Berlin - Nach dem Kollaps des Fußballers Christian Eriksen bei der Europameisterschaft stellt Dänemarks Nationaltrainer Kasper Hjulmand seinen Spielern frei, ob sie weiterhin zum Einsatz kommen wollen. Während Eriksen sich im Krankenhaus weiter untersuchen lässt, fragen sich viele Freizeitsportler in Berlin, ob bei den hohen Temperaturen in den kommenden Tagen ein erhöhtes Risiko herrscht. Sportmediziner Ingo Froböse gibt Auskunft und Tipps.

Herr Froböse, hat Sie der Fall Eriksens, der auf dem Feld kollabierte, so schockiert wie die Öffentlichkeit?

Es ist zwar erschreckend, weil es öffentlich passiert ist. Aber grundsätzlich, ob Sportler oder nicht, passiert das plötzliche Aussetzen des Herzens bei 100.000 Menschen nur zwei- bis dreimal. Ein plötzlicher Herztod droht prinzipiell allen Menschen, aber ein Sportler hat ein fünffach geringeres Risiko als ein Nicht-Sportler. Umso erstaunlicher ist der Fall Eriksen, der seit Jahren gut trainiert ist. Der Weltfußballverband Fifa schreibt auch jährliche Screenings vor, bei denen mit einem EKG die Herztätigkeit überprüft wird.

Bei 60 bis 70 Prozent spielen Vorerkrankungen eine Rolle

Eriksen konnte von den Mannschaftsärzten reanimiert werden. Was ist dort vermutlich passiert?

Ich gehe von einer Herzrhythmusstörung aus, die zu einer Unterversorgung des Gehirns geführt hat. Man spricht da von Kammerflimmern, wenn das Herz seine Tätigkeit nicht mehr ausüben kann, daher wird der Mensch bewusstlos. Das Gute war, dass Notfallmediziner gleich am Platz waren. Bei manchen Sportlern, gerade älteren, bestehen oft Vorerkrankungen, am Herzmuskel oder in den oberen Atemwegen, die nicht auskuriert, bei manchen gar nicht erkannt sind. Bei 60 bis 70 Prozent liegt vorher etwas vor, aber bei 30 bis 40 Prozent kommt so etwas einfach so vor, nicht nur bei Sportlern.

imago/Christoph Hardt
Zur Person

Ingo Froböse, 64, ist Professor für Prävention und Rehabilitation an der Sporthochschule Köln. Der frühere deutsche Vizemeister im 200-Meter-Sprint ist zudem Autor mehrerer Bücher zu den Themen Gesundheit, Ernährung und Sport sowie regelmäßig als Fernsehexperte im Einsatz.

Was kann man dagegen tun?

Im Profisport ist das wunderbar, weil da sofort ein Notarzt vor Ort ist. Im Freizeitbereich muss ich hoffen, dass ich auf jemanden treffe, der die Notfallversorgung beherrscht: Stabile Seitenlage und die Zunge raus, damit sie die Atemwege nicht verschließt. Das muss man lernen, auch Herzmassage bei Atemstillstand, die können viele da draußen nicht, dabei ist sie wichtig im Alltag, nicht nur im Sport.

Sind die hohen Temperaturen derzeit ein Problem?

Hitze verschärft das gesamte Phänomen, wenn ich keine gute Temperaturregulierung habe. Wenn ich bei Hitze Sport treibe, dann lieber in den frühen Morgenstunden als am Mittag oder Nachmittag. Lieber mal eine halbe Stunde früher aufstehen und die frische Morgenluft genießen. Vielleicht auch die Stadt meiden, wo sich die Hitze ansammelt oder in klimatisierte Räume ausweichen. Viele Fitnessstudios haben ein Notfallmanagement, bieten Sport unter Überwachung an. Und bei Hitze die Belastung auch mal reduzieren und darauf achten, dass ich den persönlichen Wassertank voll habe.

Sind denn im Breitensport Vereine vorbereitet auf Notfallversorgung?

Eine flächendeckende Schulung für Vereine ist eher Wunschdenken. Beim Trainerpersonal wird das in die Schulung integriert, aber das wird einmal gemacht, dann braucht man es meist nicht mehr. Und wenn Sie allein im Wald umfallen, ist das ein Problem. Denn eine Wiederbelebung muss schnell gelingen, nach drei Minuten ohne Sauerstoff bleiben im Gehirn schon Schäden zurück.

Ist es vielleicht nicht schlecht, dass dieser Fall zur Vorsicht aufruft?

Es ist gut, sich in Erinnerung zu rufen, dass Notfallversorgung wichtig ist. Dass sich die Menschen draußen bewusst sind, dass dies jedem von uns passieren kann. Aber es sollte nicht der Eindruck entstehen, dass Sport gefährlich ist.