Berlin - Das Gefühl ist noch stärker als im letzten Sommer: Endlich Freiheit! Alles freut sich auf einen entspannteren Sommer nach all den Lockdown-Monaten. Geht die Pandemie jetzt vorüber? Oder wird es wieder nur eine Pause sein, nach der im Herbst eine neue Corona-Welle heranrollt?

Manche Wissenschaftler warnen davor. Sogar der Bonner Virologe Hendrick Streeck gehört zu ihnen, der noch im August 202o nicht damit gerechnet hatte, dass es überhaupt eine zweite Welle geben werde. Streeck warnt trotz sinkender Fallzahlen davor, die Corona-Krise bereits jetzt für beendet zu erklären. Und der Berliner Virologe Christian Drosten sagte in seinem NDR-Podcast, man müsse aufpassen, dass die Menschen in den nächsten Monaten nicht nachlässig würden und sich zum Beispiel die Zweitimpfung nicht mehr abholten.

Aber sieht es zurzeit nicht danach aus, dass sich das Virus in unseren Breiten zurückzieht? Ja, ähnlich sah es schon im letzten Sommer aus, sogar mit viel niedrigeren Inzidenzen. Aber es war ein Intermezzo. Und auch jetzt ist es für eine generelle Pandemie-Endstimmung noch zu früh. Obwohl es mehr Grund zur Hoffnung gibt.

„Das Virus wird noch einige seltsame, unerwartete Dinge tun“

Zweifellos unterliegt Sars-CoV-2 einer gewissen Saisonalität. Es ist ein lipidumhülltes Virus, wie zum Beispiel auch die Grippeviren. Als Faktoren für seinen Rückzug im Sommer werden genannt: höhere Temperaturen, mehr UV-Strahlung, widerstandsfähigerer Organismus, weniger trockene Schleimhäute und vor allem längere Aufenthalte im Freien. Allerdings zeigte die Pandemie, dass sich Sars-CoV-2 in fast allen Ländern der Erde auch unabhängig der Jahreszeit oder des Klimas verbreitet hat. Ansteckendere Varianten können auch mitten im Sommer für steigenden Fallzahlen sorgen.

Dies sieht man gerade am Beispiel Großbritanniens. Hier breitet sich zurzeit die sogenannte Delta-Variante (B.1.617.2) von Sars-CoV-2 aus, die zunächst in Indien entdeckt wurde und mehrere Untervarianten hat. In offiziellen Angaben heißt es, dass sich die Fallzahlen etwa alle acht Tage verdoppelten. Die Delta-Variante sei um 40 Prozent ansteckender als die Alpha-Variante, die eigentlich als „britische“ Variante B.1.1.7 bekannt geworden war. Sie könne häufiger zu schwereren Verläufen führen. Außerdem hat eine Studie ergeben, dass die bisherigen Impfstoffe zwar gegen die Delta-Variante wirken, aber erst nach der zweiten Dosis, die weltweit erst sehr wenige Menschen haben.

Noch ist die Delta-Variante in Deutschland kaum verbreitet. Aber Virologen wie Christian Drosten von der Berliner Charité erwarten, dass diese oder ähnliche Varianten bis zum Herbst auch in Deutschland das Feld dominieren. Wenn es bis dahin eine möglichst hohe Impfquote gebe, „werden wir keine großen Probleme haben“, sagte Drosten. Ziel seien aber mindestens 80 Prozent Zweitimpfungen, zumindest in der „impffähigen erwachsenen Bevölkerung“.

Noch kann man – trotz sinkender Inzidenzen – keine sichere Prognose treffen, wie sich Sars-CoV-2 weiterhin verhält. „Das Virus wird noch einige seltsame, unerwartete Dinge tun“, sagte Ravindra Gupta, Professor für klinische Mikrobiologie an der University of Cambridge, dem Business-Insider zufolge. Er erforscht unter anderem die Delta-Variante. Und er bezeichnet die jetzige Situation der Pandemie als ein Rennen zwischen dem Menschen mit seinen Eindämmungsmaßnahmen und Impfungen sowie dem Virus, das alles tue, um sich effizient zu verbreiten. Solange es Wege dafür finde, werde es dies tun, sagte Gupta.

Beschleunigung der Virus-Evolution durch wachsenden Selektionsdruck

Was der Mikrobiologe mit den „seltsamen, unerwarteten Dingen“ meint, betrifft unter anderem die Möglichkeit, dass sich das Virus so verändert, dass in bestimmten Regionen neue Ausbrüche drohen und Impfungen möglicherweise schlechter wirken.

Das Virus plant dies natürlich alles nicht. Aber es macht – gerade durch seine noch immer große Verbreitung – eine rasante Evolution durch. Es vermehrt sich bekanntlich, indem es an die Zellen menschlicher Körper andockt und diese dazu zwingt, Millionen neuer Viren zu produzieren. Dabei entstehen Kopierfehler, sogenannte Mutationen. Die meisten haben keine Folgen – etwa eine schnellere Ausbreitung und eine höhere Pathogenität. Aber einige doch. Sie werden von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „Variants of Concern“ (VOC) bezeichnet.

Zweck der Evolution ist das Überleben des Virus. Und gerade im laufenden Jahr sehen Forscher hier eine heikle Phase. Denn sie beobachten eine Beschleunigung der Evolution mit viel mehr Mutationen – und sehen dies als Hinweis auf einen wachsenden Selektionsdruck. „Ein steigender Grad an Immunität in der Bevölkerung begünstigt zum Beispiel Virusvarianten, die der Körperabwehr teilweise entgehen können“, sagte der Biophysiker Richard Neher auf dem Portal der Max-Planck-Gesellschaft.

Wann ist die sogenannte Herdenimmunität erreicht?

So warnen Forscher wie der Heidelberger Virologe Hans-Georg Kräusslich davor, dass es in den kommenden Wochen viele Teil-Geimpfte ohne kompletten Schutz geben und gleichzeitig viele Infektionen stattfinden könnten. „Das wäre eine Brutstätte für die Selektion von Varianten, die möglicherweise dem Impfstoff entkommen könnten“, sagte Kräusslich.

Eine weitere Möglichkeit: „Bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem beispielsweise, die das Virus nicht effektiv bekämpfen können, hat der Erreger über längere Zeit die Gelegenheit, Neues auszuprobieren“, sagte Richard Neher. „Am Ende bleiben die Varianten übrig, die der Körperabwehr am effektivsten entkommen.“ Diese dominieren dann das Geschehen. Auch Regionen, in denen die erste Welle der Pandemie besonders stark gewesen sei, wie zum Beispiel in Teilen Südamerikas und Südafrikas, übten einen starken Selektionsdruck aus, denn viele Menschen hätten dort nach einer Sars-CoV-2 Infektion Immunität entwickelt. Und neue Virusvarianten hätten hier eventuell einen Vorteil.

In einer neuen Studie, erschienen auf einem Preprint-Server, stellen Londoner Forscher da, wie schon die „britische“ Alpha-Variante (B.1.1.7) das Immunsystem überlistet und  Vorgängervarianten abgelöst hat. Mit einer bestimmten Mutation gelang es dem Virus, die Zellen dazu zu bringen, weniger Interferone freizusetzen – mit denen normalerweise das Immunsystem aktiviert wird. Es machte sich sozusagen für eine gewisse Zeit „unsichtbar“, um sich besser zu vermehren. Die Alpha-Variante kam im Dezember nach Deutschland und dominierte hier recht schnell.

Aber wann werden wir die sogenannte Herdenimmunität erreichen, von der am Anfang der Pandemie so viel die Rede war – also den Zustand, in dem so viele Menschen immun sind, dass sich die Krankheit nicht mehr ausbreiten kann? Diese Frage ist berechtigt nach anderthalb Jahren Pandemie – und angesichts laufender Impfkampagnen.

Jede Pandemie endet einmal. Die großen Grippe-Pandemien des 20. Jahrhunderts dauerten zwei bis drei Jahre. Die „Spanische Grippe“ von 1918 bis 1920 endete, ohne dass es je eine Impfung gegeben hatte, in einer Reihe lokaler Ausbrüche. Auch die Covid-Pandemie ist ein Geschehen vieler verschiedener regionaler, lokaler Ausbrüche. An einem Ort wird die Pandemie früher zu Ende sein, an einem anderen später.

Die weltweiten Impf-Quoten sind weltweit höchst unterschiedlich

Auf eine weltweite Herdenimmunität kann man nicht setzen. Dazu ist das gesamte Geschehen zu heterogen. Schaut man sich die Impfquoten weltweit an, dann sieht man: Israel mit einer Zweitimpfungs-Quote von fast 60 Prozent ragt einsam heraus. In Deutschland gab es am Freitag 24,8 Prozent Zweitimpfungen. Auffallend wenige Impfungen – zum Teil so gut wie gar keine – gibt es in afrikanischen Ländern, aber auch in Asien, Australien und manchen Ländern Südamerikas. 

Aber wahrscheinlich ist es auch generell illusorisch, auf Herdenimmunität zu setzen. In erster Linie geht es um die Frage, wann Effekte eintreten, die Covid-19 kontrollierbar machen, ohne dass es einen weiteren Lockdown oder größere Kontaktbeschränkungen braucht. Und dies könnte in Deutschland schon in diesem Herbst der Fall sein.

Natürlich muss man dabei weiter das weltweite Geschehen und die Virusentwicklung beobachten. So wie man das ja auch bei der Grippe macht. Jährlich wieder neu. Die Grippeviren sind übrigens ein gutes Beispiel für eine mögliche Zukunft von Sars-CoV-2. Auch hier gibt es keine Herdenimmunität. Weltweit kursieren mehrere Virusstämme – jeweils zwei Stämme Influenza A und B. Diese wechseln sich in der Zusammensetzung ab, sodass jährlich die Impfstoffe angepasst werden müssen. Und die Impfquote reicht nie aus, um die Verbreitung des Virus ganz zu stoppen. Je nach Schwere der Saison starben in den vergangenen Jahren in Deutschland einige Hundert bis zu 25.100 Menschen (2017/2018). Zum Glück ist die seit Jahren befürchtete große Grippe-Pandemie mit einem neuartigen Virus bisher ausgeblieben. Hier würden die Zahlen wohl anders aussehen.

Das Virus verhält sich nicht wie in den mathematischen Modellen

Bei der Herdenimmunität gegen Sars-CoV-2 sprechen Forscher von 60 bis 70 Prozent der Menschen, die immun sein müssen, damit sich das Virus nicht mehr weiterverbreiten kann. Manche auch von 80 Prozent, je nach Virusvariante. Doch Studien zeigen, dass bereits vorher Schwelleneffekte eintreten können. Denn das Virus verhält sich nicht wie in den mathematischen Modellen. Das konnte man in der Pandemie lernen. Es breitet sich nicht in einem homogenen Medium aus, in dem Infizierte wie Teilchen jeweils zwei, drei oder mehr andere Teilchen anstecken.

Nein, die Virusausbreitung hüpft und springt, lässt Gegenden aus, bildet anderswo Cluster, wie einmal Jonathan Everts, Professor für Anthropogeografie in Halle-Wittenberg in dieser Zeitung erklärte. Schwerste Ausbrüche sind oft auf einzelne Orte begrenzt. Soziale, biologische und regionale Unterschiede wirken sich aus, wie auch das Verhalten der Menschen. Außerdem sind nicht alle Infizierten gleichermaßen ansteckend, nicht alle Leute gleichermaßen empfänglich für das Virus.

„Sobald das Immunitätsniveau eine bestimmte Schwelle überschreitet, beginnt die Epidemie auszusterben, da nicht genügend neue Menschen infiziert werden können“, sagte bereits vor einem Jahr die Biostatistikerin Natalie Dean von der University of Florida in der Online-Publikation Quanta Magazine. Ausgehend von der Heterogenität des Geschehens, schätzte eine Studie, die in Science erschien, dass die Herdenimmunitätsschwelle viel niedriger liegen könnte als in einem homogenen Modell, und zwar bei 43 Prozent.

Zwar wurde heftig gestritten über solche Zahlen – andere Forscher nannten sogar noch niedrigere –, aber auch der Virologe Christian Drosten sprach schon im Februar in seinem Podcast von einer Hoffnung auf „so etwas wie eine effiziente Bevölkerungsimmunität“, die irgendwann in diesem Sommer entstehen könnte, obwohl noch gar nicht 70 Prozent der Bevölkerung geimpft seien. „Einfach deswegen, weil dieses Virus sich in Clustern verbreitet und irgendwann plötzlich ein Schwelleneffekt erreicht ist, wo dann die essenziellen Verbindungen zwischen diesen Ausbrüchen von den Übertragungsnetzwerken nicht mehr geschlossen werden können.“

Die Fallzahl wird spätestens im Winter wieder hochgehen

All dies sind Argumente dafür, dass sich das Verhalten auch in den Sommermonaten nicht grundsätzlich ändern sollte. Zwar sollte man die Freiheiten genießen. Aber für ein gänzliches Fallenlassen aller Regelungen ist die Zeit noch nicht gekommen. Manches wäre ja auch für die jährliche Grippezeit ratsam, zum Beispiel die Einhaltung der sogenannten AHA-Regeln. Wichtig ist auch, dass das Impfen offenbar wirklich der schnellste Weg ist, um in die Nähe von Schwelleneffekten zu kommen. 

„Natürlich wird die Fallzahl gen Winter wieder hochgehen“, sagte Christian Drosten mit dem Blick auf eine mögliche vierte Welle. „Das kann auch schon im Herbst passieren. Aber das wird ab jetzt jeden Winter passieren.“ Und es sei eine andere Situation als zuvor – durch den erwarteten Effekt umfassender Impfungen auf Krankheitsverläufe. Man werde wohl bei Labornachweisen eine Art vierte Welle sehen. Aber es sei dann keine pandemische Welle mehr. (mit dpa)