Jakob Hein in den Räumen der Lichtenberger Firma BosePark Productions, bei der er seinen Podcast „Verrückt“ aufnimmt.
Foto: Markus Wächter/Berliner Zeitung

BerlinIn der Küche der Produktionsfirma BosePark Productions in Berlin-Lichtenberg gibt es Kaffee und Kekse, im Studio nebenan wird Jakob Hein gleich zwei Folgen seines Podcasts „Verrückt“ aufnehmen. Gerade ist außerdem sein neues Buch herausgekommen, „Hypochonder leben länger“, die erste Auflage ist schon verkauft. Anscheinend war es höchste Zeit, dass der als Schriftsteller bekannte Jakob Hein mal über das schreibt, was er auch noch ist: Psychiater mit eigener Praxis.

Berliner Zeitung: Herr Hein, welche Gäste erwarten Sie gleich für Ihren Podcast?

Jakob Hein: Zuerst kommt Mari Günther, die wahrscheinlich informierteste transidentitäre Aktivistin. Sie ist selbst Psychologin, Psychotherapeutin und Transfrau. Und es kommt Michael Weins, der eines meiner psychologischen Lieblingsbücher geschrieben hat, „Goldener Reiter“. Es geht um einen 13-jährigen Jungen, dessen Mutter wegen einer Schizophrenie in die Psychiatrie kommt. 20 Jahre nach Erscheinen des Buches hat er eingeräumt, dass die Geschichte doch sehr autobiografisch ist.

In Ihrem Podcast geht es um Psychologie im weiteren Sinn, Ihre Kenntnis als Psychiater fließt ein. Wollen Sie aufklären über Ihr Fachgebiet?

Bedürfnisse dürfen von mir aus immer gern andere behaupten. Ich finde es einfach wahnsinnig interessant, mit Leuten zu sprechen, das ist ja auch mein Beruf. Beim Podcast kann ich es öffentlich tun. Einer meiner ersten Gäste war eine junge Frau, die erklärt hat, warum sie in ihrer schweren Depression EKT, die Elektrokrampftherapie, für sich gut und richtig findet. Da kommt man in die Anästhesie, bekommt Elektroden ans Gehirn und es wird ein epileptischer Anfall ausgelöst. Zu trauriger Berühmtheit ist das gelangt durch den Film „Einer flog über das Kuckucksnest“. So, wie es da gezeigt wurde, ist es natürlich Folter. Tatsächlich gibt es aber einen kleinen Teil Patienten, die das für sich so besser finden. Dass die junge Frau darüber spricht, ist eine Besonderheit und die Möglichkeit, das öffentlich tun zu können, finde ich toll. Mir geht es mit dem Podcast schon darum, dass man sieht: Menschen wie du und ich haben psychische Krankheiten und Störungen, auch schwerste.

Zur Person

Jakob Hein wurde 1971 in Leipzig geboren. Mit seiner Familie – sein Vater ist der Schriftsteller Christoph Hein, seine Mutter die Regisseurin Christiane Hein – zog er 1972 nach Berlin. Nach seinem Medizinstudium arbeitete er an der Berliner Charité, ab 2005 als Oberarzt in der dortigen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Seit 2011 ist er niedergelassener Arzt.

Von Ende der 90er-Jahre an machte sich Jakob Hein als Mitglied der „Reformbühne Heim und Welt“ in der Berliner Lesebühnen-Szene einen Namen, 2001 erschien sein erstes Buch: „Mein erstes T-Shirt“. Bis heute folgten 17 weitere Bücher, zumeist Romane. „Hypochonder leben länger und andere gute Nachrichten aus meiner psychiatrischen Praxis“ ist das erste Buch, in dem Jakob Hein Erfahrungen aus seinem Alltag als Arzt zum Thema macht.

Im Podcast wie in Ihrem neuen Buch sind auch immer wieder die Klischees Thema, die über Psychiater kursieren. Sie schwanken zwischen gruselig und albern.

Es macht Spaß, sich über Psychiater lustig zu machen, das finde ich auch. Ich habe manchmal bei den Weihnachtsfeiern der Psychiatrie in der Charité aufgelegt, und einer der größten Hits war „Psychiater“ von Funny van Dannen: „Mein Psychiater hat sich umgebracht, jetzt brauch’ ich einen neuen“. Das kam sehr gut an im Kollegenkreis. In der Regel sind wir schon auch humorfähig. Aber viele der Klischees – dass wir entweder gar nichts können oder mit der Zwangsjacke herumlaufen, um dann Spritzen in den Hals zu geben – führen ja auch zu einer Herabwürdigung der Patienten. Und das ist schon ein Problem, weil die Leute dann sagen könnten: „So bin ich nicht. Ich bin nicht so eine bekloppte Studienrätin, die sich neben dem gelangweilten Psychiater auf die Couch legt. Ich bin eine 35-jährige Ingenieurin, ich kann sehr schlecht schlafen, ich komme morgens ganz schwer aus dem Bett, meine Gedanken kreisen immer um das Gleiche. Aber so wie in diesem lustigen Psychiaterklischee bin ich nicht, also muss ich da wahrscheinlich nicht hin.“ Dabei könnten wir dieser Frau sehr gut helfen, weil sie möglicherweise eine leichte Depression hat, die behandlungsbedürftig wäre. Über Kardiologen gibt es ja auch keine Witze. Außer, dass sie Porsche fahren. Und zu denen geht jeder mit seiner Herzkrankheit.

Warum gibt es gerade von Psychiatern ein so falsches Bild?

Weil es lustig ist und auch aus Abwehr. Wir haben ja alle verschiedene Persönlichkeitsfacetten. Wir gehen auf Toilette und dann sind wir eine Person, die auf der Toilette sitzt – wir sind da nicht besonders interessant oder fühlen uns auch nicht besonders attraktiv. Und wir sind eine Person, die auf der Arbeit ist und mit Kollegen spricht und professionell ist. Und wir sind Urlaubsperson und sexuelle Person und so weiter. Wir ahnen alle, dass es da Friktionen gibt, da sind ja keine hohen Übereinstimmungen. Wenn ich in ein Business-Meeting gehe als die Person, die ich bin, wenn ich auf Toilette gehe, ist das schlecht für das Meeting und vor allem für mich. Diese Friktionen wehren wir ab, und dazu gehört dann auch, sich über Menschen, die damit umgehen, die das reflektieren, lustig zu machen.

Gibt es auch unter den Ärzten Vorurteile?

Wir sind schon ein besonderes Fach. Es gibt ein klischiertes Bild von einem Allgemeinmediziner, der ein bisschen Chirurg ist und ein bisschen Internist, und das ist ein richtiger Arzt. Eine Frau, die im virologischen Labor forscht – ach ja, stimmt, das ist ja auch eine Ärztin. Und eine Frau, die Gastroskopien macht, in Mägen reinguckt, ist bei genauerer Betrachtung auch eine Ärztin. Und ein Mann, der Laborbefunde beurteilt, ist auch ein Arzt. Aber das passt nicht so in das typische Bild. Und wir Psychiater scheinen davon am weitesten weg. Was wir machen, ist wenig handfest und wenig naturwissenschaftlich. Man macht sich ja auch nackt, wie man so sagt. Man kommt nicht an und sagt, ich bin der Arzt und Experte, ich sag dir jetzt, was du tun musst, weil ich das ja alles weiß. Wir sind ohne die Kooperation der Patienten völlig hilflos.

Wie würden Sie denn selbst beschreiben, was Sie tun?

Ich stehe auf und gehe zur Arbeit. Und da probiere ich, Menschen mit psychischen Störungen weiterzuhelfen, ihre Entwicklungspotenziale freizulegen und für sich anzuwenden.

Wenn man einen 14-Jährigen, der aussieht wie ein 11-Jähriger, fragt: Was willst du denn werden? Und er sagt: Kinder- und Jugendpsychiater. Da fragt man nicht mehr weiter.

Jakob Hein über seine frühzeitige Festlegung auf einen Beruf

In Ihrem Buch steht, Ihr Job sei es, die Frage zu stellen, nicht, die Antwort zu geben.

Die Lösungspotenziale für die spezifischen Probleme des Patienten sind in ihm. Ich kann nicht wissen, welche individuelle Lösung der Patientin helfen würde bei dem Problem, unter dem sie leidet. Meine Lösung wäre eine Lösung für mich. Ich wünsche mir vielleicht, dass die Patientin Köchin wird. Weil meine Mutter immer so toll gekocht hat, stelle ich mir vor, dass es die wahre Verwirklichung einer Frau ist, in einer Sterneküche das Regime zu führen. Aber das möchte die Patientin vielleicht überhaupt nicht. Sie muss wissen, was für sie ein Schritt wäre, der sich anfühlt, als ginge er in die richtige Richtung.

Sie schreiben, dass Sie schon als Jugendlicher auf die Frage, was Sie werden wollen, geantwortet haben: Kinder- und Jugendpsychiater. So spezifisch?

Ich glaube, das habe ich gemacht, weil es so gruselig-konkret war. Wenn man einen 14-Jährigen, der aussieht wie ein 11-Jähriger, fragt: Was willst du denn werden? Und er sagt: Kinder- und Jugendpsychiater. Da fragt man nicht mehr weiter. Psychiater werden wollte ich, weil ich in ein Mädchen verliebt war, also einseitig verliebt. Sie wollte Neurologin werden, und sie hat gesagt, du wirst Psychiater und wir machen zusammen eine Praxis auf. Ich dachte, toll, dann kann ich ja für den Rest meines Lebens mit ihr zusammen sein. Irgendwann hat mir mein Vater, der manchmal in den Westen durfte, Henri F. Ellenbergers Buch über die Geschichte der Psychiatrie mitgebracht, und als ich das gelesen habe, merkte ich, dass mir das total Spaß macht: endlos dicke Bücher über Psychotherapie zu lesen.

Dann müssen Sie dem Mädchen ja dankbar sein.

Wir sind bis heute befreundet, und sie ist Neurologin.

Sie arbeiten nun tatsächlich seit über 20 Jahren als Kinder- und Jugendpsychiater. Als Sie begannen, gab es noch kaum Internet, kaum Handys, kein Social Media. Haben sich mit der Technik auch die Probleme der jungen Menschen verändert?

Die Probleme haben sich verschoben. Ich denke immer, Mediennutzung ist das Bier unserer Jugend. Wir sind in Kneipen gegangen oder haben uns ein Bier gekauft und haben es im Park getrunken. Das war manchmal problematisch, aber die meisten von uns sind damit zurechtgekommen. Und jetzt ist da die Mediennutzung: Das macht auch abhängig und alle experimentieren hart damit, die meisten kommen damit klar, aber einige eben nicht. Das soziale Miteinander hat sich auch ganz klar verändert: Die Freundeskreise, die die Kinder und Jugendlichen wahrnehmen, sind zu riesigen Teilen internetbasiert. Wenn man Glück hat – also ich empfinde das als Glück – schafft man den Sprung raus, trifft reale Leute, geht in den Park.

Ist Computersucht ein Thema bei Ihren Patienten?

Ich bin nicht so ein Endzeit-Prophet, aber man muss schon abwarten, was das mit den Leuten macht. Ein Teil der Jugendlichen rutscht in Süchte ab. Hat man als Affektregulation gelernt, Computer zu spielen, dann hat sich der Suchtkreis geschlossen. Du spielst so viel Computer, dass du zu wenig Sonnenlicht hast, zu wenig Bewegung, zu wenig sozialen und körperlichen Input, dass du eigentlich am Abend depressiv bist. Wenn aber dein Mittel, das zu regulieren, Computerspielen ist, kommst du nicht raus aus der Spirale. Bei Patienten, die deswegen kommen, stehen ja oft die Eltern dahinter. Wenn mir jemand sagt, ich kann jederzeit aufhören, dann sage ich, okay, dann spielst du jetzt mal sieben Tage nicht. Gucken wir, wie es dir damit geht. Und wenn er es nach einem halben Jahr immer noch nicht hingekriegt hat, dann sagt man: Naja, wie siehst du es denn jetzt?

Die Corona-Pandemie hat die Gesellschaft als Ganzes aus der Normalität rausgerückt. Das ist für Sie doch sicher interessant aus professioneller Sicht.

Der Public-Health-Aspekt war für mich sehr interessant. Zu dem Zeitpunkt, als schon ziemlich klar war, wie der Hase läuft, konnten dennoch bestimmte Botschaften noch nicht in die Bevölkerung kommuniziert werden, weil die Gefahr bestand, dass die das als überzogen empfindet und nicht akzeptiert. Wir haben in Deutschland meiner Überzeugung nach besonders viel Glück, weil die Regierung auf die Wissenschaft hört. Da ist gutes Messaging erfolgt.

Trotzdem sind einige Menschen gegen alles, was die Regierung unternimmt.

Das ist eine sehr geringe Zahl von Menschen. 91 Prozent befürworten die Maßnahmen, das ist in der Medizin ein unglaublich guter Wert. Ich finde, die Leute, die das ablehnen, haben eine ganz gute Funktion. Sie üben sozusagen Druck aus auf die Maßnahmen, die man immer dahingehend überprüfen muss, wie sinnvoll sie noch sind. Aber es ist eine Minderheit.

Was bekommen Sie von Ihren Patienten für Rückmeldungen, wie es ihnen in dieser Krisenzeit geht?

Während des Lockdowns dachte ich, hoffentlich geht es meinen Patienten nicht besonders schlecht. Aber das war nicht so, und von manchen mit Depressionen hörte ich sogar: Es ist eigentlich okay, dass ein breiterer Teil der Gesellschaft jetzt versteht, wie es uns immer geht. Die meisten Menschen waren während der Zeit ja gesund, hatten ein Auskommen und dennoch haben wir uns unwohl gefühlt. So wie es bei den Patienten ist, wenn sie in einer depressiven Phase sind.

Das Gespräch führte Petra Ahne.