Woher er kommt, weiß bislang niemand. Erstmals entdeckt und identifiziert hat man den Hefepilz im Jahr 2009 im äußeren Gehörgang einer 70-jährigen Patientin aus Japan. Das hat ihm seinen Namen gegeben: Candida auris. Auris ist das lateinische Wort für Ohr.

Im Ohr ist der Pilz jedoch nicht geblieben. Seit seinem ersten Auftauchen hat der Einzeller weltweit viele Hundert Menschen infiziert, vorrangig in Krankenhäusern. Es kam zu Infektionen der Harnwege, von Wunden und des Bluts. Nicht wenige der Patienten sind an einer Blutvergiftung gestorben. Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention) schätzt, dass zwischen 30 und 60 Prozent aller Infektionen, bei denen Candida auris in den Körper eindringt, tödlich enden. Auf ihrer Internetseite warnt die Behörde vor einer weltweiten tödlichen Bedrohung.

Auch hierzulande weiß man um die Gefahr. „Wir kennen größere Ausbrüche in Kliniken unter anderem aus Großbritannien und den USA“, sagt Volker Rickerts, der stellvertretende Leiter des Fachgebiets für Erreger von Pilz- und Parasiteninfektionen und Mykobakteriosen am Berliner Robert-Koch-Institut (RKI). „Da die dortigen Hygienebedingungen vermutlich nicht schlechter als bei uns sind, müssen wir davon ausgehen, dass es früher oder später auch hierzulande zu Ausbrüchen kommen wird.“

Bislang kennt man aus Deutschland nur Einzelfälle. „Im Jahr 2015 haben wir zwei Infektionen mit Candida auris registriert, 2016 gar keine und 2017 fünf“, sagt Oliver Kurzai, der Leiter des Nationalen Referenzzentrums für invasive Pilzinfektionen (NRZMyk) in Jena und Professor für Medizinische Mikrobiologie und Mykologie an der Universität Würzburg. Die meisten der Patienten seien, soweit man wisse, zuvor im Ausland gewesen. Wo die Infektionen hierzulande aufgetreten sind, will Kurzai nicht verraten. Nur so viel: Aus Berlin und Umgebung kenne man bisher keine Fälle. Auch tödliche Infektionen habe es in Deutschland nach bisherigem Kenntnisstand noch nicht gegeben, betont der Mediziner.

Vor allem Schwerkranke gefährdet

Zu erhöhter Wachsamkeit mahnen die Experten dennoch, vor allem aus zwei Gründen: Erstens ist Candida auris, ähnlich wie man es von anderen Krankenhauskeimen kennt, gegen viele gängige Medikamente resistent. Das ist für Pilze eher ungewöhnlich und macht den Erreger schwer behandelbar. Zweitens wird der Keim, da er so neu ist, von den meisten Labortests noch nicht erkannt. Infektionen bleiben somit oft längere Zeit verborgen.

Genetische Analysen haben ergeben, dass Candida auris auch schon vor 2009 Menschen befallen hat, erstmals vermutlich 1996 in Südkorea. „Weitere Studien zeigten dann, dass es mindestens vier verschiedene Typen des Pilzes gibt, die sich in ihrem Erbgut leicht voneinander unterscheiden“, sagt Kurzai. Offenbar haben sie unabhängig voneinander, aber mehr oder weniger zeitgleich Menschen an mehreren Orten der Welt infiziert. „Bei neuartigen Viren wissen wir, dass sie oft aus dem Tierreich stammen“, sagt Kurzai. „Bei dem Hefepilz aber tappen wir, was seine Herkunft betrifft, noch im Dunkeln.“

Andere Hefen, die den Menschen besiedeln, etwa Candida albicans, sitzen oft auf der Haut, auf den Schleimhäuten und im Darm. Probleme verursachen sie dort nicht. Erst wenn das Immunsystem aus irgendeinem Grund geschwächt ist, vermehren sie sich mitunter so stark, dass es zu entsprechenden Symptomen kommen kann – beispielsweise zu einer Candidose, auch bekannt als Soor.

„Bei klassischen Candida-Erkrankungen handelt es sich eigentlich immer um solche endogenen Infektionen“, sagt Kurzai. Auch das mache Candida auris so ungewöhnlich: dass er von Mensch zu Mensch und über kontaminierte Oberflächen weitergegeben werden könne. Die Übertragung erfolgt höchstwahrscheinlich stets per Schmierinfektion. Eine Ansteckung über die Luft, wie es bei Erkältungsviren oft der Fall ist, hält Kurzai hingegen für nahezu ausgeschlossen.

Größere Ausbrüche in Krankenhäusern kennt man bislang aus 14 Ländern weltweit. In vier weiteren Ländern wurden einzelne Infektionen registriert. In den USA verzeichneten die Behörden bis Ende November des vergangenen Jahres 174 infizierte Patienten, vorrangig in den Bundesstaaten New York und New Jersey. „Der bisher größte Ausbruch in Europa ereignete sich 2015/2016 in einer herzchirurgischen Abteilung einer Klinik in London, wo es zu 50 Infektionen kam“, berichtet der RKI-Experte Rickerts. „Alle dort isolierten Erreger waren resistent gegen das gebräuchliche Anti-Pilz-Mittel Fluconazol, in der Regel aber empfindlich gegenüber Echinocandinen.“ Gestorben ist in dem Londoner Krankenhaus damals niemand.

Ohnehin scheint es so zu sein, dass der Keim gesunden Menschen wenig bis gar nichts anhaben kann. Deren Immunsystem hält den Hefepilz offenbar leicht in Schach. „Gefährdet sind vor allem schwer kranke Menschen, die längere Zeit im Krankenhaus verbringen müssen und deren Körperabwehr geschwächt ist – entweder aufgrund ihrer Krankheit oder durch die Einnahme von Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken“, sagt Kurzai. Oft lasse sich daher auch gar nicht mit Bestimmtheit sagen, ob die Patienten tatsächlich an der Infektion mit Candida auris oder infolge ihrer Erkrankung gestorben seien.

Hygienemaßnahmen helfen

Handlungsbedarf sieht Kurzai derzeit vor allem in den Krankenhäusern, in Laboren und bei den Herstellern der Testverfahren. „In den Kliniken helfen einfache Hygienemaßnahmen, den Keim zu bekämpfen“, sagt er. „Infizierte Patienten sollten isoliert werden, beim Umgang mit ihnen müssen Handschuhe und eventuell ein Überkittel getragen werden und natürlich ist auf eine entsprechende Händehygiene zu achten.“ Gängige Desinfektionsmittel töten den Pilz in aller Regel ab.

Labormitarbeiter, die den Erreger nachweisen sollen, müssten sich darüber im Klaren sein, dass nicht alle gebräuchlichen Testverfahren in der Lage seien, den Keim sicher zu identifizieren, sagt Kurzai. Gerade bei älteren Tests könne es zu Verwechselungen mit anderen Pilzarten kommen. „Oder das Ergebnis zeigt einfach, das irgendetwas nicht stimmt.“ In solchen Fällen solle am besten das NRZMyk zu Rate gezogen werden.

Gefragt sind daher jetzt vor allem auch die Hersteller der kommerziellen Tests. „Bei den gängigen Verfahren wird ein massenspektrometrisches Profil des Erregers erstellt, das anschließend automatisch mit den vorhandenen Profilen einer Datenbank abgeglichen wird“, erklärt Kurzai. Zum Teil sei Candida auris in diesen Datenbanken aber noch gar nicht enthalten – obwohl man die Sequenzen, die zu seiner Identifizierung erforderlich sind, längst kennt. „Es ist daher an der Zeit, dass die Testhersteller ihre Datenbanken aktualisieren und den multiresistenten Pilz mit aufnehmen“, sagt der Mediziner.

Am wenigsten Gedanken um den neuen Erreger müssen sich derzeit – darin sind sich Kurzai und der RKI-Experte Rickerts einig – gesunde Menschen machen. „Doch selbst Patienten, denen ein Klinikaufenthalt bevorsteht, sollten sich vor einer Infektion mit Candida auris zum jetzigen Zeitpunkt nicht fürchten“, sagt Kurzai. Dafür sei das Risiko einer Ansteckung schlichtweg zu gering.