Endlose Weiten: Das, was der bundesweit größte Waldbrand seit Jahrzehnten hinterlassen hat, sieht aus wie ein Schlachtfeld. Mareike Krug und Ulrike Selk wollen, dass hier bald ein schöner Birkenwald wächst.
Foto: BLZ/Markus Wächter

KaulsdorfKerzengerade und dünn steht er da, dieser Baum. Es ist eine Kiefer, vielleicht 15 Meter hoch. Dass an ihrem langen Stamm keine Äste wachsen, ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass der Baum in den 70 Jahren seines Lebens hier nicht allein stand, sich also nicht in alle Richtungen entfalten konnte. Diese Kiefer muss umstellt gewesen sein von anderen Bäumen. Ein typischer Brandenburger Wald eben, in dem die Kiefern so dicht stehen, dass sie kerzengerade dem Lichte entgegenstreben. Nur ganz oben grünt dann normalerweise eine kleine, dichte Baumkrone.

Doch neben dieser Kiefer steht sonst kein Baum. Hier, gleich hinter dem Örtchen Klausdorf bei Treuenbrietzen, sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld. Die Ebene ist weit und kahl. Der Boden ist aufgewühlt und schwarz von Asche. Dass an dieser Stelle einmal ein dichter Kiefernwald stand, davon zeugen noch unzählige Äste am Boden.

Brand vernichtete Fläche so groß wie Tempelhofer Feld

Am 23. August 2018 hing über Brandenburg die größte Hitze seit Beginn der Wetteraufzeichnungen – um 12.38 Uhr brach in diesem Wädchen ein Feuer aus. Die ausgetrockneten Bäume und der verdorrte Boden wirkten wie Brandbeschleuniger. Das Feuer raste mit Tempo 80 durch die Kiefern und entwickelte sich zum größten Waldbrand in ganz Deutschland seit Jahrzehnten. Am Ende waren es drei Brandherde, und nach etwas mehr als 24 Stunden hatten die Flammen 380 Hektar Wald vernichtet – eine Fläche fast so groß wie das Tempelhofer Feld in Berlin.

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Der Wald fehlt noch immer. Am Anfang der riesigen Brache bei Klausdorf steht nur noch dieser eine dürre Baum. Der Stamm ist verkohlt und schwarz, die zerzauste Krone ist kahl. Nach dem Brand haben die Förster beschlossen, diesen Baum nicht zu fällen. Der Baum ist ein Mahnmal.

„Ich bin wirklich schockiert“, sagt Mareike Krug, als sie die riesige Brache zum ersten Mal betritt. Weit hinten am Horizont ist Wald zu sehen, so einer, wie er hier fehlt. „Mit diesem Ausmaß an Schäden habe ich nicht gerechnet.“ Es sei ein großer Unterschied, etwas über einen solchen Brand zu lesen oder die Folgen dann selbst zu sehen. Deshalb freut sie sich, dass sie und ihre Mitstreiter hier bald helfen können.

Mit Bepflanzung effektiver Beitrag gegen Klimawandel 

Mareike Krug ist an diesem Tag extra aus Cuxhaven angereist. Die studierte Juristin, die bis vor kurzem noch in Berlin lebte und im Öffentlichen Dienst arbeitete, gehört zu den sechs Gründern der Initiative „Deutschland forstet auf“. „Unser Ziel ist es, dass in den nächsten Jahren bundesweit Millionen Bäume neu gepflanzt werden“, sagt die 35-Jährige. Der Grund für ihr ehrenamtliches Engagement sei einfach: In der Studie einer Schweizer Uni haben sie gelesen, dass das Pflanzen von Bäumen die derzeit effektivste Maßnahme zum Klimaschutz sei. „Über unsere Internetplattform wollen wir all jene, die helfen wollen, mit all denen zusammenbringen, die Hilfe benötigen“, sagt sie.

Für die Brache des größten Waldbrandes der vergangenen Jahrzehnte ist für den 7. März eine Aktion geplant. „Es werden etwa 200 Freiwillige mitmachen, ein paar Plätze sind noch zu vergeben. Es ist die bundesweit bislang größte Pflanzaktion, die wir unterstützen.“

Ulrike Selk steht mitten auf der weiten baumlosen Fläche und öffnet den Kofferraum ihres Geländewagens – darin liegt ein großer Berg dünner leuchtend oranger Bambusstäbe. Es sind Tausende. Jeder ist einen Meter lang und wurde von der Mitarbeiterin des Landesbetriebs Forst mit Leuchtfarbe besprüht. Die Forstwissenschaftlerin nimmt sich ein Bündel und steigt über einen frisch gesetzten Zaun. Der schützt eine fünf Hektar große Fläche, die bald bepflanzt werden soll. Die 32-Jährige schaut kurz und steckt den ersten Stab in den Boden. Dann geht sie acht Schritte weiter und platziert dort den nächsten Stab. Die beiden Frauen werden nun drei Stunden lang diese Brache abstecken, und am Wochenende pflanzen dann Freiwillige an jedem Stab neun Bäume.

Birken durch schnellen Wachstum besonders geeignet

Es werden Birken sein, denn Ulrike Selk betreibt beim Landesforstbetrieb das Projekt „Plan B“. Das B steht für Birke, denn Selk will zeigen, wie vielfältig und wichtig die oft geschmähte Birke ist. Birken sind sogenannte Pioniergewächse, erzählt sie. „Sie wachsen schnell und sorgen dafür, dass hier schon bald wieder ein Wald wächst.“

Die Zeit drängt. Einerseits schreibt das Gesetz vor, dass auf einer niedergebrannten Waldfläche nach drei Jahren wieder Bäume nachgepflanzt sein sollen. Andererseits muss aus ökologischen und pragmatischen Gründen gehandelt werden: Denn diese riesige Brache ist wie eine Steppe. Wenn es hier nicht schon bald wieder grünt, dörrt die Sonne im Sommer den Boden weiter aus und der Wind weht noch mehr Nährstoffe einfach davon.

Ulrike Selk ist so etwas wie die Herrin des Geschehens. Sie ist diejenige, die mit dem Landesforst die Bäume besorgt und die Pflanzaktion plant: Wo kommen die 10.000 Birken hin, wo die 1400 Kiefern, wo die je 700 Stiel- und Traubeneichen. „Ich bin sehr sehr froh, dass es ,Deutschland forstet auf’ gibt“, sagt Selk. Sie selbst würde zwar bestimmt auch 100 Leute für eine Pflanzaktion zusammenbekommen, aber das wäre eine wochenlange Klein-klein-Arbeit. „Nun muss ich mich nicht um die Freiwilligen kümmern, sondern kann mich ganz auf das Fachliche konzentrieren.“ Das erleichtere die Arbeit ungemein.

Besonders gut findet sie, dass nun ein vielfältiges Publikum angesprochen werde. „Das ist wirklich genial“, sagt sie. „Bäume zu pflanzen ist derzeit ein ganz großer Trend, gerade bei jungen Familien und den Jugendlichen von Fridays for Future.“ Bei Pflanzaktionen seien bereits viele junge Leute dabei gewesen, und die Bewegung wirbt auf einer ihrer Internetseiten auch schon für „Wir forsten auf“.

Erste Waldbewegung postulierte Naturschutz schon 1713

Diese massenwirksame Protestbewegung verlässt nun also auch die Marktplätze und Straßen der Städte – und damit auch die Ebene der reinen Forderungen. Sie zieht in die Wälder, um Bäume zu pflanzen und wird damit zur dritten großen Waldbewegung in Deutschland.

Zum ersten Mal ging es 1713 in Sachsen mit der Erfindung der Nachhaltigkeit um die Rettung des Waldes, als der Oberberghauptmann Hans Carl Carlowitz seine Theorie der „nachhaltenden Nutzung“ der Wälder vorstellte. Er wandte sich gegen den jahrtausendelang üblichen Raubbau im Wald, bei dem viele Staaten wahllos Bäume abholzten. Als Warnung galten ihm die griechischen Inseln, deren einst üppige Wälder für große Kriegsflotten geopfert wurden und die für immer kahl blieben.

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Auch England, Spanien und Frankreich vernichteten große Teile ihrer Wälder für den Bau von Schiffen, für die Befeuerung von Eisenbahnen und den Bergbau. Carlowitz etablierte ein Prinzip, nach dem immer nur so viel Holz gefällt werden darf, wie jedes Jahr tatsächlich nachwächst. Diese erste Waldbewegung führte dazu, dass erstmals die Idee der Schonung von Ressourcen in die Wirtschaft eingeführt wurde.

Die zweite Waldbewegung wurde in den 1980er Jahren durch das damals beklagte Waldsterben ausgelöst. Sie konnte erreichen, dass viele klimaschädliche Gifte und Stoffe auf den Index kamen und dass die Ökologie heute einen Stammplatz in den Programmen aller Parteien hat.

Gleichzeitig wurde die Carlowitz’sche Idee des rücksichtsvollen Umgangs mit Ressourcen zu einem allgegenwärtigen Prinzip in fast allen Lebensbereichen. Mit dem Wunsch nach Nachhaltigkeit scheint heute der aufgeklärte Konsument auch um Vergebung für die vielen Sünden der Vergangenheit zu bitten.

Für Naturschutz: Ecosia tritt 80 Prozent Gewinn ab

Nun also die dritte Waldbewegung – und die pflanzt nicht nur Bäume in Brandenburg. Auch die Computerwelt sorgt für Aktionen in Afrika, Südamerika und Asien. So gibt es zum Beispiel die Suchmaschine Ecosia mit Sitz in Berlin, die sich seit 2009 als Alternative zu Google präsentiert. Die Betreiber werben damit, dass sie 80 Prozent des Gewinns für den Naturschutz ausgeben. Die Idee: Wer auf der Seite 45 Suchanfragen durchführt, sorgt dafür, dass ein Baum gepflanzt wird. Bis Dienstagabend kamen nach Angaben der Firma mehr als 86 Millionen Bäume zusammen.

Dazu kommt ein immer stärkeres Interesse für den Wald. „Das geheime Leben der Bäume“ war 2016 das bestverkaufte Sachbuch. Nun kam der Dokufilm nach dem Bestseller des Försters Peter Wohlleben heraus und lockte seit Ende Januar laut Media Control fast 310.000 Besucher in die Kinos. Er ist damit der erfolgreichste deutsche Dokumentarfilm in diesem Jahr.

Mareike Krug steht auf der riesigen Waldbrandbrache bei Klausdorf. Sie zieht sich eine Mütze gegen den Wind weit in die Stirn und nimmt sich ebenfalls ein dickes Bündel orangefarbener Bambusstäbe. Bei ihr und den Gründern von „Deutschland forstet auf“ war der Auslöser ein Interview, das sie gelesen haben. Nun steckt die 35-Jährige alle acht Schritte einen Stab in den Boden und erzählt, dass die Gründer allesamt Freunde oder Verwandte sind. Sie wohnen in Berlin, Cuxhaven, München und Saarbrücken. „Wir sind junge Familien mit Kindern, wir reden viel über den Klimawandel und darüber, wie die Folgen beherrscht werden können.“ Zwei Pärchen waren im Vorjahr zum Urlaub im Schwarzwald. „Da waren wir nah dran an der Natur und ständig im Wald.“

37 Waldbesitzer planen Aktionstage mit Freiwilligen

Dann lasen sie in einer Studie, wie wichtig das Bäumepflanzen ist, und sie fanden im Internet ein Interview mit Ulrich Dohle, dem Präsidenten des Bundesverbandes der Forstleute. „Er sagte, dass in den vergangenen Jahrzehnten 60 Prozent des Personals in der Forstwirtschaft abgebaut wurden. Wir dachten: In einem so wohlhabenden Land kann es doch nicht sein, dass es nicht genügend Leute gibt, um Bäume zu pflanzen.“

So entstand die Idee für ihre Internetplattform. Mareike Krug erzählt, wie die Gruppenmitglieder sich gegenseitig ergänzen. „Wir können fast alles selbst machen und mussten nichts teuer einkaufen“, sagt sie und rammt den nächsten Stab in den Boden. Ein Webdesigner ist unter den Gründern, der die Gestaltung der Internetseite übernahm, der Chef einer Berliner Start-up-Firma ist dabei. Mareike Krug war selbst noch in Elternzeit und schrieb als Juristin den Gesellschaftsvertrag für ihre Neugründung. „Wir telefonierten und planten oft bis in die Nacht. Es war toll.“

Seit dem 20. Januar ist die Internetseite freigeschaltet – und hat Zulauf: 37 Waldbesitzer haben Aktionstage eingestellt, für die sie Freiwillige suchen, dabei sollen dann 135.000 Bäume gepflanzt werden. Bislang haben sich 481 Erwachsene angemeldet sowie 116 Kinder und Jugendliche. Mareike Krug sagt: „Wir sollten immer daran denken, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir von so vielen schönen Wäldern umgeben sind.“

„Diese Idee hat auch etwas in den Försterköpfen bewirkt“

Ulrike Selk, die Organisatorin der Pflanzaktion, kommt mit leeren Händen zum Auto zurück. Hunderte dünne orangefarbene Striche leuchten nun im tristen Grau der Waldbrandbrache. Sie holt sich einen neuen Packen. Aber erst einmal setzt sie kurz ihren breitkrempigen Hut ab, wischt sich über die Stirn und sagt: „Diese Idee hat auch etwas  in den Försterköpfen bewirkt.“ Viele Waldbesitzer oder Verwalter hätten gern Pflanzaktionen gemacht, hätten auch Bäume und Material besorgt. „Aber viele haben die Organisation der Freiwilligen nicht geschafft.“

Bäumepflanzen sei in Deutschland etwas Besonderes, sagt Ulrike Selk. „Wer ein Haus baut, pflanzt einen Baum davor. Viele, die ein Kind bekommen, pflanzen einen Baum.“ Sie erzählt von einem neunjährigen Mädchen, das vor einiger Zeit zu einer Pflanzaktion kam und sagte: „Ich will einen Baum für meinen toten Hund pflanzen.“ Selk hebt die Schultern. Leider hätten sehr viele Bäume die Trockenheit der vergangenen Monate nicht überstanden und seien eingegangen. „Aber ich habe mir geschworen, dass der Baum des Mädchens unbedingt durchkommen muss“, sagt sie. Nicht nur der.