Beunruhigt blicken viele Menschen auf die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus.
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BerlinZurzeit ist im Internet ein Mediziner sehr aktiv. Er stellt grundsätzlich infrage, dass gerade eine Pandemie mit einem neuartigen, gefährlichen Coronavirus abläuft. Er heißt Dr. Wolfgang Wodarg, ist 73 Jahre alt, war Lungenarzt, Amtsarzt in Flensburg und SPD-Bundestagsabgeordneter. Er trat unter anderem bereits 2009 als Gegner der Impfung gegen Schweinegrippe auf.

Fast eine Million Menschen haben sein Video gesehen, in dem er die aktuelle Erkrankungswelle als Panikmache darstellt, die von Virologen befördert wird. Grob zusammengefasst vertritt Dr. Wodarg folgende Theorie: Jährlich gibt es neue Virenvarianten, die zirkulieren. Schaut man bei akuten saisonalen Atemwegserkrankungen wie der Grippe mit speziellen Tests nach, dann finden sich unter den Erregern immer 7 bis 15 Prozent Coronaviren. Der aktuelle Hype sei eine Folge der gezielten Suche nach Coronaviren durch spezielle Tests, die etwa an der Berliner Charité entwickelt wurden. Nach dem Motto: Wer suchet, der findet.

Coronaviren sind schon lange bekannt

Wolfgang Wodargs Darstellung zufolge hätten Virologen die chinesische Regierung „beeindruckt“. Diese habe ein „Riesen-Bohei“ aus den Erkrankungen mit der neuen Virusvariante gemacht und die Corona-Panik ausgelöst, die sich international verbreitete und Aktionismus förderte. Für Dr. Wodarg fehlt bei der Corona-Krise die „nüchterne Betrachtungsweise“. Also die Frage, woran man erkenne, dass das Virus so exorbitant gefährlich sei. „Wie war das denn vorher? Hatten wir das nicht letztes Jahr auch schon? Ist das überhaupt etwas Neues?“

Davon abgesehen, dass man täglich im Internet, beim Robert-Koch-Institut oder beim werktäglichen NDR-Podcast mit dem Berliner Virologen Prof. Dr. Christian Drosten eine wissenschaftlich „nüchterne Betrachtungsweise“ findet, gibt es in Wolfgang Wodargs Darstellung selbst einiges, das offen bleibt, was virologische Erkenntnisse betrifft.

Die von ihm erwähnten humanen Coronaviren sind Experten zufolge weltweit als Auslöser von Atemwegserkrankungen und Erkältungen bekannt. Sie heißen zum Beispiel 229E, NL63 und HKU1 und lösen meist moderate Symptome aus. Das ist für Fachleute auch nichts Neues: Etwa ein Drittel der typischen Erkältungen sei auf Coronaviren zurückzuführen,  heißt es in einer Darstellung des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung.  

Coronaviren seien bereits seit den 1960er-Jahren bekannt. „Mit den Krankheiten, die sie auslösen, hatten wir Menschen uns arrangiert, bis ein neues Coronavirus der Familie zu zweifelhaftem Ruhm verhalf“, und zwar das Virus Sars-CoV von 2002. Es habe der Welt mit nahezu 1000 Todesopfern gezeigt, „wozu diese Spezies prinzipiell fähig ist“, so die Darstellung des Zentrums.

Eine Barriere übersprungen

Anders als die Coronaviren, mit denen die Menschen längst vertraut sind, habe Sars-CoV von 2002 und das neuartige Virus Sars-CoV-2 eine Spezies-Barriere übersprungen – vom Tier auf den Menschen – und dabei Eigenschaften verändert, die die Sterberate und die Ansteckungsgefahr erhöhen, wie Dr. Andreas Gerritzen, Leiter des Medizinischen Labors Bremen, feststellt. Diese Viren führen zum Schweren Akuten Atemwegssyndrom, dessen Symptome klar beschrieben werden: Es kommt gehäuft zu Lungenentzündungen. Und die Sterberate ist bisherigen Erkenntnissen zufolge höher als bei der saisonalen Grippe. Auch andere Kennzeichen passen nicht zur Vorstellung eines systemisch geschürten Hypes - zum Beispiel das beobachtete weltweite exponentielle Wachstum der Neuinfektionen.

Durch reine vermehrte Testung ist zum Beispiel auch nicht zu erklären, warum in Wuhan ein neues Krankenhaus gebaut werden musste, um den Anstieg der Fälle überhaupt bewältigen zu können. Oder warum Mediziner in Italien der schweren Fälle nicht mehr Herr wurden, sodass sie eine „Triage“ einführen mussten: eine Schnellentscheidung, bei wem eine Behandlung noch eine Chance hat und bei wem nicht.

Professor Drostens Reaktion auf die Kritik

In seinem neuen Corona-Podcast bei NDR Info hat sich auch der Charité-Virologe Prof. Dr. Christian Drosten zur Kritik von Dr. Wolfgang Wodarg geäußert - sowohl zu dem YouTube-Video als auch zu einem Brandbrief, der in den sozialen Medien im Umlauf sein soll. Christian Drosten bestätigte, dass es saisonal auftretende Coronaviren in der Bevölkerung gibt - und zwar vier verschiedene.

„Aber die haben mit dem neuen Coronavirus nichts zu tun“, sagte Prof. Drosten. Das neue Coronavirus komme „als Pandemie zu uns“, und es werde „eine Infektionswelle geben, wenn wir nichts tun“. Bei einer solchen Welle komme es zu einem gleichzeitigen Auftreten ganz vieler Infektionen. Selbst wenn diese so harmlos verliefen wie die mit den vier altbekannten Coronaviren, wäre das bedenklich -„denn es sind einfach zu viele Fälle auf einmal“.

Zurzeit befinde man sich mitten im exponentiellen Wachstum, und wenn man jetzt nicht drastisch und einschneidend etwas tue, werde das so weitergehen. „Und dann haben wir im Juni, Juli ein Problem.“ Dann könne es in deutschen Krankenhäusern ähnliche Zustände geben wie jetzt in Italien. Prof. Drosten fügte an: „Wenn man dies von der Hand weisen will, würde ich das rein psychologisch als einen Verdrängungsmechanismus einordnen.“