Klinische Studie in den USA mit dem Impfstoff der Biotechfirma Moderna. 
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BerlinDie erste Studie, in der hierzulande ein Impfstoff gegen Covid-19 an Menschen erprobt wird, läuft bereits. Seit dem Start am 23. April haben zwölf Probanden den Impfstoffkandidaten BNT162 erhalten. Es handelt sich um eine Entwicklung des Mainzer Unternehmens Biontech, das mit dem Pharmakonzern Pfizer kooperiert. Wie Biontech kürzlich mitteilte, sollen in der ersten Kohorte die Dosierung, die Sicherheit und die Immunantwort untersucht werden.

Nun stellen auch Forscher des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) erste klinische Versuche in Aussicht. Noch im September könnten diese Tests beginnen, teilte das Team um Stephan Becker, Leiter des Instituts für Virologie an der Universität Marburg, mit. „Der Bauplan für den Impfstoff ist fertig. Jetzt muss der Impfstoff für die klinischen Tests noch produziert werden“, sagte der Experte, der für das Projekt mit Gerd Sutter von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zusammenarbeitet.

Global betrachtet befinden sich einer Auflistung der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge derzeit 110 Impfstoffkandidaten in der präklinischen Bewertung, acht Impfstoffkandidaten haben bereits eine klinische Phase erreicht. In Deutschland rechne das Paul-Ehrlich-Institut in diesem Jahr möglicherweise mit bis zu vier ersten klinischen Prüfungen, teilte eine Sprecherin auf Anfrage mit.

Einst gegen Pocken entwickelt

Bei dem Impfstoff des DZIF handelt es sich um einen Vektor-Impfstoff. Derartige Vakzine nutzen eine Art Taxi, mit dem sie im Körper des Menschen an ihr Ziel gelangen. In diesem Fall dient ein anderes Virus als Transporteur, das Modifizierte Vacciniavirus Ankara, kurz MVA. Es wurde vor mehr als 30 Jahren an der LMU als Impfstoff gegen Pocken entwickelt. Die MVA-Viren sind so abgeschwächt, dass sie als harmlose Vektoren für andere Impfstoffe dienen können.

„Es ist ein bewährtes Vektorsystem, für das eine großtechnische Produktion bereits etabliert ist. Das Basisvirus ist vollständig charakterisiert und zusammen mit gentechnisch veränderten Varianten an mittlerweile mehr als 12.000 Personen klinisch getestet worden“, erläutert der Münchener Forscher Gerd Sutter. Das Nebenwirkungsprofil sei gut bekannt und die Immunogenität, also das Ausmaß, in dem eine Immunantwort ausgelöst wird, des Basis-Impfstoffs schon sehr gut. Im DZIF wurde dieser Vektor bereits erfolgreich für die Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Mers-Coronavirus verwendet, das eng mit Sars-CoV-2 verwandt ist.

Die Forscher haben für ihren Impfstoff das sogenannte Spike-Protein ausgewählt, mit dem das Sars-CoV-2 sich an menschliche Zellen heftet und in sie eindringt. Der genetische Bauplan dieses Proteins wurde mit dem MVA-Vektor kombiniert. Dieses kombinierte Virus soll bewirken, dass in den Zellen des Menschen nach einer Impfung das Spike-Protein hergestellt, vom Immunsystem erkannt und entsprechend bekämpft wird. Die Forscher hoffen auf spezifische Antikörper und sogenannte T-Zellen, die dann eine spätere Infektion mit dem Virus wirksam bekämpfen sollen.

Auch das Mainzer Unternehmen Biontech will mit der Erbinformation für das Spike-Protein eine Immunantwort erzeugen. Allerdings mit einem anderen Impfstofftyp, bei dem die Erbinformation in den Körper geschleust wird, ohne dass dafür ein Vektor notwendig ist. Der Bauplan für das Protein, in diesem Fall ist es Ribonukleinsäure (RNA), wird mithilfe von Lipid-Nanopartikeln in die Zellen geschleust.

Am Montag gab es aus den USA bereits erste Erfolgsmeldungen mit einem RNA-Impfstoff gegen Covid-19. Die Biotechnologiefirma Moderna hat ebenfalls bereits klinische Studien gestartet und gab bekannt, dass bei den ersten acht Probanden nach zweimaliger Impfung mit dem Wirkstoff mRNA-1273 eine gute Immunantwort erzielt worden sei, die der natürlichen Reaktion auf die Infektion ähnele. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts und arbeitet bei der Entwicklung dieses Impfstoffs mit dem National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) der USA zusammen.

Oft wird die Suche nach einem Impfstoff gegen Covid-19 mit einem Wettrennen verglichen. Doch eigentlich ist klar, dass zur Bekämpfung der Pandemie mehr als ein Ansatz erfolgreich sein muss. Das hatten auch Forscher um NIAID-Direktor Anthony Fauci kürzlich im Fachmagazin Science klargemacht. „Es ist wesentlich, dass Biotechnologie- und Pharma-Unternehmen zusammenarbeiten und eine große Bandbreite an Impfstoff-Ansätzen vorantreiben.“ Auch eine ganz neue Form der Kollaboration von Industrie, Regierungen und akademischer Forschung halten sie im Kampf gegen Corona für unerlässlich. 

Derweil sorgen sich ärmere Länder, dass die reichen Nationen in der Krise zunächst nur die eigene Bevölkerung mit Impfstoffen und anderen Hilfen bedienen. Auf der Jahrestagung der WHO wurde am Dienstag immerhin eine Resolution verabschiedet, die eine faire Verteilung eines Corona-Impfstoffs vorsieht, sobald ein solcher auf dem Markt ist.