Fischadler mit Beute: Von dieser Art hat Brandenburg seit 2004 auch etliche Exemplare nach Spanien "exportiert".
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TremmenEtwas sehr Nützliches für Menschen kann auch negative Seiten für die Natur haben. Aber selbst dann lässt sich daraus etwas Gutes machen. Oder besser gesagt: Wenn eine technische Errungenschaft für Vögel eine Gefahr darstellt, muss man so lange daran arbeiten und die Verantwortlichen überzeugen, bis die Sache für die Vögel kein Problem mehr darstellt. Das jedenfalls ist die Meinung von Günter Lohmann.

Der 73-Jährige steht zwischen drei Windrädern im Kreis Havelland – westlich von Berlin – und zeigt auf eine Überlandleitung am Horizont. „Die wurde bereits zu DDR-Zeiten gebaut“, sagt der Mann aus Ketzin. „Diese 380-KV-Leitung kommt aus Magdeburg, geht hier in der Nähe an Tremmen vorbei und dann weiter in Richtung Spandau. Die Leitung diente von Anfang an dazu, West-Berlin mit Strom zu versorgen.“

Zwei Drittel der Horste auf Strommasten

Das Negative ist, dass sich vor allem große Vögel wie Adler gern auf solchen Masten ihre Horste bauen. Vor 100 Jahren wohnten sie meist noch in Baumwipfeln. Doch 1938 wurde erstmals in der Nähe von Templin in Nordbrandenburg gesehen, dass Fischadler ihr Nest auf einem Strommast angelegt hatten. Inzwischen befinden sich zwei Drittel aller Horste auf solchen Masten.

Der erste Nachteil daran ist, dass die Tiere einen Stromschlag bekommen und sterben können. Der zweite Nachteil ist, dass die Horste auf den Masten oft nicht stabil genug sind und von den Winterstürmen heruntergeweht werden. „Wir haben uns gefragt: Können wir solche Masten auch nutzen, um Vögel zu schützen, die vom Aussterben bedroht sind“, sagt Lohmann.

Die Ehrenamtlichen sorgen dafür, dass stabile Nisthilfen auf den Masten gebaut werden. Es sind angeschweißte Stahlkonstruktionen mit einer Fläche von 90 mal 90 Zentimetern. Als Lohmann 1986 anfing, sich um die Fischadler zu kümmern, gab es gerade einmal zwei Brutpaare in seinem Revier. Die reicht von Berlins Grenze in Spandau bis nach Sachsen-Anhalt. „Inzwischen haben wir hier im Havelland 60 Nisthilfen gebaut“, sagt er nicht ohne Stolz: „Die Zahl der Brutpaare steigerte sich über die Jahrzehnte auf derzeit etwa 50. Im Jahr 2019 haben wir 122 Jungtiere gezählt.“

Extra später in den Urlaub gefahren

Lohmann sagt aber auch, dass diese Erfolge nicht nur auf das Konto der professionellen Vogelschützer vom Landesumweltamt gehen und auf das der ehrenamtlichen Vogelschützer, sondern dass die Erfolge letztlich auch den regionalen Energieversorgern zu verdanken sind. Die haben sich überzeugen lassen, dass sie einen wichtigen Beitrag beim Vogelschutz leisten können. „Unser Energieversorger, die Edis AG, bezahlt bei uns die Kosten für die Nisthilfen und zahlt auch für zwei Leute, die zwei Wochen im Jahr mit mir unterwegs sind und auf die Masten steigen, um die Jungtiere zu beringen“, sagt er. Der 73-Jährige darf, seit er 65 Jahre ist, nicht mehr hoch.

Auf die Frage, wie er zum Vogelschutz gekommen ist, erzählt Lohmann, dass er früher mal Lehrer für Biologie und Sport war. „Ich sage immer: Jeder Mensch braucht einen Vogel, besonders wir Biologen.“ Dabei hatte er nie einen Vogel zu Hause.

Fischadler gehören schon immer zu seinen Lieblingsvögeln, um die er sich nun vor allem kümmert. Für diese Tiere ist er in den Weiten Brandenburgs ständig unterwegs. Und er nimmt die Sache sehr ernst, obwohl er als Ehrenamtlicher dafür kein Geld bekommt. „Früher, als ich noch gearbeitet habe, konnten wir immer erst im August in den Urlaub fahren, weil dann die Brutzeit der Vögel abgeschlossen war.“

Ganz spezieller Ring an den Adlerbeinen

Immer wenn der Winter vorbei ist, fährt er zu den Bruthilfen, kontrolliert, ob sie vom Sturm beschädigt wurden und sorgt dafür, dass die Edis-Mitarbeiter sie wieder reparieren. Ab Mitte März kommen die ersten Adler aus ihren Überwinterungsgebieten zurück und brüten. Lohmann schaut dann regelmäßig mit seinem Fernglas auf den Ringen nach, woher sie kommen. Er kontrolliert, ob die Jungen genügend Futter bekommen. Ob sich Jungtiere im Bindegarn von den Feldern verfangen haben und die Krallen beider Beine so verknotet sind, dass sie nicht überleben würden. Dann müssen die Knoten von Lohmanns Helfern aufgeschnitten werden.

Und die Belohnung für all den Einsatz, für die Stunden im Auto und an den Nisthilfen? Lohmann lächelt und erzählt vom Beringen der Jungtiere. Sie bekommen einen offiziellen Ring, den alle Fischadler erhalten. Aber Lohmann bringt immer noch einen zusätzlichen Plastikring mit einer speziellen Kombination aus Buchstaben und Zahlen an. Viele Vogelfreunde haben ein Spektiv dabei, also ein starkes Fernrohr. Damit können sie auf den Ringen die Codes lesen und herausbekommen, in welchem Revier das Tier brütet.

Bereits 2000 Adler beringt

„Ich bekomme immer mal Fotos zugeschickt von einem meiner Fischadler – eines wurde in Dakar aufgenommen, in Zentralafrika. Andere Adler von mir wurden in Holland gesehen, in Belgien, in Frankreich oder im Senegal“, sagt er stolz.

Die Erlaubnis, Adler zu beringen, hat er 1974 bekommen. Inzwischen hat er so 2000 Adler gekennzeichnet. Wie schätzt Günter Lohmann die eigene Arbeit und die der ungezählten freiwilligen Vogelfreunde ein. „Ganz einfach: Ohne Leute wie uns hätten sich zum Beispiel hier in dieser Region nicht so viele Fischadler angesiedelt.“