Berlin - Während des pandemiebedingten Lockdowns im Frühjahr 2020 hat sich in Deutschland die Zahl der Kinder mit einer lebensbedrohlichen Stoffwechselentgleisung aufgrund eines unentdeckten Diabetes sprunghaft verdoppelt. Das hat die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) mitgeteilt. Sie beruft sich auf eine Studie, die im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlicht wurde.

Die Studie zeigt, dass sich die Zahl schwerer Stoffwechselentgleisungen unter Kindern vom 13. März bis zum 13. Mai 2020 mit 238 Fällen gegenüber den Vergleichszeiträumen der Vorjahre nahezu verdoppelt hat. Vor allem sei die Fallzahl der betroffenen Vorschulkinder angestiegen, teilt die DDG mit. Die Anzahl der Neuerkrankungen von Kindern mit Diabetes Typ 1 habe sich jedoch insgesamt nicht verändert.

Mögliche Vermeidung des Arztbesuchs aus Angst vor einer Ansteckung

Es handelt sich bei der Stoffwechselentgleisung um eine sogenannte diabetische  Ketoazidose (DKA), einen Notfall, der sofort intensivmedizinisch behandelt werden muss. Also: Den Notarzt rufen! Mögliche Symptome sind starker Harndrang, Benommenheit, Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, trockene Haut und Mundschleimhaut, beschleunigte und vertiefte Atmung (Kußmaul-Atmung, benannt nach dem Arzt Adolf Kußmaul) bis hin zum diabetischen Koma. Typisch ist, dass die Atemluft nach Azeton riecht. Der süßliche Geruch erinnert an überreifes Obst oder an Nagellackentferner.

Zur diabetischen Ketoazidose könne es aufgrund von Insulinmangel bei einem unentdeckten und deshalb unbehandelten Diabetes kommen, teilt die DDG mit. Die Gründe für die steigende Zahl der Fälle während der Pandemie seien vielfältig, heißt es in der Mitteilung. „Ein Faktor ist vermutlich die Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19“, sagt der Kinder-Diabetologe Thomas Kapellen, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Pädiatrische Diabetologie (AGPD). „Viele Eltern scheuen deshalb womöglich den Besuch einer Kinderarztpraxis.“ Weitere Hintergründe müsse man aber noch näher erforschen.

Um das Risiko für eine Ketoazidose im Kindesalter zu senken, soll in der kommenden Woche – noch während des laufenden  Lockdowns – eine Aufklärungskampagne zur Früherkennung eines Typ-1-Diabetes gestartet werden. Die AGPD wirkt hier mit der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) zusammen. Unter anderem sollen Kinderärzte den Eltern künftig bei jeder U6- und U7a-Vorsorgeuntersuchung kurz die vier Warnzeichen des Typ-1-Diabetes erklären. „Dazu gehören ständiger Durst, häufiges Wasserlassen, Gewichtsabnahme und stetige Müdigkeit“, sagt der Kinder-Diabetologe Martin Holder von der AGPD. Die Vorsorgeuntersuchungen finden am Ende des ersten sowie dritten Lebensjahres statt.

Eltern sollen Warnzeichen eines Diabetes bei Kindern erkennen können

Außerdem sollen die Ärzte den Eltern einen Flyer mit wichtigen Informationen über eine Diabeteserkrankung mitgeben. „Ziel der Kampagne ist es, die Eltern verstärkt für die Warnzeichen einer Diabeteserkrankung und die Symptome einer Ketoazidose zu sensibilisieren“, sagt Martin Holder, Leitender Oberarzt am Klinikum Stuttgart. „Aus der Erfahrung vergangener Präventionskampagnen wissen wir, dass eine solche Aufklärung die Häufigkeit einer diabetischen Ketoazidose stark reduziert.“

Mit jedem Tag mehr, den ein Kind unerkannt an Typ-1-Diabetes erkrankt sei, steige das Risiko für eine diabetische Ketoazidose, die auch Einschränkungen der kognitiven Leistungen zur Folge haben könne, teilt die DDG mit. 

„Bleibt eine Ketoazidose unbehandelt, kann sie schlimmstenfalls tödlich enden“, warnt Andreas Neu, Professor in Tübingen und Vizepräsident der DDG.  Leider sei zu wenig bekannt, dass Typ-1-Diabetes zu den häufigsten Stoffwechselerkrankungen im Kindesalter zähle. „Diabetes ist keine Alterskrankheit, sie kann auch Kinder jeden Alters treffen.“