Hausärzte könnten zur ersten Anlaufstelle für Patienten werden.
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BerlinHerr Reinhardt, Gesundheitsminister Jens Spahn rühmt sich, bisher in jedem Monat seiner Amtszeit einen Gesetzentwurf vorgelegt zu haben. Setzt er die richtigen Prioritäten?

Das ist sicher viel Richtiges dabei. Aber für mich steht ein Thema im Mittelpunkt, zu dem ich von Herrn Spahn leider noch nichts gehört habe: Der unkoordinierte Zugang der Versicherten zu unserem Gesundheitswesen.

Was meinen Sie damit?

In allen EU-Staaten existieren Regularien, um die knappen Mittel und das medizinische Personal so sinnvoll wie möglich einzusetzen. Nur in Deutschland haben die Versicherten die Möglichkeit, ohne ärztlich verantwortete Steuerung nahezu alle erdenklichen medizinischen Leistungen zu nutzen, ohne längere Wartezeiten. Diese ungesteuerte Inanspruchnahme von Ressourcen können wir uns nicht länger leisten.

Die Deutschen sind allerdings auch bereit, viel Geld für dieses System auszugeben. Wo ist also das Problem?

Geld allein kann es nicht mehr richten. Das unbegrenzte Leistungsversprechen von Politik und Kostenträgern geht wegen der zunehmenden Personalnot immer stärker zu Lasten der Beschäftigten im Gesundheitswesen. Wir Ärzte arbeiten wie in einem Hamsterrad. Zeit für menschliche Zuwendung, die in einer älter werdenden Gesellschaft immer wichtiger wird, bleibt da kaum noch. Das treibt mich sehr um.

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Zur Person

Klaus Reinhardt, 59, stammt aus Bonn. Er hat zunächst Philosophie und Jura studiert, bevor er ins medizinische Fach wechselte. Reinhardt ist Allgemeinmediziner, niedergelassen in Bielefeld.  
2015 wurde er das erste Mal in den Vorstand der Bundesärztekammer gewählt, in diesem Jahr wurde er schließlich Präsident.

Dann gehen wir doch einmal die Möglichkeiten durch: Praxisgebühr?

Niemand will die Praxisgebühr zurück. Auch die Ärzteschaft nicht. In der Politik wäre das ohnehin nicht mehr durchsetzbar.

Zuzahlungen?

Schwierig. Sind die Zuzahlungen zu niedrig, haben sie keine Wirkung. Zu hohe Zuzahlungen könnten dazu führen, dass finanziell schwächere Versicherte nicht zum Arzt gehen und damit Krankheiten verschleppen. Am Ende wird es so für alle teurer.

Was bleibt?

Ich plädiere nachdrücklich für eine hausarztkoordinierende Versorgung. Der Versicherte schreibt sich für eine bestimmte Zeit bei einem Hausarzt seiner Wahl ein. Dieser Mediziner ist der „Gatekeeper“, also immer die erste Anlaufstelle für den Patienten. Für den Besuch eines Facharztes ist eine Überweisung dieses Hausarztes notwendig. Einige Fachärzte, wie zum Beispiel Augenärzte und Frauenärzte, sind davon ausgenommen. Solche Modelle müssen aber anders als heute mit viel besser vernetzten Versorgungsstrukturen einhergehen.

Damit wird aber die Wahlfreiheit stark eingeschränkt. Halten Sie das für vertretbar?

Erstens kann der Patient seinen Hausarzt völlig frei wählen. Und zweitens denke ich, dass viele Patienten sogar sehr froh darüber sein werden, wenn sie von ihrem Hausarzt durch das sehr komplizierte Gesundheitssystem begleitet werden. Viele sind doch überfordert, bei Erkrankungen die geeigneten Spezialisten in der richtigen Reihenfolge aufzusuchen. Da wird heute insbesondere in der fachärztlichen Versorgung viel kostbare Behandlungszeit verschwendet. Der Hausarzt kann dagegen zusammen mit dem Patienten einen sinnvollen Behandlungspfad aufstellen.

Und was passiert mit Versicherten, die ein Hausarztmodell ablehnen?

Wer die völlige Wahlfreiheit haben möchte, also auch ohne Überweisung zum Facharzt gehen will, sollte höhere Beiträge bezahlen. Denn er nimmt das solidarische System zum Beispiel durch unkoordiniertes Nebeneinanderher-Arbeiten deutlich stärker in Anspruch als ein Patient, der einen Hausarzt als primären Ansprechpartner hat.

Ihnen schwebt also ein Modell wie in Dänemark vor?

Genau. Dort können die Versicherten wählen, ob sie sich bei einem Hausarzt einschreiben oder ob sie mehr bezahlen und dann immer zu jedem Arzt gehen können. 99 Prozent der dänischen Bevölkerung hat sich aktiv für das Hausarztmodell entschieden. Das spricht auch dafür, dass die Menschen es schätzen, durch das komplizierte Gesundheitssystem geleitet zu werden. Für mich erscheint das auch völlig logisch. Ich kann gar nicht verstehen, wie man dagegen sein kann.

Noch ein Gegenargument: Es gibt zu wenig Allgemeinmediziner.

Das stimmt, aber es ist eine Trendwende zu beobachten. Es gibt eine steigende Zahl von jungen Medizinern, die sich als Hausarzt niederlassen wollen. Richtig ist, dass es nach wie vor schwierig ist, Kollegen für die Eifel oder die Uckermark zu begeistern. Aber das kann ja kein Argument sein, das systematisch richtige Hausarztmodell generell in Frage zu stellen. Übrigens ist die gesamte ärztliche Versorgung in diesen Regionen reduziert und extrem angespannt, nicht nur die hausärztliche Versorgung.