Den Kindern die Natur näher bringen, die Natur den Kindern näher bringen. 
Foto: imago images/Cavan Images

Berlin Vögel hören, Kräuter riechen und dabei barfuß laufen. Das Wichtigste: Die Kinder sollen einfach machen. So würde ich die Geheimisse der Wildnispädagogik auf wenige Wörter herunterbrechen. Zumindest nach meiner Erfahrung mit der ausgebildeten Wildnispädagogin Verena Hillgärtner, die ich an einem Donnerstagvormittag vor dem Plänterwald treffe. Zusammen mit meinem zweijährigen Sohn, der bisher nicht oft von mir im Wald ausgesetzt wurde. Ich bin nicht so dicke mit dem Wald. Stellenweise ist er mir sogar ziemlich unheimlich. Bestenfalls blättere ich mal durch einen Bildband und bin beeindruckt, was Bären alles können, bin mir aber sehr sicher, dass ich keinen Bären begegnen möchte.

Aber weil ständig Leute davon reden, wie wichtig die Natur für Kinder ist, stehe ich also an der Bushaltestelle Eichbuschallee und öffne mich innerlich für alles, was in den nächsten zwei Stunden kommen wird. Und dabei lerne ich schon meine erste Lektion nach wenigen Minuten: Um den Wald zu fühlen, muss man hineingehen.

„Der Wald ist ein Erlebnis“, erklärt mir Verena als wir den Pfad an der Eichbuschallee betreten. Sie hat kein bestimmtes Programm, wenn sie mit Familien in den Wald geht. „Das ist das Tolle daran, man kann sich einfach treiben lassen“, sagt sie und lässt mich entscheiden, welchen Weg wir nehmen. Die Stimmung wird eine ganz andere, je tiefer wir in den Wald hineingehen. Es wird kühler, das Licht gemütlicher. Verena ist ruhig, ihre Schritte sind nicht so forsch wie meine, also verlangsame ich mein Tempo und lasse die gehetzte Großstadtmama hinter mir.

Das ist in Berlin eigentlich nicht schwer. Wir sind nicht eine Stunde raus nach Blankenfelde gefahren, sondern gerade mal 20 Minuten mit dem Bus. Auch wenn ich natürlich um Berlins grüne Seiten weiß, nutze ich sie nur selten. Der Plänterwald, den ich aus meiner Kindheit wegen seines Vergnügungsparks kenne, ist mit seinen stolzen 89 Hektar eigentlich der perfekte Ort, um der Großstadt zu entkommen. An einem Baum schließe ich den Buggy an. Mein Sohn läuft einfach drauf los und führt uns zufällig zu einer kleinen Stelle, die von einem Waldkindergarten genutzt wird. Eine Hütte aus Ästen sehen wir und kleine Bilder aus Stöcken und Blättern. Wir vermuten einen Sitzkreis und platzieren uns auf zwei Baumstämmen.

Verena holt ein paar Sachen aus ihrem Rucksack: Schnüre, geschnitztes Besteck, eine Feder und der Knochenschädel von einem Tier. In einer Räucher-Muschel zündet sie getrockneten Gartensalbei an. Der Rauch ist ein kleines Ritual, um den Wald zu begrüßen. Wir sind jetzt hier und dankbar dafür. Als DM-Mutti mit Quetschies in der Tasche und vollem Handy-Akku guck ich natürlich erst mal nicht schlecht. Bisschen spinnen tut die irgendwie schon, denke ich, aber ich ja auch, weil ich dachte, hier könnte es Bären geben. Zusammen mit der Mücke auf meiner Hand puste ich meine Vorurteile weg. Einfach mal dankbar sein, eigentlich sehr nett.

Mein Sohn inspiziert die Sachen, während ich mich mit Verena unterhalte. Sie fragt mich, ob mir der Vogel mit dem gelben Schnabel aufgefallen wäre, der hier schon seit unserer Ankunft sitzt und singt. „Ist es nicht schön,“, fragt sie mit einem Lächeln, „dass wir nur ein paar Minuten gelaufen sind und plötzlich Tiergeräusche hören können?“ Verena fängt an aufzuzählen, was sie alles noch hört, was diese Geräusche mit Kindern machen, warum es für ihrer Entwicklung wichtig ist, der Natur zuzuhören.

Eine Eule sein

Ein Spiel, das die 32-jährige Wildnispädagogin gerne mag: Die Kinder schlüpfen in die Rolle eines Tieres. Eine Eule zum Beispiel. Wie sitzt sie im Baum? Umgreifen ihre Zehen einen Ast dabei? Wie bewegt sie sich? Nicht nur vom Wald lernen, sondern sich mit ihm verbinden. Achtsam sein gegenüber allem Leben, sei es ein Käfer oder eine Brennnessel. Erforschen, wie das Blatt eines Ahorns aussieht und inwiefern es sich von einem anderen Blatt unterscheidet. Für einen Moment also mal das Schulwissen vergessen und enge Klassenräume mit geschlossenen Türen. Wir sind draußen im Wald, wir brauchen kein Buch, nur unsere Sinne.

Was von Leuten wie mir gerne als Spinnerei abgestempelt wird, hat heute richtig Nachfrage. Die Wildnisschule in Berlin Karow etwa, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Wildnispädagogik und Naturmentoring zu vermitteln. Dort kann man eine Jahresausbildung absolvieren wie die von Verena oder als Familie Kurse belegen. „Outdoor Erste Hilfe“, „Floßbau und Teambuilding“ und „Bogen bauen“ gehören zu den Angeboten. Es gibt Wildniscamps für Kinder und ganze Schulklassen. Der Kurs „Wildniswissen Basiskurs“ kostet 200 Euro, plus 60 Euro Pauschale. Drei Tage dauert er, inklusive An-und Abreise. Mittlerweile ist bei vielen Eltern angekommen: Wer die Natur schätzen lernt, will sie auch schützen. Genau hier fängt Umweltschutz an. Ob man dafür gleich viel Geld ausgeben muss, sei mal so dahin gestellt. Wer sich mit Verena im Wald trifft, zahlt keine Gebühr, kann aber freiwillig eine kleine Spende geben.

Die Wildnispädagogik will zeigen, wie man der Natur näher treten und sich auf das Wissen der Naturvölker besinnen kann: Spurenlesen, Vogelsprache, die Wirkung der Wildkräuter kennen, Werkzeug herstellen, Feuer machen.

Natürlich habe ich mir bei YouTube schon Survival-Shows angeschaut, in der durchgeknallte Wildnis-Typen für ein paar Wochen ohne Zelt und Butterbrote ausgesetzt werden. Ich möchte von Verena wissen, ob sie im Wald überleben könnte. Sie lacht ein bisschen und sagt „Ja!“. 

Die Himmelsrichtungen kennen

Sie erklärt mir, dass sogar mein Sohn im Prinzip schon überleben könnte oder jedenfalls nach einer gewissen Zeit keine Angst mehr hätte, wäre er alleine im Wald. Irgendwann schärfen sich die Sinne. Die Orientierung wird einfacher. Wo ist Norden, wo ist Süden? Welche Uhrzeit haben wir, gemessen an der Lichteinstrahlung? Welche Wegmarkierungen gibt es, die man sich gut merken kann. Verena erklärt, sie kennt Dreijährige, die mit Messern umgehen können und aus Holz einen Löffel schnitzen.

Verena, die mir sympathisch ist, empfiehlt mir gleich noch eine App für mein Handy. Falls ich doch mal wissen möchte, wie eine Pflanze heißt, eignet sich dafür PlantNet. Trotz großer Waldliebe ist sie aufgeschlossen für die neuen Medien. Einen Podcast hat sie. Und einen Blog, der Wieder Wilder Werden heißt und mit interessanten Beiträgen rund um Kräutertees und Mondphasen von ihr bestückt wird. Sogar auf Instagram @wiederwilderwerden kann man sie finden.

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Große Bärlauch-Liebe!💚 :: Die Bärlauch-Saison neigt sich langsam aber sich dem Ende zu. Deswegen gab's heute ein paar der letzten gesammelten Bärlauchblüten feierlich zum Abendessen.🌿😍 :: Zwei Sachen, die mir noch am Herzen liegen: :: 🌿Bitte sammle immer nur so viel, wie du wirklich brauchst! Die Pflanzenleute haben es eh oft schon schwer genug. Das "da draußen" ist kein weiterer Supermarkt, in dem wir uns einfach nach Belieben bedienen dürfen. Es ist ein sensibles und wundervolles Netzwerk an Verbundenheit, in das wir nur mich großer Achtsamkeit und Wertschätzung eingreifen sollten :)🙏 :: 🌿Nimm die Pflanzen nur mit nach Hause und esse sie, wenn du dir zu 1000% sicher in der Bestimmung bist. Vertraue da gerne deinem Bauchgefühl. Wenn der kleinste Zweifel aufkommt, lass sie lieber stehen und lerne sie noch besser kennen 🌱 :: Wenn dich das Thema Wildpflanzen und deren Verwendung weiter interessiert, möchte ich dir hier noch ein paar Lieblingsaccounts zu dem Thema empfehlen: 🌿@wildekultur 🌿@vildvuchs 🌿@blattunddorn :: Was hast du schonmal aus Wildkräutern gemacht? Was ist dein Lieblingswildkraut? :: #bärlauch #wildeküche #wildkräuterküche #wildedibles #rewildyourfood #natureaddict #naturelover #bärlauchsuchti #bärlauchblüten #nature #plantaddict #ihavethisthingwithplants #livingwithplants #plantlover #plantsmakemehappy #wiederwilderwerden #dankbarkeit #natureisawesome

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Ich komme langsam richtig in Stimmung. Und nicht nur ich. Mein Sohn fängt an zu erkunden. Er schnappt sich einen Stock, wippt auf einem Ast. Er versichert sich manchmal, dass ich noch da bin. Dann zieht er los. Barfuß ist es am besten, meint Verena. Um den Boden, auf dem wir laufen, zu spüren. Als einen Teil der Natur soll sich das Kind begreifen, nicht als Mensch, der sie (aus-)nutzt.

Das sind Ansätze, die mir als bildschirmbesessene, ab und an billigfleischkaufende Mutter natürlich zu denken geben. So bin ich auch beeindruckt von der Idee, mir einen „Sitz“ zu suchen. Also eine ganz bestimmte Stelle, die ich mir aussuche und an die ich immer wieder zurückkehre. Verena deutet auf einen Baum, sagt, es reiche schon, mich da an den Stamm zu lehnen. Kann sein, dass eine Amsel sich auf meinen Fuß setzt oder ein Fuchs sich blicken lässt.

Die Erfahrungen im Wald können Kindern helfen, ihre Konzentration zu steigern und Selbstvertrauen zu gewinnen. Dann sind sie besser vorbereitet auf das, was sich später mal Stress und Alltag nennt. Deswegen würde ich nicht gleich mein Kind bei einem Waldkindergarten anmelden, aber zumindest darauf achten, dass wir möglichst oft im Wald spazieren gehen.

Nach zwei Stunden verlassen wir den Plänterwald wieder und haben ein kleinen Strauß mit Bärlauch in der Hand. Bären mag ich nicht, Bärlauch aber schon! Wir verabschieden uns von Verena. Ich wäre gerne noch länger geblieben, aber mein Sohn hat Termine. Trotzdem bin ich mir sicher: Wir kommen wieder. Nur drei Tage später, um genau zu sein.