko ja nie. Aber ich glaube, dass wir ein gutes Konzept haben, das ein Maximum an Sicherheit bietet.

Wie viele Teilnehmer haben sich bisher gemeldet?

Wir haben etwa 1200 Anmeldungen, wovon über 1000 die Teilnahme bereits bestätigt haben. Wir suchen noch Interessierte.

Welche Rückmeldungen haben Sie erhalten, als Ihr Plan publik ging?

Das Spektrum war ziemlich breit, es reichte von Skepsis bis zu totaler Begeisterung. Aber natürlich hat jeder erst mal Bedenken, wenn er hört, dass wir jetzt 4000 Personen zusammen in eine Halle holen wollen. Wenn man aber das Konzept erklärt, dann schlägt die Skepsis meist sehr schnell in Neugier um.

Welche Veranstaltung wollen Sie selbst gerne wieder besuchen?

Den Zirkus. Weihnachten waren wir mit den Kindern noch im Cirque du Soleil, das war fantastisch für die Kleinen.

Jan Woitas/dpa
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Dr. Stefan Moritz, 46 Jahre alt, ist Leiter der Abteilung Klinische Infektiologie am Universitätsklinikum Halle, hat in Regensburg studiert und lebt in Leipzig.

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