Dr. Stefanie Holm, Internistin in Hannover, plädiert für mehr Rationalität. 
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

HannoverDie Internistin Stefanie Holm zeigt sich besorgt, dass der aktuelle Umgang mit Corona die Menschen „zu sehr verängstigt“. Wie viele ihrer Kollegen beobachtet die seit 20 Jahren in Hannover praktizierende Ärztin bei vielen Patienten eine „irrationale Panik“. Die Menschen fürchten, am Coronavirus zu sterben – obwohl die statistische Wahrscheinlichkeit für die meisten Deutschen gering ist.

Holm hält es für nötig, dass die Behörden bald aussagekräftige Zahlen veröffentlichen. Es müsse das Ziel sein, dass die Menschen realistisch und ruhig ihr eigenes Risiko einzuschätzen lernen. Sie wünscht sich, dass der „Shutdown“ so kurz wie möglich gehalten werden kann, um über die Rückkehr zur Normalität den Stress in der Bevölkerung abzubauen. Holm selbst war vor einiger Zeit an Covid-19 erkrankt und ist nach dem Abklingen der Krankheit nun immun.

Frau Dr. Holm, Sie haben sich vor Wochen mit dem Coronavirus infiziert. Wie ist die Krankheit verlaufen?

Zunächst habe ich kaum etwas gemerkt. Den Test habe ich aus Sicherheitsgründen gemacht. Ich war von Anfang an entspannt. In der zweiten Erkrankungswoche hatte ich Kurzatmigkeit und ein allgemeines Krankheitsgefühl. Etwas Husten, keinen Schnupfen. Der zweite Test nach 14 Tagen war negativ. Die Blutanalyse hat dann ergeben, dass ich hohe Antikörper habe. Ich bin also heute immun.

Solche Antikörpertests gibt es schon?

Ja, aber nur sehr begrenzt. Es fehlen die Reagenzien, also die Zutaten, um den Test durchzuführen. Es wäre wichtig, die Testfrequenz zu erhöhen. Um die Frage nach der Dunkelziffer, also den unerkannten Coronafällen, zu beantworten, müssen wir eine repräsentative Gruppe der Bevölkerung auf Antikörper testen.

Aktuell haben wir allerdings eine ziemlich chaotische Datenlage …

Ja. Deshalb sollten wir auch auf das schauen, was wir beurteilen können, nämlich die Situation in Deutschland. Wir haben aktuell 948 Todesfälle, also etwas mehr als ein Prozent der offiziell erfassten Infizierten. Die Zahlen für die einzelnen Altersgruppen fehlen noch. Hier wäre die baldige Abhilfe zum Beispiel durch das Robert-Koch-Institut hilfreich.

Sie selbst sind HIV-Spezialistin. Sie arbeiten in einer Gemeinschaftspraxis mit Internisten, Infektiologen und Hausärzten. Was beobachten Sie im Verhalten der Patienten?

Viele Ärzte sind in Kontakt miteinander, auch mit Virologen. Wir stellen fest, dass sich bei vielen Menschen eine irrationale Panik entwickelt. Es geht den Leuten dabei nicht nur um ihre Großeltern. Sie haben Angst, dass sie selbst wegen des Virus sterben werden. Wir möchten den Menschen diese Angst nehmen. Das können wir tun, in dem wir die verfügbaren Zahlen kommunizieren, um den Patienten ihr persönliches Risiko bewusst zu machen. Empirisch dürfte die Mortalitätsrate bei deutlich unter einem Prozent bei der arbeitenden Bevölkerung liegen. Nur bei sehr alten und kranken Menschen liegt sie höher. Wir wissen aber nicht, wie viele Menschen wirklich infiziert wurden. Auch dazu brauchen wir verlässlichere Zahlen.

Kann man Covid-19 mit anderen Erkrankungen vergleichen?

Die häufigste Todesursache bei Covid-19 und bei Influenza ist eine Pneumonie (Lungenentzündung). Bei Influenza kennen wir das schon seit vielen Jahren. Die Mortalitätsrate, die auf eine Pneumonie zurückzuführen ist, ist bei Covid-19 ähnlich wie bei Influenza. Nur sind hier die Infektionsraten durch die Impfung deutlich niedriger.

Sind die restriktiven Maßnahmen gerechtfertigt, um die Epidemie zu beenden?

Aktuell bleibt uns leider nichts anderes übrig. Der vollständige Shutdown ist für die Menschen trotzdem schädlich. Was im Moment passiert, halten die meisten Menschen nur kurze Zeit aus. Die Maßnahmen erhöhen den Stress, machen Angst, führen zu Depressionen. Stress macht krank. Besonders schlimm ist es für alte Menschen: Sie werden auf einmal weggesperrt, verstehen aber nicht warum. Sie dürfen nicht mehr besucht werden. Sie sterben einsam und verängstigt. Ich würde mir sehr wünschen, dass sich das in absehbarer Zeit unter Einhaltung aller Vorsichtsmaßnahmen ändert.

Zur Person

Dr. med. Stefanie Holm, 54, ist seit 20 Jahren niedergelassene Internistin in Hannover. Ihre Schwerpunkte sind Infektiologie, Kardiologie und Gastroenterologie. Sie hat mehrere Publikationen und Buchbeiträge zum Thema HIV und Wasting vorgelegt, überwiegend in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, Abteilung Immunchemie.

Als Erste Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins „A little help from my friends e.V.“ kümmert sie sich unbürokratisch um unverschuldet in Not geratene Menschen in Hannover.

Was soll also geschehen?

Das Virus wird nicht verschwunden sein, wenn der Shutdown beendet ist. Wir müssen aber aus der Panik irgendwie in die Normalität zurückkehren. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit für die meisten, an Covid-19 zu sterben, gering ist. Wir müssen besser aufklären: Das Virus wird zum Beispiel nicht über die Fläche übertragen. Es ist also sinnlos, die Türklinke zu desinfizieren.

Was wäre der erste Schritt?

Wir müssen den Leuten mit soliden Zahlen die Angst nehmen. Wir sollten ihnen sagen, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass jemand an die Lungenmaschine kommt, wobei ältere und kranke Menschen ein höheres Risiko haben. Hier sollte unbedingt nach der Art der Vorerkrankungen differenziert werden, statt alle in einen Topf zu schmeißen. Zum Beispiel eine Chemotherapie vor fünf Jahren stellt kein erhöhtes Risiko mehr da. Wir müssen aufhören, Einzelfälle zu dramatisieren. Natürlich ist es möglich, dass irgendwo ein junger Mensch stirbt. Aber wir wissen in der Regel nichts über die genauen Umstände. Ohne Wissen und Fakten sollten wir keine Geschichten verbreiten.

Ist die Angst der Menschen immer noch so groß?

Wir Hausärzte sehen im Moment viele Patienten, die unter lähmender Angst leiden und nicht zurück in die Büros wollen. Außerdem sind die Leute unter massivem Stress wegen der Einschränkungen in ihrem Alltagsleben.

Wie konkret sollte der Shutdown beendet werden?

Wir müssen irgendwann, wenn wir wieder dürfen, mit gebremster Energie die Wirtschaft wieder in Gang bringen. Wenn wir nicht mehr arbeiten und die Leute ihre Jobs verlieren, dann können wir auch das Gesundheitssystem nicht mehr finanzieren. Man kann grundsätzliche Regeln ja beibehalten, wie den Mindestabstand. Mundschutz kann sinnvoll sein, um andere zu schützen, wenn man selbst infiziert ist oder glaubt, es zu sein. Wenn es wieder erlaubt ist, sollten die Menschen ohne Angst in Restaurants und Geschäfte gehen und vor allem auch ihr sportliches Leben wieder aufnehmen.

Und die Wirtschaft?

Ich kann nicht für die Wirtschaft sprechen. Ich beobachte aber, dass viele Unternehmen Entscheidungen nicht aufgrund von medizinischer Expertise treffen. Es gibt viele falsche Entscheidungen, die aus Panik getroffen werden. Panik ist kein guter Ratgeber. Wir müssen auch die Unternehmen besser aufklären, welche Maßnahmen sinnvoll sind und welche übertrieben. Unzählige meiner Kollegen wünschen sich außerdem, dass wir die Medien mit ihrem ungeheuren Einfluss als Partner an unsere Seite bekommen, um gemeinsam den Menschen ihre lähmende Angst zu nehmen und mit Verantwortung eine Rückkehr zur Normalität zu ermöglichen.