Eberswalde - Brandenburg ist grellgrün, jedenfalls auf dem Computerbildschirm von Torsten Wiebke. Dort ist eine Landkarte zu sehen. Auf der sind die Nachbarländer hell. Brandenburg aber ist so sehr mit grellgrünen Punkten übersät, dass alles innerhalb der Grenzen des Landes grün leuchtet. Torsten Wiebke sagt: „So, jetzt gehen wir mal etwas näher heran.“ Der studierte Forstwissenschaftler zoomt sich in den nordwestlichen Zipfel Brandenburgs. Nun sind auf der Landkarte auch Details zu erkennen: Die Elbe windet sich durch die Landschaft, Ortschaften wie das Dorf Lenzen sind grau, die Zuglinie Berlin–Hamburg ist zu sehen, die Autobahn 14. Die vielen weißen Areale stehen für Äcker und die grünlichen Flächen für Wälder.

Und über allem liegt ein gleichmäßiges Raster aus grellgrünen Punkten. In Reih und Glied ist alle zwei Kilometer ein Punkt markiert. „Nun gehen wir ganz dicht ran“, sagt Wiebke und zoomt weiter. Nun spaltet sich ein Punkt in vier Punkte im Quadrat auf, die in der Realität 150 Meter voneinander entfernt sind. „Das sind unsere Messpunkte“, sagt Wiebke. Er muss es wissen, der 45-Jährige ist im Landeskompetenzzentrum Forst in Eberswalde verantwortlich für die Bundeswaldinventur.

Start kurz vor dem „Tag des Baumes“

Das ist so etwas wie die zentrale Zählung des Waldes in ganz Deutschland, die nur alle zehn Jahre stattfindet und die an diesem Mittwoch in Brandenburg beginnt – kurz vor dem „Tag des Baumes“ am Sonntag. Allein in diesem Bundesland gibt es 11.400 grellgrüne Punkte. Und an allen, die im Wald sind, wird gezählt: Welche Baumarten stehen dort und wie sehr sind sie in zehn Jahren gewachsen?

Seit Jahrzehnten wird immer an denselben Stellen gemessen, damit die Entwicklungen im Wald klar erkennbar sind. In den 1980er-Jahren wurde diese Inventur erfunden. Damals aus einem rein wirtschaftlichen Interesse: Man wollte wissen, wie viel Holz geschlagen werden kann. Denn in der deutschen Forstwirtschaft wurde vor 300 Jahren die Idee der Nachhaltigkeit erfunden – und noch heute darf nicht mehr Holz geerntet werden, als pro Jahr nachwächst.

„Das Holz ist inzwischen nur ein Faktor. Mit der Zeit kamen immer mehr ökologische Fragestellungen dazu“, sagt Wiebke. Mit der Inventur wird auch die Beschaffenheit des Waldbodens geprüft oder die Frage, wie viele frische Baumtriebe nachgewachsen sind oder wie viel Totholz dort liegt – als wichtiger Lebensraum für Insekten, denen es auch immer schlechter geht. Insgesamt werden an einem grünen Punkt bis zu 150 Parameter erfasst. Der Wald ist nicht mehr nur ein Wirtschaftsfaktor, sondern auch ein Erholungsgebiet und vor allem ein wichtiger Indikator für den ökologischen Gesundheitszustand der Republik.

Wiebke steht auf und zieht sich schwere Schuhe an. Nun geht es in den Wald, um einen der geheimen Messpunkte zu suchen. An Wiebkes geländegängigen Wagen klebt hinten ein Aufkleber: „Waldwirtschaft – aber natürlich.“ Das ist der neue Anspruch: Nicht nur Ökonomie im Wald, sondern viel mehr Ökologie. Der Geländewagen holpert über die Waldwege bei Eberswalde – und die Wege scheinen so endlos wie die Wälder hier.

Der Wald ist in Deutschland nicht einfach nur eine Ansammlung von Bäumen, sondern hat etwas fast Mythisches, ist zum Beispiel ein wichtiger Handlungsort vieler Märchen. Nicht umsonst gibt es den Eigennamen „Deutscher Wald“. Wenn Deutsche an die Natur denken, dann meist nicht an karge Gebirgslandschaften, weite Steppen oder wilde Meereswellen, sondern an die idyllische Ruhe des Waldes. Die Romantiker machten den Wald im 19. Jahrhundert zum wichtigsten Ort für ihre Naturschwärmerei. Und ein Jahrhundert später war das Waldsterben die Initialzündung für die Gründung der Grünen.

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Die Kontrolleure: Harry Zippel, Jochen Ernst und Torsten Wiebke.

Der Wagen hält mitten im Wald, und sobald die Autotür geöffnet ist, riecht es irgendwie grün – ein intensiver Duft. Kühle, feuchte und satte Waldluft. Die Sonnenstrahlen sind grell, aber unter dem Dach der Bäume ist es noch frisch.

Überall liegen gefällte Bäume, und die typischen Brandenburger Kiefern stehen hier nicht mehr dicht an dicht. „Seit Jahrzehnten wird vom Waldumbau gesprochen“, sagt Torsten Wiebke. Gemeint ist, dass die dominanten Nadelwälder weichen oder ausgedünnt werden sollen, damit mehr Laubbäume wachsen, damit aus anfälligen Monokulturen widerstandsfähigere Mischwälder werden. „Aber damit Neues wachsen kann, muss Altes gefällt werden“, sagt er und nickt zufrieden, weil hier reichlich gefällt wurde.

Sein Kollege Rainer Henschel sagt: „Aber es darf auch nicht zu viel gefällt werden. Es darf nicht zu viel Luft in den Wald gebracht werden.“ Dann kämen zu viele Sonnenstrahlen am Boden an, der zu sehr austrocknen würde. Und es käme auch zu Sonnenbrand an den frischen Baumtrieben. Der Wald ist eine Wissenschaft für sich.

Mehr Aufmerksamkeit und doch ein trauriger Anlass

Hentschel sagt: „Es ist schön, dass der Wald wieder mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit bekommt, auch wenn es ein trauriger Anlass ist.“ Er meint die schweren Schäden in den Brandenburger Wäldern nach drei Jahren Dürre in Folge. Der 40-Jährige erzählt, dass sich vor zehn Jahren nicht allzu viele Leute dafür interessierten, wie es dem Wald geht. Es ging ihm gut. Und so gab es auch Stimmen, die fragen, ob all die teuren Waldinventuren – dieses personalintensive Bäume-Zählen – überhaupt noch notwendig sei. „Nun, in Zeiten des Klimawandels und der großen Veränderungen, ist klar, wie wichtig die kontinuierliche Datenerfassung ist“, sagt er. Das exakte Waldwissen ist die Basis für die anstehenden richtungsweisenden Entscheidungen für die Zukunft des Waldes.

Sein Kollege Wiebke hat ein schönes Beispiel für die Denkweise im Forst: „Im Wald ist es nur ein wenig so wie im Garten: Gieße ich meine frischen Radieschen zu selten, vertrocknen sie, gieße ich sie zu oft, kommen zu viele Schnecken oder sie verfaulen.“ Auch der Wald ist ganz entscheidend von Faktoren wie Niederschlag und Sonne abhängig. Doch der Wald kann nicht gegossen werden, und es wird auch nicht wie bei den Radieschen jedes Jahr neu gesät. „Wir Forstleute denken in viel längeren Zeitläufen“, sagt Wiebke. „Bei ums geht es um 50 Jahre und mehr.“ Deshalb ist es so wichtig, gute Daten zu haben, um die Entwicklung möglichst so beeinflussen zu können, dass zum Beispiel künftig jene Bäume gepflanzt werden, die einerseits zur jeweiligen Region passen, andererseits zu den Erfordernissen des Klimawandels.

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Brandenburg ist grellgrün: Alle 11.400 Messpunkte auf einer Landkarte.

Nun beginnt die eigentliche Suche. Auf dem Computerbildschirm im Büro sieht die Sache mit den grellgrünen Punkten ganz einfach aus, doch im Wald ist die Suche nach der geheimen Matrix, die nur Fachleute kennen, ziemlich schwierig.

Der Messpunkt ist sehr schwer zu finden – mit Absicht

Harry Zippel, 62, hat sich seinen wasserfesten Laptop umgehängt und sucht nach den GPS-Koordinaten des Punktes. Er ist einer der beiden Kontrolleure, die die Daten hier erfassen wollen. Die Ortung ist gar nicht so einfach. „Immerhin ist der Himmel nicht mehr bedeckt“, sagt sein Kollege Jochen Ernst. Denn dann sind die Messungen nicht immer ganz so genau. „Und auch das dichte Dach der Baumkronen wirkt manchmal so abschirmend wie eine Betonwand.“

Zippel schaut nun im Computer nach, welche Bäume am Punkt von der letzten Zählung verzeichnet sind. Darunter ist eine Birke, und da es hier nur eine Birke gibt, steuern sie die an. Jochen Ernst greift sich den gelben Metalldetektor, der leise Pfeiftöne von sich gibt. Dann lässt er das Gerät über dem Boden schweben. Plötzlich piept das Gerät ganz laut. Gefunden. Zippel scharrt mit dem Fuß im Moos und findet den Eisenwinkel, der tief in den Waldboden geschlagen wurde. Der Messpunkt.

„Den soll niemand so leicht finden, nicht die Spaziergänger, nicht der Waldbesitzer und damit auch nicht wir“, sagt Torsten Wiebke. „Das Ganze ist eine verdeckte Inventur.“ Das heißt: Die Punkte sind der Öffentlichkeit nicht bekannt, damit niemand etwas vor Ort manipulieren kann.

Nun beginnt die Erfassung der Daten. Brandenburgs Forstminister Axel Vogel ist beim Start der Inventur dabei. Der Grünen-Politiker erklärt, dass es allein in Brandenburg geschätzt 808 Millionen Bäume gibt. „Das sind natürlich zu viele, um jeden einzelnen zu erfassen.“ Deshalb die Stichproben. Es werde nun zwei Jahre dauern, bis alle Daten erfasst sind. „Dann wird man genau sagen können, welche Auswirkungen die Trockenjahre und die Schad-Ereignisse auf das Wachstum der Bäume und den Wald insgesamt hatten.“ Denn zur Dürre kommt auch der Befall durch Insekten wie Borkenkäfer. Die Daten der Waldinventur werden dann die Basis für politische Entscheidungen sein.

Für die ersten Daten rammt Jochen Ernst zur Orientierung einen Stab in den Boden. Nun nimmt er einen Zollstock, misst verschiedene Entfernungen aus, die verschiedene Zählkreise bilden. Dort werden unterschiedlichste Dinge gezählt: zum Beispiel alle jungen Bäume zwischen 20 und 50 Zentimeter Höhe. „Hier eine Eberesche und da eine Vogelbeere“, sagt er. Ein Stück weiter ist ein frischer Trieb. Er misst nach und sagt: „Der ist erstens nur 15, statt 20 Zentimeter hoch und auch kein Baum, sondern eine Blaubeere.“ Also kein Fall für die Statistik.

Diese Kiefer wurde keinen Millimeter dicker in zehn Jahren

Dann dreht Ernst die nächste Runde und diktiert alle Funde von Totholz, die Harry Zippel im Laptop einträgt. Ernst findet ein bemoostes Stück Holz am Boden. „Mal sehen“, sagt er. „Muss mindestens zehn Zentimeter dick sein.“ Er misst. „Es sind elf.“ Dann diktiert er: „Stammstück mit Wurzelanlauf. War mal ein Nadelbaum.“ So geht es weiter.

Dann werden die großen alten Bäume erfasst. Bei einer dicken Kiefer war der Durchmesser vor zehn Jahren 52,7 Zentimeter. Ernst legt in Brusthöhe ein spezielles Maßband um den Stamm. Das Ergebnis: „Wieder 52,7.“ Torsten Wiebke schaut hinauf zur Baumkrone und sagt: „Der Baum hatte auch deshalb keinen Dickezuwachs, weil die Krone abgebrochen ist. War wohl ein Sturm. Da sind nur noch drei Äste mit grünen Nadeln, die den riesigen Baum versorgen müssen. Der hält sich gerade so am Leben.“ Aber er könnte noch lange einfach weiterleben. „Möglich, dass wir ihn in zehn Jahren wieder mitzählen. Aber es gibt wenig Chancen, dass er sich noch erholt.“

Foto: Berliner Zeitung/Jens Blankennagel
Der Messpunkt ist unter dem blauen Stab. Das gelbe Gerät ist der Metalldetektor.

Dann werden die anderen dicken Bäume erfasst, die ins Raster fallen. Vor zehn Jahren waren es 29. Nun zwei weniger. Eine Douglasie wurde gefällt, eine Kiefer steht zwar noch, ist aber völlig vertrocknet und seit mindestens zwölf Monaten tot. Zwei Bäume sind nicht mehr gewachsen. „Das könnten Auswirkungen der Dürre sein“, sagt Wiebke. Aber belastbare Aussagen für ganze Regionen seien erst möglich, wenn alle Daten der Waldzählung erfasst sind.

Nach zwei Stunden sind alle Daten im Computer. Die Männer haben auch notiert, was für ein Lebensraumtyp dieser Wald ist, dabei geht es auch um die Büsche und Kräuter. Es geht darum, ob hier Waldmeister wächst oder Adlerfarn oder Brombeeren oder Waldreitgras.

Einer von vielen Tausend Punkten ist damit abgearbeitet. Doch noch sind die Kontrolleure nicht fertig. Harry Zippel geht zu einer Kiefer und bricht einen zehn Zentimeter langen Ast mit grünen Nadeln ab. „Die kommen in ein Speziallabor.“ Dort wird die Genetik des Baumes analysiert, die der hiesigen Kiefern unterscheidet sich von Kiefern im Schwarzwald. Und die hiesigen dürfen auch nicht einfach dort gepflanzt werden. Das Erhalten des Waldes ist nun mal eine Wissenschaft. Mithilfe der Genetik soll nun erforscht werden, ob bestimmte regionale Arten besser mit dem Klimawandel klarkommen. Und ob sie ganz gezielt in anderen Regionen gepflanzt werden können, um den Deutschen Wald langfristig zu retten.