Berlin - Am Vormittag ist Zimmer 2.24 frei geworden. Auf die Art, die sie sich wünschen, Sabine Schroeder und ihre Kolleginnen. Sie haben das Bett durch eine Schleuse geschoben, über einen Gang, um die Ecke zur automatischen Flügeltür, die den Patienten mit einem stoischen Summen verabschiedete. In ein neues Leben, das ihm hier geschenkt wurde auf der Intensivstation von Maria Heimsuchung, der Klinik der Caritas in Pankow.

Intensivpflegerin Sabine Schroeder trägt eine weiße Haube, Schutzbrille, ihre blaue Montur und eine FFP2-Maske, die hier jeder im Haus benutzt, immer und überall wie einen weithin sichtbaren Ausweis im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Und wie ein Versprechen auf deren Ende liegt Zimmer 2.24 nun ruhig und einsam da am ruhigen und einsamen Rand der Station. Die Geräte sind abgestellt, die Monitore schweigen. „Ich mag diese Momente, wenn wir jemanden wieder auf die Normalstation verlegen können“, sagt Schroeder.

Im Januar erst ist die 47-Jährige in ihren alten Beruf zurückgekehrt, nach 14 Jahren Pause, sie hat sich rasch eingelebt. „Ich habe über mich selbst gestaunt, wie schnell das ging.“ Überraschende Rückkehr und rasche Eingewöhnung – beides hatte mit Corona zu tun.

Schroeder gehört zu jener Zielgruppe, die Manager im Gesundheitswesen „Wiedereinsteiger“ oder „Stille Reserve“ nennen und auf die sie ihre Hoffnungen setzen. Wegen der kurzen Einarbeitungszeit, aber vor allem, weil es viele sind. Auf mindestens 120.000 in ganz Deutschland kommt eine Studie aus dem Jahr 2018. Prognosen für Berlin gibt es nicht. Dafür Berechnungen zum Bedarf an Beschäftigten in der Alten- und Krankenpflege: 10.000 zusätzliche Fachkräfte werden bis 2030 in der Hauptstadt benötigt. Berlin wächst, die Menschen werden älter.

Die Berechnungen standen 2019 am Anfang einer Kampagne namens #PflegeJetztBerlin. Aufgelegt hat sie die Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG). An diesem Mittwoch, am 12. Mai, ist der Internationale Tag der Pflege, in dieser Woche geht eine Seite im Internet an den Start, die sich an Wiedereinsteiger richtet. Eine Karte leitet direkt zu den 60 Kliniken und 50 Einrichtungen, die in der BKG organisiert sind. Das Programm für Wiedereinsteiger ist einer von zehn Punkten auf der Agenda, einer der wichtigsten. An der stillen Reserve lässt sich auch gut die Krise im Gesundheitswesen erklären.

Im Schnitt 7,5 Jahre Verweildauer im erlernten Job

Ein Mangel an Fachkräften wird seit langem in der Branche beklagt, während der Pandemie ist das Problem nicht mehr zu übersehen. Mit jeder neuen Infektionswelle geht das System tiefer in die Knie. Es fehlt Personal, das aus dem Beruf abgewandert ist: Der Fachkräftemangel ist eine Fachkräfteflucht. Nur 7,5 Jahre beträgt die durchschnittliche Verweildauer im erlernten Job.

Sabine Schroeder fasst die Fluchtmotive kurz und knapp zusammen: „Unangemessene Bezahlung, hohe Belastung für Körper und Psyche und fehlende Flexibilität.“ Der starre Dienstplan gab 2006 bei ihr den Ausschlag. Fast zehn Jahre hatte sie an der Charité als Intensivpflegerin gearbeitet. „Ich war alleinerziehend“, erzählt sie. „Als mein Sohn in die Schule kam, habe ich darum gebeten, mir beim Dienstplan entgegenzukommen.“ Schulalltag und Drei-Schicht-System passten nicht zusammen. Doch ihr Antrag wurde abgelehnt. „Ich war tief enttäuscht, dass es nicht möglich war, zwei bis drei Jahre flexibel zu überbrücken.“ Nie wieder Pflege! Das dachte sie damals.

12. Mai, Tag der Pflege

Erinnerung: Immer am 12. Mai wird der Internationale Tag der Pflege gefeiert. Erinnert wird an den Geburtstag der britischen Krankenpflegerin und Pionierin der modernen Krankenpflege, Florence Nightingale, die vor 200 Jahren in Florenz geboren wurde. Seit 1965 wird er begangen, seit 1974 stets am 12. Mai.

Protest: Auf Initiative von Mitgliedern der Gewerkschaft Verdi hat sich die Berliner Krankenhausbewegung gegründet. Sie will bessere Arbeitsbedingungen und gleiche Löhne in den landeseigenen Kliniken der Charité und von Vivantes durchsetzen. Am diesjährigen Tag der Pflege übergibt das Bündnis am Roten Rathaus in Berlin eine Petition. Rund 1000 Menschen werden dazu erwartet.

Sie wechselte in die Forschung als Studienschwester an der Charité, nahm drei Jahre später einen langen Erziehungsurlaub, nutzte die Zeit, sich zur Heilpraktikerin ausbilden zu lassen. „Ich wollte in die Prävention, Krankheiten vermeiden“, sagt Schroeder.

Vor gut zwei Jahren eröffnete sie eine Praxis in der Pankower Florastraße. Die Praxis lief gut, sie bot ein breites Spektrum an, von Faszien-Massage bis Gedächtnistraining. Dann kam Corona, Schroeder musste ihr Programm zusammenstreichen. Die Einnahmen sanken, die Miete wurde zu hoch. Im Herbst gab sie die Praxis auf, beschränkte sich auf Homöopathie und Sitzungen per Telefon oder Videochat von der Wohnung aus. „Doch ich kam mit dieser Situation nicht klar.“

Bereits ab April 2020 hatte Schroeder an der Charité drei Monate lang ausgeholfen. „Im ersten Lockdown wurde im Internet für Blitzeinstellungen geworben. Ich habe mich daraufhin gemeldet.“ Nur eine Woche später gehörte sie zum Team von Station 203, einer Intensivstation. „Das Patientenbild war durch Corona immer ähnlich. Das machte es mir einfacher.“

In jenen Monaten merkte Sabine Schroeder, was ihr über die Jahre gefehlt hatte: Teamwork. Doch von der Wohnung in Pankow zum Job nach Mitte war der Weg zu weit; sie hat noch zwei schulpflichtige Mädchen. Beim zweiten Anlauf also suchte sie nach Alternativen. Knapp zehn Fahrradminuten von ihrer Haustür entfernt wurde sie fündig. Schroeder macht jetzt beides: ihre Praxis zu Hause und Intensivpflege in Maria Heimsuchung, wo sie eine Stelle von 60 Prozent hat. „Ich fühle mich hier sehr wohl.“ Ihre Arbeitszeiten passen zu ihren Bedürfnissen.

Schroeder wäre wohl ein schönes Beispiel für Marc Schreiner. Der Geschäftsführer der BKG erzählt am Telefon, dass die Berliner Politik auch nach der Pandemie gefordert sei. Und dass im nächsten Doppelhaushalt die Investitionen für Kliniken nicht wieder heruntergefahren werden dürften, was ja im Raum stehe. Schreiner erklärt schließlich, was es mit der Initiative #PflegeJetztBerlin auf sich hat: Dass es sich um eine dauerhafte Kampagne handelt. Dass hinter den zehn Punkten derzeit 150 Einzelprojekte stehen. Dass sie unter anderem zeigen wollen: „Es gibt flexible Arbeitszeiten.“

Jetzt spricht der Geschäftsführer über das Thema Außenwirkung: „Der Pflegeberuf ist ein toller und krisensicherer Beruf“, sagt er. „Das Image des Berufs ist nicht schlecht. Was ein schlechtes Image hat, sind die Arbeitsbedingungen.“ Schreiner sagt: „Da müssen wir ran.“

Zum Beispiel beim Abbau von Bürokratie: „Eine Pflegekraft verbringt durchschnittlich drei Stunden einer Schicht mit nichts anderem als Dokumentationsarbeit.“ Auch durch Digitalisierung lasse sich da Abhilfe schaffen: „So könnte eine Manschette am Arm des Patienten die Vitalparameter ablesen und über W-Lan in die elektronische Patientenakte übermitteln.“ Für solche Projekte gibt es einen Fond über 220 Millionen Euro. Schroeder braucht für ihren Bürokram rund eine Stunde am Ende einer Schicht.

Problem Leiharbeit in der Pflege

Zum Beispiel Mieten. Marc Schreiner sagt: „Wenn bezahlbarer Wohnraum nicht zu beschaffen ist, dann muss durch die Stadt eine zumutbare und belastbare Infrastruktur fürs Pendeln zum Arbeitsplatz geschaffen werden. Zum Dienstbeginn der Frühschicht oder nach der Spätschicht.“ Sabine Schröder hofft, dass ihr Gehalt mit steigenden Mieten im Bezirk mithalten kann.

Zum Beispiel Leasingkräfte. Schreiner sagt: „Wir bemühen uns, Menschen aus der Leiharbeit zurückzugewinnen für eine Festanstellung.“ Denn: „Leiharbeit macht in Berlin leider einen großen Anteil aus.“ Leasingkräfte können sich ihre Schichten und Urlaubszeiten frei aussuchen, bekommen mehr Geld, sind aber nicht immer gleich vertraut mit Patienten und Abläufen. Wenn sie sich auf Schroeders Station etwas wünschen dürften, dann das: mehr festangestelltes Personal.

Zum Beispiel Verdienst. Schroeder sagt: „Der Beruf wird nur attraktiv durch mehr Geld für die hohe Verantwortung.“ Zwischen 3000 und 5000 Euro brutto erhält eine Pflegefachkraft, je nach Qualifikation und Schichtzulagen. Schroeder betont das Wort noch einmal ausdrücklich: „Brutto!“

Über zwölf Betten verfügt ihre Intensivstation, sechs sind stets mit Corona-Patienten belegt. „Doch Corona ist nur noch eins oben drauf“, sagt Schroeder, „die Belastung ist immer schon sehr hoch gewesen.“ Wenn sie jetzt nach Hause kommt, fällt sie erst einmal aufs Sofa. „Nach der Frühschicht habe ich keine Energie mehr.“ Eine Putzfrau? „Wäre schön.“ Eine Lernhilfe für die Kinder im Homeschooling? „Wäre super.“ Reicht das Geld dafür? „Nein.“ Steigt sie irgendwann wieder aus? „Ich möchte gern bleiben.“ Warum? „Das Team gibt mir sehr viel, das Arbeiten mit den Ärzten ist toll.“

Und so lassen sich auch die Härten einer Pandemie besser ertragen, vor allem die seelische Belastung, die dadurch entsteht, dass das Virus unberechenbar ist. „Manchmal meint man, ein Patient ist schon über den Berg, aber wenn man am nächsten Tag die Schicht antritt, liegt er dort und wird beatmet.“

Es kommt immer wieder vor, dass ein Mensch auf der Station den Kampf mit Corona verliert. Schroeder erzählt von einer Frau, deren Tod ihr besonders naheging. Die 47-Jährige bricht den Satz ab, ringt kurz mit den Tränen, wechselt das Thema: „Wir haben viele Patienten gut durchgekriegt.“

Den Patienten von 2.24 zum Beispiel. Im Zimmer ist es ruhig, die Monitore schweigen, kein Mensch auf dem Flur. Doch Sabine Schroeder ist hier nicht allein.