Landau/Krefeld - Selbst in deutschen Naturschutzgebieten sind Insekten mit etlichen Pestiziden kontaminiert. Das zeigt die Auswertung von Insektenfallen, die in bundesweit mehr als 20 Naturschutzgebieten aufgestellt wurden. Pro Schutzgebiet fanden die Forscher durchschnittlich 17 Pestizide, insgesamt wiesen sie 47 solche Stoffe nach. Zum Schutz der Natur fordert das Team um Carsten Brühl von der Universität Koblenz-Landau im Fachblatt „Scientific Reports“ größere Pufferzonen zwischen Naturschutzgebieten und landwirtschaftlichen Flächen.

Zu der Forschungsgruppe zählen auch Mitarbeiter des Entomologischen Vereins Krefeld (EVK). Die Insektenkundler hatten 2017 mit einer Studie im Fachblatt „PLOS One“ international Aufsehen erregt. Demnach war in Deutschland in den vorangegangenen 27 Jahren die Biomasse der Insekten um 75 Prozent gefallen. Der Insektenschwund sei in landwirtschaftlich intensiv genutzten Regionen besonders offensichtlich und gehe dort auch mit einem Rückgang von Vögeln einher, schreibt das Team um Brühl.

Insektenfallen in 21 Naturschutzgebieten

Um die Belastung mit Pestiziden zu ermitteln, stellten die Forscher im Mai und August 2020 in 21 Naturschutzgebieten Fallen für fliegende Insekten auf, die dann in einem Gefäß in Alkohol konserviert werden. Die Gebiete reichten von den Lütjenholmer Heidedünen im Norden von Schleswig-Holstein und der Insel Koos im Greifswalder Bodden bis zur Mühlhauser Halde im Süden von Baden-Württemberg.

Anschließend analysierten die Forscher den Inhalt der Flaschen auf insgesamt 92 Pestizide – also Insektizide, Herbizide und Fungizide. Unter den 47 gefundenen Pestiziden waren 13 Herbizide, 28 Fungizide und sechs Insektizide. In allen Gebieten fand das Team Rückstände von drei Herbiziden und zwei Fungiziden. Das inzwischen verbotene Neonicotinoid Thiacloprid wiesen sie in 16 der 21 Gebiete nach.

Generell war die Zahl der im Mai und im August nachgewiesenen Pestizide ähnlich, wobei im Frühjahr mehr Herbizide gefunden wurden, im August dagegen mehr Fungizide. Fungizide zielen auf Pilze ab, Herbizide – auch Unkrautbekämpfungsmittel genannt – dagegen auf unerwünschte Pflanzen. Sie könnten etwa jene Insekten schädigen, die auf solche Pflanzen angewiesen sind.

Das Team betont, dass die Untersuchung die Kontaminierung vermutlich unterschätze: Denn insbesondere Insektizide könnten zu einer Einschränkung der Mobilität führen, so dass geschädigte Insekten nicht mehr zu den Fallen gelangten.

Forscher fordern Pufferzonen

Weitere Analysen zeigten, dass die Zahl der gefundenen Pestizide in Zusammenhang stand mit der landwirtschaftlich genutzten Fläche in der Umgebung. Demnach waren Tiere insbesondere dann belastet, wenn landwirtschaftliche Flächen innerhalb eines Radius von zwei Kilometern Entfernung lagen. „Eine drastische Pestizid-Reduzierung in großen Pufferzonen um Naturschutzgebiete ist notwendig, um eine Kontaminierung der Insektenfauna zu vermeiden“, so die Forscher.

Insekten spielten eine entscheidende Rolle in den terrestrischen Nahrungsketten – für andere Insekten, Spinnen, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere, schreibt das Team, zu dem auch Mitarbeiter des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) zählen. „In den vergangenen drei Jahrzehnten sind nachweislich bereits 80 Prozent der Biomasse an Insekten verschwunden“, betont Nabu-Präsident Jörg-Andreas Krüger in einer Stellungnahme. „Pestizide sind mitverantwortlich für diesen dramatischen Rückgang. Die Ergebnisse der Studie zeigen deutlich, dass wir dringend pestizidfreie Flächen als Rückzugsorte für Insekten benötigen.“

Mangelnder Naturschutz in Deutschland

Gravierend ist, dass die in der Studie untersuchten Naturschutzgebiete auch als FFH-Gebiete klassifiziert sind. Als Bestandteil des europäischen Naturschutzgebietssystems Natura2000 genießen sie den besonderen Schutz der Europäischen Union. Doch erst Anfang Dezember hat die EU-Kommission Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) verklagt, da die Bundesrepublik nicht genug unternommen habe, um artenreiche Lebensräume in den sogenannten Natura-2000-Gebieten zu schützen.

In Deutschland hätten sich in den vergangenen Jahren immer mehr artenreiche Wiesen in den verschiedenen geschützten Gebieten erheblich verkleinert oder seien sogar gänzlich verschwunden, schreibt die EU-Kommission. Neben Flächenverlust und fehlender Überwachung der Gebiete kritisiert die Kommission vor allem, dass keine verbindlichen Schutzmaßnahmen wie Mahd- oder Düngebeschränkungen festlegt worden sind.