Ein Mann läuft mit einer Clownsmaske aus Papier durch die Berliner Innenstadt. Er ist Teilnehmer der „Wir müssen reden“-Demonstration, die sich gegen die Corona-Maßnahmen richtet. 
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BerlinDer Psychiater und Neurologe Borwin Bandelow ist Deutschlands renommiertester Angstforscher. Zu Beginn der Pandemie und der flächendeckenden Schließungen Mitte März haben wir ihn gefragt, was man tun kann, damit einen die Angst nicht übermannt. Bandelow empfahl damals einen gesunden Fatalismus: wird schon schief gehen. Sieben Monate später haben wir uns weitgehend an den Ausnahmezustand und an die Angst gewöhnt und bangen statt um unser Leben oft nur noch um den nächsten Urlaub oder die rauschende Familienfeier. Wie konnte es passieren, dass Corona in so kurzer Zeit so normal geworden ist? Und mit welcher Strategie kommen wir gut durch das nächste halbe Jahr?

Berliner Zeitung: Herr Bandelow, die zweite Corona-Welle steht an und die Menschen scheinen kaum mehr Angst zu haben. Warum?

Borwin Bandelow: Immer wenn eine Gefahr auf uns zukommt, die neu und unbeherrschbar erscheint, haben wir davor mehr Angst als vor bekannten Gefahren. Mittlerweile haben wir Covid-Infektionen in die lange Liste der bekannten Gefahren eingereiht.

Wovon wird man so schrecklich corona-müde?

Die Menschen wollen wieder einmal positive Nachrichten hören und können das böse C-Wort nicht mehr hören.

Sie schalten auf Durchzug? Wie erreicht man sie wieder mit Nachrichten?

Die Mehrheit der Menschen wird sich auch weiterhin vorsichtig verhalten. Beratungsresistente Corona-Leugner wird man ohnehin nicht mit Fakten erreichen.

Wann nutzt sich der Panikmodus ab?

Meist ist die Panik nach den ersten vier Wochen vorbei. Menschen sind extrem anpassungsfähig und finden auch in gefährlichen Zeiten ihren Wohlfühlpegel wieder. Denken wir mal an Menschen, die in Kabul oder Johannesburg leben. Dort sind die täglichen Gefahren erheblich höher als in Deutschland, und dennoch behalten die Menschen ihre Lebensfreude.

Was müsste passieren, um den jetzt geforderten Ruck, das Pobackenzusammenkneifen, das Wieder-ernster-Nehmen zu forcieren? Braucht es nach einer Gewöhnung an Corona nun immer krassere Nachrichten, um gehört zu werden? Wohin führt diese Spirale?

Es funktioniert auf jeden Fall nicht, wie in einem Papier des Innenministeriums vorgeschlagen, dass man seitens der Politik mit Horrorszenarien („Schwerkranke werden im Krankenhaus abgewiesen und sterben qualvoll um Luft ringend zu Hause“) dem Volk tüchtig Angst macht. Angst lässt sich nur schwer manipulieren.

Inwieweit schürt Politik mit immer neuen Appellen und Regeln Angst oder eben auch  Gleichgültigkeit?

Wenn man zu häufig den Fehlalarm auslöst, kommt irgendwann die Feuerwehr nicht mehr, wenn es wirklich brennt. Es wird irgendwann der Punkt kommen, an dem Appelle der Politik verpuffen und die Menschen ihren eigenen Weg finden, das Problem entweder vorsichtig oder bedenkenlos anzugehen.

Borwin Bandelow ist Professor an der Uni Göttingen. 
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Was meinen Sie, welche Erfahrungen haben die Menschen im letzten halben Jahr besonders geprägt?

Die meisten Menschen haben gelernt, dass alles gut wird, wenn 80 Millionen zusammenhalten.

Und mit welcher Strategie überstehen sie das kommende?

Mit einer Mischung aus Ehrfurcht und gesundem Fatalismus.

Was nehmen Sie sich denn für die kommenden Herbst- und Wintermonate vor?

Man muss nicht immer zu Hause herumhocken. In der freien Natur gibt es kaum Aerosole.

Humor hilft ja oft. Haben Sie, als Erfinder der Ostfriesenwitze eigentlich einen Lieblings-Corona-Witz?

Hinweis an einem Zoogeschäft in Ostfriesland: „Hamster ausverkauft!“ (Ich weiß nicht, ob das wirklich witzig ist …)