An der Erforschung neuer Wirkstoffe sind mehrere Berliner Kliniken beteiligt.
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BerlinDass deutsche Wissenschaftler bei der Entwicklung neuer Medikamente ganz weit vorne stehen, wurde erst am vergangenen Wochenende wieder deutlich. Und zwar auf höchster Ebene. 

Medienberichten zufolge bot US-Präsident Donald Trump der Tübinger Biotech-Firma CureVac rund eine Milliarde Dollar, um sich den von ihr entwickelten Impfstoff gegen das Coronavirus exklusiv für die USA zu sichern. Kanzlerin Angela Merkel und mehrere Bundesminister schalteten sich umgehend ein, um die Firma und ihre wertvollen Forschungsergebnisse in Deutschland zu halten. Denn der Tübinger Impfstoff könnte, so denn die kommenden Tests erfolgreich verlaufen, weltweit viele tausend Leben retten.

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Deutschland weltweit die Nummer zwei

Doch nicht nur hier, sondern auch auf anderen Gebieten ist Deutschland spitze in der Medikamentenforschung. So investieren allein die deutschen Pharma-Unternehmen 6,2 Milliarden Euro in die Entwicklung neuer Arzneimittel und Behandlungsmöglichkeiten. Bei 83 Prozent aller Arzneimittel-Studien sind deutsche Kliniken und Ärzte beteiligt. Damit ist Deutschland nach den USA weltweit die Nummer zwei.

Diese ganzen Fortschritte kommen in diesem Jahr vielen Patientinnen und Patienten zugute. Denn die klinischen Studien verliefen so vielversprechend, dass die Hersteller für zahlreiche neue Medikamente die Zulassung beantragt haben. Wird sie erteilt, können die Mittel noch im Laufe der nächsten Monate auch in Deutschland für Therapien zu Verfügung stehen.

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller vfa aus Berlin schätzt, dass im laufenden Jahr in Deutschland mindestens 30 neue Medikamente mit innovativen Wirkstoffen eingeführt werden können, die sich in der klinischen Anwendung an Probanden gut bewährt haben.

Viele von ihnen wirken den Angaben zufolge gegen Krebs, Entzündungen, Infektionen und zahlreiche Volkskrankheiten wie Rheuma oder Migräne. Auch zahlreiche Antikörper wurden entwickelt. Für deren Entdeckung gab es 1984 den Nobelpreis für Medizin. Seitdem gelten sie als Wunderwaffe der Immunabwehr und sind aus der modernen Medizin nicht mehr wegzudenken. Diese Antikörper werden nicht nur gegen Krebs, sondern seit neuestem auch gegen schwere Netzhautschäden bei bestimmten Formen von Altersblindheit eingesetzt.

Mehrere Berliner Kliniken beteiligt

Berliner Forscher haben einen großen Anteil daran. Denn wenn es um die Entwicklung neuer Therapien geht, stehen sie mit in der ersten Reihe. Mehrere Berliner Kliniken sind an der Erforschung neuer Wirkstoffe beteiligt. Patienten haben hier die Chance, sich im Rahmen klinischer Studien bereits mit neuen Medikamenten behandeln zu lassen, bevor diese offiziell zugelassen werden.

Dabei müssen sie sich keineswegs als Versuchskaninchen fühlen. Im Gegenteil. Denn alle Ärzte und Zentren, die solche Studien durchführen, haben große Erfahrung in der Behandlung der jeweiligen Krankheiten. Wer an einer Studie teilnimmt, wird in der Regel von ausgewiesenen Spezialisten besonders intensiv und individuell betreut und engmaschig nachuntersucht. Die Teilnahme ist natürlich freiwillig. Kosten entstehen den Probanden keine.

Im Folgenden nennt die Berliner Zeitung aktuelle Beispiele von demnächst verfügbaren Wirkstoffen und Medikamenten gegen fünf Krankheiten, an denen sehr viele Menschen in der Hauptstadt leiden.


Multiple Sklerose

Multiple Sklerose (MS) ist eine Erkrankung, bei der das Immunsystem des Körpers irrtümlicherweise die Isolierschicht angreift, die Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark umgibt. Nervensignale können dann nicht mehr richtig weitergeleitet werden. In Deutschland sind etwa 230.000 Menschen betroffen.

Im Anschluss an die erste Krankheitsphase, in der immer wieder Schübe auftreten und sich danach zurückbilden, folgt nach circa zehn Jahren bei etwa jedem zweiten Patient eine zweite Phase (die sekundär progrediente MS, kurz SPMS). Dann bessert sich der Zustand nicht mehr, sondern verschlechtert sich kontinuierlich.

Behinderungen wie zum Beispiel Lähmungen, Kraftlosigkeit und Muskelsteife an Armen und Beinen schreiten immer weiter fort.
Außer Interferon-Spritzen und Infusionen von bestimmten Krebsmitteln, die jedoch nur unzureichend gegen MS wirken, gab es bisher kaum Behandlungsmöglichkeiten, um diese fortschreitende Verschlechterung zu verlangsamen.

Mit dem neuen Wirkstoff Siponimod stehen jetzt jedoch die ersten Tabletten zur Verfügung, die das Fortschreiten der SPMS verlangsamen. Siponimod bewirkt, dass entzündungsfördernde Immunzellen in den Lymphknoten bleiben und diese nicht verlassen können. Dadurch gelangen weniger Immunzellen in den Körper und an die Nervenzellen. Das bremst den zerstörerischen Autoimmunprozess. Die Zulassung von Siponimod für Europa erfolgte ganz aktuell vor vier Wochen. Seitdem kann das Medikament auf Kasse verschrieben werden.


Erhöhte Cholesterinwerte

Es hat einen schlechten Ruf. Trotzdem ist es für uns lebenswichtig: Cholesterin! Der Körper braucht es für den Stoffwechsel im Gehirn und um daraus zum Beispiel Gallensäuren und Hormone herzustellen. Deshalb produziert die Leber das meiste Cholesterin selbst. Nur ein Viertel stammt aus der Nahrung.

Doch etwa jeder dritte Deutsche hat zu hohe Cholesterinwerte im Blut. Manchmal essen wir einfach zu viel. Oft produziert aber auch die Leber zu viel eigenes Cholesterin. Beides ist gefährlich. Besonders das LDL-Cholesterin führt zu Gefäßverkalkung und dazu, dass allein in Deutschland jährlich rund 200.000 Menschen an den Folgen von Herz-Kreislauf-Krankheiten sterben.

Wenn Diäten und Sport nicht helfen, verschreibt der Arzt Tabletten, um die Cholesterinproduktion der Leber zu senken. Manchmal treten dabei Nebenwirkungen wie Muskelschmerzen auf. Oder die Fettwerte bleiben trotz der Pillen zu hoch.

Nun haben Wissenschaftler den Wirkstoff Inclisiran entwickelt, der ein Enzym in der Leber blockiert, das für die Cholesterinherstellung verantwortlich ist. Die Substanz schaltet auf Molekül-Ebene ein Gen aus, das dazu wichtig ist. Mehrere Studien mit vielen tausend Patienten haben gezeigt, dass die Molekül-Therapie mit Inclisiran das schädliche LDL-Cholesterin um mehr als 50 Prozent senken kann.

Das Besondere dabei: Der Wirkstoff muss dazu nur zweimal pro Jahr unter die Haut gespritzt werden. Denn die Wirkung einer Spritze hält über sechs Monate an. Aufgrund der guten Studienergebnisse soll die Zulassung schon Anfang 2020 beantragt werden.


Arthritis

Rund eine Million Deutsche leiden unter entzündlichem Gelenkrheuma (Arthritis). Das körpereigene Abwehrsystem greift dabei versehentlich die Innenhaut der Gelenke an und ruft dort Entzündungen hervor. Ohne Behandlung würden diese Entzündungen zu einer vollständigen Zerstörung der Gelenke führen.

Mit moderner Behandlung kann das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamt oder sogar völlig zum Stillstand gebracht werden. Weil jedoch die herkömmlichen entzündungshemmenden Mittel oft nicht ausreichen und zudem viele Nebenwirkungen haben, werden seit einiger Zeit dazu auch Chemotherapeutika wie Methotrexat und moderne Antikörper-Präparate eingesetzt, um die Entzündungen zu hemmen und das Immunsystem zu unterdrücken.

Die neueste Entwicklung zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis ist der Wirkstoff Upadacitinib, der bestimmte Enzyme und die von ihnen ausgelösten Immunreaktionen und entzündlichen Prozesse bremst.

In Studien konnte gezeigt werden, dass sich bei etwa jedem sechsten Patienten, der das Medikament täglich einnahm, schon nach drei Monaten das Gelenkrheuma fast vollständig zurückbildete. 30 bis 50 Prozent der Betroffenen hatten deutlich weniger Beschwerden. Upadacitinib, das als Tablette erhältlich sein wird, kann direkt in die Zellen des Immunsystems eindringen und dort bestimmte Eiweißstoffe unterdrücken. Damit stoppt der Wirkstoff jene fehlgeleiteten Immun-Prozesse, die für die schmerzhaften Entzündungen verantwortlich sind. Die Zulassung wird für dieses Jahr erwartet.


Altersblindheit

Es ist die Krankheit, vor der viele ältere Menschen Angst haben: Makuladegeneration, auch Altersblindheit genannt. Im Bereich der Makula, dem Ort des schärfsten Sehens auf der Netzhaut, sterben Sinneszellen langsam ab. Das Bild verschwimmt. Fensterrahmen erscheinen plötzlich schief. Badezimmerkacheln haben Wellen. Gerade Linien wirken seltsam verzerrt. Lesen wird zum Problem. Erst verschwinden nur ein paar Worte, später ganze Absätze.

Rund eine halbe Million älterer Menschen in Deutschland sind von der selteneren, aber besonders aggressiven feuchten Form der altersbedingten Makuladegeneration (AMD) betroffen. Bei ihnen bilden sich kleine wuchernde Blutgefäße und wachsen in die Netzhaut ein, die Patienten drohen zu erblinden.

Lange gab es dagegen keine Therapie. 2006 dann der Durchbruch. Injektionen mit gentechnisch hergestellten Antikörperpräparaten in den Augapfel konnten die Bildung der fehlerhaften Blutgefäße unterbrechen und damit das Fortschreiten der feuchten AMD verlangsamen und sogar stoppen.

Inzwischen stehen mehrere moderne Mittel dafür zur Verfügung. Sie müssen im Abstand von jeweils ein bis zwei Monaten injiziert werden.
Jetzt wurde die Zulassung für zwei neue Wirkstoffe beantragt. Das Antikörper-Präparat Brolucizumab und der Wachstumsfaktor-Hemmstoff Abicipar Pegol besitzen eine geringere Molekülgröße und dringen nach den Injektionen wahrscheinlich besser in die Netzhaut ein. Sie müssen auch nur noch alle drei Monate injiziert werden.


Migräne

Es hämmert hinter Stirn oder Schläfe. Die eine Kopfhälfte dröhnt vor Schmerz. Das Licht blendet. Geräusche tun weh. Übelkeit stellt sich ein. Und plötzlich geht gar nichts mehr: Jeder zehnte Deutsche leidet unter Migräne-Attacken. Frauen etwa doppelt so oft wie Männer.
Wenn normale Schmerzmittel nicht mehr helfen, verschreibt der Arzt sogenannte Triptane. Als die ersten dieser Wirkstoffe vor 27 Jahren auf den Markt kamen, revolutionierten sie die Migräne-Therapie.

Sie wirken tatsächlich gut – allerdings nur bei zwei Dritteln aller Betroffenen. Zudem dürfen viele Triptane überhaupt nicht einnehmen. Denn sie bekämpfen nicht nur die Schmerzen und lindern die Entzündungsreaktionen an der Hirnhaut, sondern sie verengen auch die Blutgefäße. Deshalb dürfen Patienten mit verengten Herzkranzgefäßen sowie Menschen, die einen Herzinfarkt und Schlaganfall hatten oder an einem Arterienverschluss im Bein leiden, keine Triptane einnehmen. Bisher gab es für sie keine Alternative.

Doch jetzt haben sich gleich drei neue Substanzen in Studien so gut bewährt, dass die Hersteller noch in diesem Jahr die Zulassung beantragen wollen. Die Wirkstoffe Ubrogepant und Rimegepant hemmen den Nervenbotenstoff CGRP, der bei Migräne verstärkt gebildet wird und Schmerzsignale an das Gehirn weiterleitet. Der neue Wirkstoff Lasmiditan verringert dagegen die Freisetzung des Botenstoffes Serotonin, der bei Migräne eine wichtige Rolle spielt.
Die drei Stoffe verengen keine Adern und haben sich als wirksam und gut verträglich erwiesen.