Berlin - Nach gut zwei Monaten im Corona-Lockdown werden erste Maßnahmen in Berlin gelockert. Am Montag öffnen einige Schulen wieder für den Präsenzunterricht. Den Anfang machen Schüler der Klassenstufen 1 bis 3. Jugendliche, die sich auf ihre Abschlussprüfungen vorbereiten müssen, können wahlweise schulisch angeleitet zu Hause oder im Wechselmodell mit halber Klassengröße unterrichtet werden.

Wie kann Unterricht unter Pandemiebedingungen aussehen? Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) hat für diese Frage in Zusammenarbeit mit Fachgesellschaften, Schüler-, Eltern- und Lehrerverbänden eine Leitlinie erarbeitet. Herausgekommen ist ein Katalog an „Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der Sars-CoV-2-Übertragung in Schulen“. Im Interview mit der Berliner Zeitung erklärt Ingeborg Krägeloh-Mann, Vizepräsidentin der DGKJ, wie Schule auch während Corona machbar ist.

Berliner Zeitung: Frau Krägeloh-Mann, ist es richtig, jetzt wo die Infektionszahlen sinken, Schulen und Kitas wieder zu öffnen? Riskiert man damit nicht einen erneuten Anstieg der Krankenfälle?

Ingeborg Krägeloh-Mann: Hier muss ich gleich vorneweg sagen: Unsere Leitlinie nimmt keine Stellung zu Schulschließungen. Das ist eine rein politische Entscheidung. Grundsätzlich kann man festhalten: Schulen sind keine Treiber der Pandemie. Daten und Beobachtungen aus Deutschland und anderen Ländern zeigen, dass Schulen auch bei höherem Infektionsgeschehen offen gehalten werden können. Wichtig ist dabei, dass Maßnahmen im Sinne der von uns erarbeiteten Leitlinie beachtet werden.

Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Es ist inzwischen gut belegt, dass vor allem jüngere Kinder von der Erkrankung weniger stark betroffen sind und diese wohl auch weniger stark verbreiten als Erwachsene. Gerade für die Jüngeren ist der Raum Schule enorm wichtig. Auch die WHO betont, dass Schulschließungen das letzte Mittel zur Pandemiebekämpfung sein sollten.

Es geht dabei ja nicht nur um Bildungsinhalte, sondern auch um persönliche Entwicklung und auch um einen Nachteilsausgleich. Schulen sollen dazu beitragen, dass Kinder gleiche Chancen in ihrer Entwicklung haben. Im Homeschooling wird das gerade für jüngere Kinder ausgehebelt. Studien zeigen, dass es sich negativ auf die Psyche der Kinder auswirken kann, wenn sie die ganze Zeit zu Hause bleiben müssen. Das kann zu Verhaltensproblemen und depressiven Verstimmungen führen.

Foto: DGKJ
Zur Person

Ingeborg Krägeloh-Mann ist Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Die pensionierte Medizinerin war ärztliche Direktorin an der Universität Tübingen. Zwischen 2004 und 2010 hat sie dort als Geschäftsführende Direktorin den Bereich für Kinderheilkunde und Jugendmedizin geleitet.

Die Frage, wie infektiös Kinder sind, kommt immer wieder auf. Sie sagen jetzt, vor allem jüngere Kinder verbreiten das Virus kaum. Bis zu welchem Alter kann man von dieser Annahme ausgehen?

Kinder erkranken seltener an Covid-19, und sehr viel seltener schwer. Wenn sie infiziert sind, geben sie die Infektion seltener weiter. Das gilt ungefähr bis die Pubertät beginnt.

Warum ist das so? Wie unterscheidet sich das Immunsystem von Kindern von dem Erwachsener?

Es gibt dazu keine klare Antwort. Andere Virusinfektionen, die ähnlich übertragen werden, wie die Influenza, betreffen Kinder deutlich häufiger und schwerer. Die Gründe sind nicht wirklich verstanden.

In Ihrer Leitlinie empfehlen Sie eine gestaffelte Öffnung der Schulen nach Jahrgängen. Für die Klassen 1 bis 6 Präsenzunterricht, für höhere Jahrgänge Distanzunterricht.

Wir schlagen eine Staffelung nach dem Infektionsgeschehen vor. Wenn die Infektionszahlen wieder steigen, sollten die Klassen in feste und kleinere Gruppen aufgeteilt werden. So können Kontakte im Fall einer Infektion besser nachverfolgt werden. Für höhere Jahrgänge schlagen wir einen Wechselunterricht vor, also mal vor Ort in der Schule und mal im Homeschooling.

Wichtig ist, dass keine einzelnen Maßnahmen herausgehoben werden. Das Ganze sollte immer als ein Maßnahmen-Paket verstanden werden. Die Grundlagen bieten die allgemein gültigen AHA-L-Regeln: Abstand halten, Maske tragen, die Hygienevorschriften einhalten und regelmäßig lüften. Querlüften ist hier das Stichwort. Es sollte alle 20 Minuten ein Durchzug erzeugt werden, um frische Luft in den Raum zu bekommen.

In der Politik werden die Corona-Maßnahmen stark am Inzidenzwert festgemacht. Was halten Sie davon?

Darüber wird im Augenblick viel diskutiert. Wir tendieren mehr in die Richtung, den Inzidenzwert mit der Belastung des Gesundheitssystems und der Todesrate in Verbindung zu betrachten und ihn nicht allein als eine Größe für Maßnahmen zu nehmen. Wichtig ist, dass die Intensivstationen in den Krankenhäusern entlastet werden.

Die Unterrichtsfächer Sport und Musik wurden in der Leitlinie besonders behandelt. Welche Maßnahmen empfehlen Sie hier?

Musikunterricht hat eine wichtige kulturelle Bedeutung. Er sollte also nicht einfach entfallen. Bekannterweise wird Sars-CoV-2 über Aerosole übertragen. Beim Singen wird davon eine größere Menge im Raum verteilt. Daher empfehlen wir, auf das Singen im Klassenverband zu verzichten. Das gilt auch für das Spielen von Blasinstrumenten. Im Einzelunterricht kann das gemacht werden und auch im Freien ist das unbedenklich – wenn zwischen den einzelnen Schülern ein Abstand von zwei Metern eingehalten wird.

Zum Sport: Bewegung ist für Kinder sehr wichtig, nicht nur zur Prävention von Adipositas. Solange es kalt draußen ist, haben wir uns für eine Verkleinerung der Unterrichtsgruppen ausgesprochen, um den Abstand einhalten zu können. Wenn das Wetter wärmer wird, empfehlen wir aber sehr, den Sportunterricht im Freien stattfinden zu lassen. Draußen wäre auch das Tragen einer Maske nicht notwendig.

Kurz zusammengefasst: Die vorgeschlagenen Maßnahmen aus der Leitlinie

  • Reduktion der Schülerzahl in Präsenzunterricht und/oder eine Kohortierung von Schülern in Abhängigkeit vom Infektionsgeschehen
  • Sachgerechtes Tragen von Masken durch Schüler, Lehrer und weiteres Schulpersonal 
  • Maßnahmen zum Infektionsschutz (Maskentragen, Reduktion des Personenaufkommens) auf Schulwegen im öffentlichen Personennahverkehr und in Schulbussen 
  • Musikunterricht in Schulen sollte – unter Auflagen – auch unter Pandemiebedingungen stattfinden
  • Sportunterricht in Schulen sollte – unter Auflagen – auch unter Pandemiebedingungen stattfinden und in kleinen und konstanten Gruppen aber ohne Maske durchgeführt werden – im Freien
  • Bei Schülern, bei denen kein Risikokontakt bekannt ist und die mindestens eines der Symptome aufweisen (Fieber, trockener Husten, Durchfall/Erbrechen/Bauchschmerzen, Störung des Geruchs- und/oder Geschmackssinns), soll ein erhöhtes Risiko für das Bestehen einer Infektion mit Sars-CoV-2 angenommen werden
  • Quarantäne von engen Kontaktpersonen (nach RKI-Definition) verhindert – in Abhängigkeit von der Dauer – eine weitere Ausbreitung von Sars-CoV-2
  • Es soll regelmäßig und ausreichend gelüftet werden
  • Der Einsatz mobiler Luftreiniger in Schulen kann als ergänzende Maßnahme zum Lüften zur Aerosolreduktion erwogen werden

In der Leitlinie wird das Tragen einer medizinischen Maske im Unterricht empfohlen. Das gilt auch für Grundschüler?

Ja, inzwischen ist klar, dass auch Grundschüler Masken sehr gut tragen können, wenn man es den Kindern gut erklärt. Die Leitlinienempfehlung gibt aber für Grundschüler die Möglichkeit für zeitlich und örtliche begrenzte Ausnahmen, wenn es das Infektionsgeschehen zulässt.

Wie sieht es mit FFP2-Masken aus?

Darüber haben wir sehr lange diskutiert. FFP2-Masken sind extrem wichtig im Hochrisikobereich. Wir sagen, dass sie erwogen werden können für Lehrkräfte und Schüler, die zu einer Gruppe der Risikopatienten gehören. Alle anderen müssen unserer Meinung nach keine FFP2-Masken tragen. Wir können nicht auf der einen Seite argumentieren, dass Schüler nicht Treiber des Infektionsgeschehens sind, andererseits aber verlangen, dass sie FFP2-Masken tragen. Es gibt eine gute Evidenz, dass auch Stoffmasken – wenn sie richtig getragen werden – zur Eindämmung der Pandemie einen sehr guten Beitrag leisten.

In Berlin sollen sich künftig Lehrer und andere Beschäftigte an den Schulen sowie die Kita-Erzieher zweimal wöchentlich mit Schnelltests selbst auf das Coronavirus testen können. Halten Sie das für eine gute Idee?

Aus Studien geht hervor, dass systematisches Testen in Kombination mit möglichen Quarantänemaßnahmen wesentlich zur Eindämmung der Pandemie beitragen kann. Dazu zählt auch präventives Testen mit Tests, die nicht die höchste Sensitivität haben, wie es bei Antigen-Schnelltests der Fall ist. Hier gehen die Fachmeinungen allerdings weit auseinander.

Welche Rolle spielten die bisher bekannten Virusmutationen bei Ihren Überlegungen?

Die Empfehlungen, die wir erarbeitet haben, gelten unabhängig von Virusvarianten. Es ist richtig, dass die Mutanten ansteckender sind, aber auch hier scheinen Kinder weniger schwer betroffen zu sein als Erwachsene.

Wie schätzen Sie die derzeitige Studienlage zum Thema Kinder und Sars-CoV-2 generell ein und wo sehen Sie noch Defizite?

Was wir uns sehr wünschen würden ist, dass Studien zu Impfungen für Kinder schneller begonnen und abgeschlossen werden. Hier kündigen die Firmen erste Ergebnisse erst für 2024 an. Das ist unserer Meinung nach zu spät. Eine schnellere Umsetzung wäre extrem wichtig.

Impfungen sind ein gutes Stichwort. Sollten auch Kinder gegen Covid-19 geimpft werden?

Kinder müssen immer gesondert betrachtet werden. Dafür braucht es spezielle Arzneimittel-Studien. Der Hintergrund ist, dass der Stoffwechsel von Kindern sich von dem Erwachsener unterscheidet. Es müsste untersucht werden: Wie hoch ist die Wirksamkeit der Impfstoffe bei Kindern? Wie gut vertragen Kinder die Impfung? Welche Nebenwirkungen können auftreten? Wie hoch müsste die Impfdosis sein? Solange wir keine verlässlichen Daten dazu haben, ist unsere Haltung, dass Kinder nicht geimpft werden können.

Wenn die Länder die Schulen jetzt schrittweise öffnen, was möchten Sie den Entscheidern dringend mit auf den Weg geben?

Man kann feststellen, dass unsere Empfehlungen alle nicht neu sind. Aber sie können von allen Beteiligten mitgetragen und umgesetzt werden, denn wir haben einen Maßnahmenkatalog entwickelt, der auf einer sehr breiten Basis fußt. Experten aus vielen Bereichen haben daran mitgearbeitet, Lehrer, Psychologen, Eltern, Schülervertretungen. Ich wünsche mir, dass die Politik nun die Courage hat, diese Maßnahmen auch umzusetzen.

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