Impfen gilt in Ländern wie Frankreich als Pflichtmaßnahme. 
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Berlin Ein Besuch im Wochenbett bei einem Paar in Prenzlauer Berg. Die junge Mama fragt nach den Impfungen beim bevorstehenden Kinderarzt-Besuch. Die Impfungen wären ja jetzt dran, oder? Und welche sind es nun genau? Sie kann sich nicht so recht erinnern, ihr erstes Kind ist fast schon zehn Jahre alt. Sie ist Französin und kennt nur die Impfpflicht. Sie fragt mich, was ich vom Impfen und der Pflicht halte, und gibt mir zu verstehen, dass sie die Diskussion nicht so recht versteht. 

Ich bereite sie auf den Besuch und die Beratung beim Kinderarzt vor. Denn darin besteht meine Aufgabe als Hebamme. Der Arzt wird sie dann beim Besuch dazu detailliert aufklären und beraten. Das Paar erzählt mir von Elternabenden, bei denen es heiß her geht und gekämpft wird um das Rechthaben und Besserwissen um das Impfen. Eine Mutter erkrankte mit ihrem Kind an Masern. Die Folge: ein langer Krankenhausaufenthalt der Mutter.

Impfpass so gut wie verschwunden

Die anderen Eltern halfen der Familie, die Zeit zu meistern. Immer wieder werde ich als Hebamme zu meiner Meinung zum Impfen befragt, ob ich pro oder kontra sei, denn unserer Erfahrung und unserem Rat vertraut man. Dabei geht es aber nicht um Meinungsbildung oder Lenkung, sondern um fachliche Beratung, die unsere Berufsordnung klar beschreibt. Meine persönliche Einschätzung hat da nix verloren. Dem am Tisch sitzenden Paar ist nicht klar, dass es auch um ihre Impfungen geht.

Sie wissen beide nicht, wo ihre Impfpässe sind und wann die letzte Impfung war. „Deutschland sucht den Impfpass“, die groß plakatierte Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, zeigt Menschen, die unter Betten herumkriechen und ihren Impfpass suchen. Neben einem Quiz kann man auch einen Impfcheck machen auf der „Suche den Impfpass“-Website. Was sie dann mit dem kleinen gelben Heftchen machen und warum, lässt die Werbung offen. Auch bei diesem Paar wird mir klar, wie wenig aufgeklärt die Menschen sind.

Beim Impfen ging es immer schon um ein solidarisches Miteinander, um die Verantwortung füreinander. Der Schutz des Einzelnen vor tödlich verlaufenden Krankheiten steht im Vordergrund, aber es geht auch um die Bereitschaft andere Menschen nicht zu gefährden, wie diese junge Mutter, die vor gut 20 Jahren die letzte Immunisierung hatte. Niemand hat sie je beim Arztbesuch nach dem Impfpass gefragt und ihr diese Zusammenhänge erklärt.

Solidarität geht unter bei Diskussionen

Da helfen weder Pflicht noch Plakat-Aktion des Ministeriums. In den sozialen Medien geht es ebenfalls heiß her. Es wird geschimpft, polemisiert. Impfgegner und Kritiker holen die Pharma-Verschwörungstheorie-Keule raus und hauen damit kräftig drauf. Die Berufsgruppe der Hebammen steckt mittendrin. In Gesprächen mit meinen Kolleginnen entspinnt sich eine ähnliche Diskussion. Absurde Zahlen aus Statistiken von Kriegs- oder Verkehrstoten und sogar der Nichtraucherschutz poppen auf.

Es ist erschreckend zu lesen, wie viele Menschen in ihrer fast religiösen Überzeugung des Nicht-Impfens für ihren Egoismus kämpfen. Der Gedanke an das Miteinander und an die  Verantwortung füreinander sucht man in den Foren der Kritiker und Gegner vergeblich. Auch die Mutter aus der Kita hat nach einer sehr schweren Masern-Erkrankung keine Bereitschaft gezeigt, ihre Position zu überdenken.

In einem dieser Foren wird gefragt, ob denn die impfkritischen Hebammen geimpft sind, wenn sie so von Haus zu Haus ziehen bei ihren Besuchen? Das wäre ja verantwortungslos. Sie würden ja in Kauf nehmen, die anderen anzustecken, oder? Ich mache mich auf den Weg nach Tansania, um dort als Hebamme zu arbeiten. Mein Impfpass liegt bereit: Ich muss ihn bei der Einreise vorlegen.