Berlin/Neu-Delhi/London - In Indien schießen die Corona-Fallzahlen derzeit in die Höhe. Innerhalb von 24 Stunden wurden 274.000 Neuinfektionen erfasst. Zudem starben an einem einzigen Tag 1619 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19. Ursache dafür könnte die neue Corona-Mutante B.1.617 sein. Sie sei Untersuchungen aus dem indischen Bundesstaat Maharashtra zufolge bei 60 Prozent der Infektionen gefunden worden. Auch in Europa wurde sie bereits nachgewiesen. „In Deutschland sind insgesamt acht aus dem März stammende Sequenzen der Linie B.1.617 identifiziert worden“, teilte das RKI mit.

Die Variante trage zwei Mutationen an einem Oberflächenprotein, die auch von der britischen, südafrikanischen oder kalifornischen Variante des Coronavirus bekannt seien. Sie würden „mit einer reduzierten Neutralisierbarkeit durch Antikörper oder T-Zellen in Verbindung gebracht, deren Umfang nicht eindeutig ist“, erläuterte das RKI. Das heißt: Möglicherweise könnten Geimpfte und Genesene vor einer Ansteckung mit dieser Variante weniger gut geschützt sein.

Dennoch bewerten Experten die Variante B.1.617 derzeit noch zurückhaltend. Für eine Einstufung als „besorgniserregend“ fehle bislang „die entsprechende Evidenz“, teilte eine RKI-Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur mit.

WHO hat B.1.617 als „Variant of Interest“ eingestuft

Auch bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) steht B.1.617 bisher nur unter Beobachtung – und wird als „Variant of Interest“ eingestuft. Als besorgniserregend gilt eine Variante, wenn bekannt ist, dass sie sich leichter ausbreitet, schwerere Krankheiten verursacht, dem Immunsystem entgeht, das klinische Erscheinungsbild verändert oder die Wirksamkeit der bekannten Instrumente verringert, wie eine WHO-Sprecherin erläuterte.

Dies ist bei den in Südafrika (B.1.351) und Brasilien (P.1) entdeckten Mutanten der Fall. Sie hat die WHO als besorgniserregend eingestuft – als sogenannte „Variants of Concern“. Das gilt auch für die sehr ansteckende, Ende 2020 in Großbritannien entdeckte Mutante B.1.1.7, die inzwischen auch in Deutschland die dominierende Variante ist.

Das indische Gesundheitsministerium hatte Ende März über die sogenannte Doppelmutante berichtet. Wie oft sie bisher vorgekommen ist, konnte ein Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums auf Anfrage nicht sagen. In einer kürzlich veröffentlichten Mitteilung hieß es, sie sei inzwischen in Ländern wie Deutschland, Australien, Belgien, Großbritannien, den USA oder Singapur zu finden. Eine höhere Übertragbarkeit sei nicht nachgewiesen. Einige Experten in Indien gehen jedoch davon aus, dass die Mutante zu den schnell steigenden Infektionszahlen in Indien beitragen könnte.

Wegen der Corona-Lage in Indien hat der britische Premierminister Boris Johnson einen für Ende April geplanten Besuch dort abgesagt. Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock kündigte an, Indien auf eine „rote Liste“ zu setzen. Reisende, die von Freitag an aus dem Land in Großbritannien eintreffen, müssen die vorgeschriebene zehntägige Quarantäne auf eigene Kosten in einem Hotel verbringen. In Großbritannien wurden nach Angaben vom Sonntag 77 solche Fälle entdeckt. Es gebe keine Hinweise darauf, dass die Variante ansteckender ist als die bisher bekannten oder nicht auf Impfstoffe reagiere, hatte ein Kabinettsmitglied gesagt.

In Dänemark sind seit März elf Fälle der Variante aufgetreten. Dabei handelt es sich nicht um einzelne Personen, sondern um eine oder zwei zusammenhängende Gruppen. Das sagte ein Virusforscher des Staatlichen Seruminstituts dem Dänischen Rundfunk am Montag. Er erwartet keine hohe Dunkelziffer, da man in Dänemark so gut wie alle positiven Proben sequenziert.

B.1.617 in Europa bislang selten

Für die Variante gebe es nicht viele Daten, sie sei in Europa sehr selten, sagt Richard Neher, Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien am Biozentrum der Universität Basel. „Aus den wenigen Beobachtungen kann man noch keinen verlässlichen Trend ableiten, aber das sollte genau beobachtet werden.“ Über eine Vielzahl von Varianten mit bemerkenswerten Mutationen existiere nicht viel Wissen. „Insofern glaube ich nicht, dass B.1.617 mehr Aufmerksamkeit verdient als andere Varianten“, teilte Neher mit.

Der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten, hatte die indische Variante Ende März ebenfalls nicht als Grund zur Beunruhigung gesehen.

Der SPD-Gesundheitsfachmann Karl Lauterbach jedoch wittert Gefahr. Er bezeichnete B.1.617 kürzlich bei Twitter als besorgniserregend. Der Anteil der Variante in Großbritannien wachse schneller als der aller anderen Varianten. Dabei gebe es dort auch schon viele Geimpfte. Die Entwicklung bedeute besondere Gefahr für Deutschland, weil schon B.1.1.7 „über UK sehr schnell zu uns kam“.