Berlin/Marburg - In Deutschland sind mehrere Impfstoffe gegen das Coronavirus in der Entwicklung. Neben dem in einigen Ländern bereits zugelassenen RNA-Vakzin der Firmen Biontech aus Mainz und einem ähnlichen Impfstoff der Firma Curevac aus Tübingen ist der dritte Hoffnungsträger ein Mittel eines akademischen Konsortiums des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung. Diesen sogenannten Vektorimpfstoff hat Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie an der Universität Marburg, zusammen mit Kollegen von den Universitäten in Hamburg und München entwickelt. Das Mittel basiert auf einem harmlosen Pockenvirus, das mit genetischem Material des Coronavirus versehen ist. Es befindet sich erst in der Phase der ersten klinischen Tests. Dass andere Impfstoffe weiter sind und auch in Europa kurz vor der Zulassung stehen, sei eher ein Ansporn für ihn und seine Kollegen, berichtet Becker. Allerdings könnten sich nun die Bedingungen für die großen klinischen Tests verschärfen.

Herr Professor Becker, sind Sie schon geimpft?

Nein, ich habe keinen exklusiven Zugang zu einem Impfstoff. Ich werde warten, bis meine Altersgruppe an der Reihe ist. Mit 60 Jahren zähle ich ja noch nicht ganz zu denjenigen, die aufgrund ihres Alters ein erhöhtes Risiko haben und deshalb bevorzugt behandelt werden.

Sie arbeiten zusammen mit Kollegen aus Hamburg und München an einem Vektorimpfstoff gegen Corona. Wie funktioniert der?

Dabei handelt es sich um ein abgewandeltes und harmloses Pockenvirus namens MVA, in das die genetische Information für ein Oberflächenprotein des Sars-CoV-2  eingebaut wurde. MVA schleust die Bauanleitung für das Coronavirus-Protein ein, das Protein wird in den Körperzellen hergestellt, simuliert eine Infektion – und löst auf diese Weise eine Immunantwort aus.

Wie weit sind Sie?

Wir kommen gut voran. Anfang Oktober hat die erste klinische Studienphase in Hamburg begonnen. An insgesamt 30 Probanden werden Dosierung, Verträglichkeit, mögliche Nebenwirkungen und die Immunantwort überprüft. Bis jetzt sind kaum Nebenwirkungen zu verzeichnen. Das hatten wir so auch erwartet, weil wir genau diesen Impfvektor MVA schon einmal in einer Studie gegen das ebenfalls zu den Coronaviren zählende Mers-Virus erprobt haben und er da auch gut vertragen wurde. Es sieht bisher auch danach aus, dass der Impfstoff die Produktion von Antikörpern und T-Zellen gegen Sars-CoV-2 ankurbelt. Das werden wir in der nächste Phase näher erkunden, die im Januar beginnen soll. Spätestens Mitte 2021 könnte die große Phase-3-Studie beginnen. Allerdings werden sich wohl die Bedingungen dafür noch ändern. Sobald es erste zugelassene Impfstoffe gibt, kann man eigentlich nicht mehr wie bisher einen Impfstoff mit einer Scheinimpfung, also einem Placebo, vergleichen.

Foto: Markus Farnung
Zur Person

Stephan Becker, 60, ist Direktor des Instituts für Virologie der Universität Marburg, wo er nach dem Studium der Pharmazie, der Dissertation in Physiologischer Chemie und der Habilitation in Virologie auch die meiste Zeit seiner wissenschaftlichen Karriere verbracht hat. Becker koordiniert darüber hinaus am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) die Vorhaben zu neu auftretenden Infektionskrankheiten.

Zusammen mit DZIF-Kollegen von den Universität in Hamburg und München hat Becker einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 entwickelt, der auf einem harmlosen Pockenvirus basiert, das mit genetischem Material des Coronavirus versehen ist. Im Oktober haben in Deutschland klinische Tests der ersten Phase mit diesem Impfstoff begonnen.

Schwerpunkt von Beckers Forschung sind hochpathogene, also extrem krankmachende Viren wie Ebola und das Marburgvirus. Becker hat den Impfstoff gegen die Schweinegrippe mitentwickelt und war an der Identifizierung des Sars-1-Virus beteiligt. Sein besonderes wissenschaftliches Interesse gilt zoonotischen Viren, die schwere Erkrankungen beim Menschen auslösen können.

Damit wird es für die Nachzügler doch ungleich schwieriger. Schließlich müssen sie dann bessere oder zumindest ebenso gute Mittel entwickeln. Wäre es nicht besser, aufzugeben?

Wir geben nicht auf. Die Messlatte liegt jetzt allerdings hoch. Eine Wirksamkeit von 90 Prozent ist super. Für die Forscher, die später kommen, werden die Phase-3-Studien nun wohl aufwändiger. Wenn man einen Impfstoff mit einem anderen vergleicht anstatt mit einem Placebo, sind viel größere Teilnehmerzahlen erforderlich, um statistisch signifikante Ergebnisse zu erzielen. Das verteuert auch die letzte Studienphase.

Ist das nicht frustrierend?

Es könnte auch anders kommen. So könnte in der nächsten Zeit klar werden, welche Immunantwort erforderlich ist, damit ein Vakzin schützt. Wenn man also zum Beispiel weiß, welche Mengen bestimmter Antikörper benötigt werden und welche Messwerte im Blut auf eine hinreichende zelluläre Immunantwort schließen lassen, dann kann man diese Korrelate nutzen, um neue Impfstoffe zu validieren. Kurz gesagt: Wenn ein neuer Impfstoff die gleiche Immunantwort hervorruft wie ein zugelassener, dann wird er auch schützen.

Halten Sie es für möglich, dass die Zulassungsbehörden Ausnahmeregelungen schaffen und Placebo-kontrollierte Studien zumindest so lange zulassen, bis weltweit genügend Impfstoff vorhanden ist?

Darüber wird zurzeit intensiv diskutiert. Die Frage ist vor allem, wie sich die WHO dazu verhält. Es ist aber ethisch schwer vertretbar, Tausende Probanden pro Phase-3-Studie bewusst nicht zu impfen, obwohl es bereits einen Impfstoff gibt. Andererseits haben wir natürlich zunächst diesen großen Bedarf, den zwei oder drei Hersteller nicht decken können. Es ist eine schwierige Situation.

Kann man die Impfstoffe von Biontech und Moderna, die schon so weit fortgeschritten sind und in Europa kurz vor der Zulassung stehen, überhaupt als Maß aller Dinge nehmen? Es könnte schließlich sein, dass deren Schutzwirkung weniger lange vorhält als etwa die von Vektorimpfstoffen.

Es gibt noch etliche offene Fragen. Die langfristige Impfantwort ist eine davon. Auch deshalb ist es sinnvoll, mehrere Pfeile im Köcher zu haben und nun auch weitere Corona-Impfstoffe auf die Zielgerade zu bringen.

Was sagen Sie zu der hohen Wirksamkeit der RNA-Impfstoffe? Deutlich mehr als 90 Prozent: Übertrifft das nicht alle Erwartungen?

Ich bin sehr positiv überrascht. Wir haben mit den RNA-Impfstoffen jetzt eine neue Klasse von Vakzinen, die die Landschaft der Impfstoffe verändern werden. Dass sie so effizient sind, könnte damit zusammenhängen, dass die RNA zugleich auch immunstimulierend wirkt. Bei Vektorimpfstoffen gibt es diesen Effekt aber auch durch die Trägerviren. Dass sich gegen Coronaviren eine Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent erzielen lässt, war nicht vorhersehbar.

Ist die Sicherheit auf der Strecke geblieben bei diesem hohem Tempo?

In manchen Kreisen wird behauptet, die Corona-Impfung sei ein riesiger Bevölkerungsversuch, weil die Mittel noch nicht ausreichend getestet seien. Das stimmt nicht. Es handelt sich um ganz normale Verfahren, die aber extrem schnell ablaufen – wie im Zeitraffer. Die Phase-3-Studien der Firmen Moderna und Biontech hatten jeweils mehr als 40.000 Probanden. Das ist eine hohe und ausreichende Zahl für derartige Studien. Ganz seltene Nebenwirkungen kann man dabei noch nicht erkennen, aber das ist auch bei Impfstoffen so, die nach mehrjähriger Testzeit zugelassen werden.

Es sind also noch Nebenwirkungen zu erwarten?

Wenn es Nebenwirkungen gibt, die unter 100.000 oder einer Million Geimpften einmal vorkommen, dann sieht man diese erst im Rahmen der Anwendung. Deshalb wird nach der Zulassung auch weiter beobachtet. Aber das ist immer so – auch in normalen Zeiten.

Was ist der Vorteil von Vektorimpfstoffen?

Wir haben langjährige Erfahrungen damit und die zeigen, dass diese Impfstoffe sicher sind. Bei den RNA-Impfstoffen sieht es so aus, als seien sie sicher. Aber es gibt keine Daten aus längeren Zeiträumen. Bei den Vektorimpfstoffen haben wir auch bereits Erfahrungen mit Kombinationen. Gegen Ebola ist zum Beispiel ein Impfstoff zugelassen, der sowohl MVA als Vektor hat als auch ein Adenovirus, wie es in dem Impfstoff enthalten sind, den AstraZeneca zusammen mit der Oxford University entwickelt. Diese Kombination hat sich als besonders effektiv herausgestellt.

Welcher Impfstoff der Beste ist, lässt sich also noch lange nicht sagen?

Dafür ist es zu früh. Aber so viele verschiedene Impfstoffe gleichzeitig zu haben und vergleichen zu können, ist eine tolle Gelegenheit. Wir werden viel lernen können. Erstaunlicherweise ist nämlich erst wenig darüber bekannt, was generell eine gute Immunantwort ausmacht. Wir können sagen, ob ein Impfstoff wirkt oder nicht und wie lange der Schutz in etwa vorhält. Die Details einer guten Immunantwort gilt es aber noch zu erforschen.

Würden Sie sich mit einem RNA-Impfstoff gegen Corona impfen lassen?

Das würde ich. Im Moment gibt es keinen Grund, das nicht zu machen. Selbst aus konservativer Perspektive sind mehr als 40.000 Probanden, an denen diese Impfstoffe bereits erforscht wurden, eine große Zahl. Und da scheint es ja keine schweren Nebenwirkungen gegeben zu haben. Die britische Zulassungsbehörde und die FDA haben das bereits geprüft, die EU-Behörde EMA ist noch dabei. Natürlich würde ich mich noch lieber mit unserem Vektorimpfstoff impfen lassen – weil ich den besonders gut kenne.

Hundertprozentige Sicherheit kann kein Hersteller versprechen. Sie haben eben selbst erwähnt, dass sehr seltene mögliche Nebenwirkungen erst nach der Zulassung zu beobachten sind. Wie geht man mit diesem Risiko um?

Wir müssen uns klarmachen, dass wir nicht beides haben können: vollkommene Sicherheit und schnellen Fortschritt. Wenn wir so schnell wie möglich einen Impfstoff haben wollen, um zu unserem normalen Leben zurückkehren zu können, müssen wir ein gewisses Risiko in Kauf nehmen. Das ist eines der Dilemmata, vor die uns die Corona-Pandemie stellt. Das muss letztendlich jeder für sich selbst entscheiden – Wissenschaft und Behörden sind gefordert, dafür die entsprechenden Informationen zur Verfügung stellen. Und selbstverständlich werden vor der Zulassung Nutzen und Risiken sorgfältig abgewogen.

Hätten Sie zu Beginn der Pandemie gedacht, dass die Impfstoffentwicklung derart zu beschleunigen ist, wie wir es gerade erleben?

Ein solches Tempo hätte ich mir nie träumen lassen. Ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit der Frage, wie sich auf solche Epidemien schnell reagieren lässt. Immer war klar, dass neben Quarantäne- und Hygienemaßnahmen sowie der Entwicklung von antiviralen Medikamenten auch die Impfstoffentwicklung als dritte Säule wichtig ist. Aber weil Impfstoffentwicklung eigentlich lange dauert – 10 bis 15 Jahre – war klar, dass diese Säule erst bei der dritten, fünften oder zehnten Welle eines neuen Virus zum Tragen kommen kann, nicht gleich in der aktuellen ersten Phase. Als vor zehn Jahren das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung gegründet wurde, haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, herauszufinden, wie sich deutlich schneller mit Impfstoffen auf Epidemien reagieren lässt. Daraufhin haben wir den Vektorimpfstoff entwickelt, der als Impfstoffplattform dient. Wir können das Erbgut von MVA mit dem Gencode beliebiger Impfproteine spicken. Mit Mers-Viren und mit Ebola habe wir das schon gemacht, so mussten wir für Sars-CoV-2 nicht bei null anfangen.

Ein Baukasten-Prinzip.

Genau. Diese Plattform soll irgendwann so ausgereift sein, dass wir rasch ein neues Impfprotein einbauen können, zügig Tierversuche und kleinere klinische Studien starten können und gar keine großen Phase-3-Studien mehr notwendig sind – weil die Risiken schon bekannt sind. Auf diese Weise könnten wir binnen sechs Monaten auf eine Pandemie reagieren. Unser Projekt war bis Anfang des Jahres so weit gediehen, dass wir uns in der Lage sahen, innerhalb von anderthalb Jahren einen Impfstoff parat zu haben, wenn wir uns extrem sputen und Geld keine Rolle spielt. Dass andere es nun aber in weniger als einem Jahr schaffen, hätte ich zu Beginn der Pandemie nicht gedacht.

Können Pharmafirmen schneller agieren als akademische Institutionen?

Für große klinische Studien sind Pharmafirmen besser gerüstet. Akademische Forscher haben aber auch viel dazu beigetragen, dass es jetzt überall schnell geht. Das Thema hat noch mal enorm Aufwind bekommen durch die großen Ebola-Ausbrüche ab 2014 in Westafrika. Von da an war klar, dass solche Epidemien kein regionales, sondern ein globales Problem sind. 2016 wurde die weltweite Allianz Cepi gegründet, die Coalition for Epidemic Preparedness Innovations, in die Regierungen, WHO, Impfstoff-Industrie und Stiftungen insgesamt eine Milliarde Dollar eingezahlt haben – um Impfstofftechnologien zu fördern, mit denen sich auf Epidemien schnell reagieren lässt.

Das heißt, dass alle Bemühungen, die in diesem Jahr stattfanden, auch künftig nützlich sein werden – wenn irgendwann ein anderes gefährliches Virus aus dem Tierreich überspringt?

Mit Blick auf schnelle Impfstoffentwicklung haben Wissenschaft und Gesellschaft durch Corona enorme Fortschritte gemacht. Wir haben gesehen, was möglich ist, wenn sich alle auf ein Problem fokussieren.

Wie könnte es mit der Corona-Impfung weitergehen? Wäre denkbar, sie zu einer Anti-Erkältungs-Impfung weiterzuentwickeln?

Eine Impfung, die vor sämtlichen Erkältungen schützt, wäre ein schwieriges Unterfangen, weil es neben Coronaviren zum Beispiel mehr als hundert Arten von Rhinoviren gibt, die Schnupfen und Co. auslösen. Rhinoviren verursachen etwa die Hälfte aller Erkältungen, Coronaviren etwa 30 Prozent. Denkbar wäre es, auch gegen die anderen Coronaviren zu impfen. Aber das hat zurzeit gewiss keine Priorität – zumal ein gewöhnlicher Schnupfen zwar lästig ist, aber nicht lebensbedrohlich.

Das Gespräch führte Anne Brüning.

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