Berlin - Die Diskussion um die Impfpflicht kommt zur Unzeit. Deutschland atmet gerade zum zweiten Mal binnen der Corona-Pandemie auf, die Cafés sind gefüllt, die Kinos öffnen, es darf wieder getanzt werden. Es ist Sommer. Die Inzidenzen sind niedrig, die Stimmung steigt. Das sah im Mai noch ganz anders aus. 

Auf der anderen Seite haben Zehntausende schon allein in Deutschland ihre Angehörigen an Covid-19 verloren, haben wir das Massensterben in den Altenheimen 2020 nicht vergessen, leiden vor allem auch junge Menschen nach anderthalb Jahren des immer-wieder-Eingesperrtseins unter psychischen Problemen und fehlenden Perspektiven. Und nun kommt Delta, und die ganze schöne Impfkampagne steht schon wieder auf der Kippe. Zudem macht sich angesichts der derzeit niedrigen Ansteckungsraten hierzulande eine gewisse Impfmüdigkeit breit – auch das sah vor wenigen Wochen noch ganz anders aus, als der Impfstoff viel zu knapp war für alle, die wollten. 

Aus medizinischer Sicht ist deshalb verständlich, wenn Ärzte jetzt eine Impfpflicht fordern. Sie haben seit April 2020 mit dem Thema alle Hände voll zu tun, nun gibt es endlich genügend Impfstoffe, nun werden sie sie kaum noch los. 

Nicht mal die größten Risikogruppen sind durchgeimpft

Das darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass eine Impfpflicht generell ein sehr scharfes Schwert ist, das nur im äußersten Notfall greifen darf – wenn überhaupt. Die Pflicht zur Masern-Impfung, die 2020 eingeführt wurde, dient nicht zum Vergleich. Denn sie bezieht sich nur auf eine bestimmte Gruppe – und die Impfung schützt lebenslang. Von dieser Sicherheit kann bei Covid-19 keine Rede sein. Und wie oft soll nun wer genau womit zwangsweise geimpft werden? Nur die Alten, nur die Beweglichen, nur die ohnehin viel zu wenigen Pflegekräfte? Nur mit Astrazeneca, oder nur mit Biontech? Nur einmal, oder lieber gleich alle drei Monate für jeden? 

Über Covid-19 und damit auch zwangsweise über die neuen Impfstoffe ist schlicht noch zu wenig bekannt, als dass es eine Pflicht zur Impfung geben könnte. Andere Länder führen sie teilweise oder durch die Hintertür ein, doch in Deutschland mit seinem besonders großen Anteil an Impfskeptikern bereits vor Corona und den vergleichsweise starken Protesten gegen die Corona-Maßnahmen wird das nicht möglich sein. Schon gar nicht vor der Bundestagswahl.

Die Politik muss andere Waffen wählen, sie hat auch noch diverse zur Hand, bevor sie zum Äußersten greifen könnte, um die Gemeinschaft zu schützen. Großveranstaltungen etwa gar nicht erst zuzulassen, auch wenn die Inzidenzen gerade niedrig sind, wäre mit Blick auf die vierte Welle nur eine davon. Und dass die Gruppen 1 und 2 aus der Impfpriorisierung überhaupt erst mal durchgeimpft sind, zumindest diejenigen, die wollen, das wäre auch ein schönes Ziel – bevor man über eine Impfpflicht auch nur nachdenkt.