Diese Ratte wird zu Versuchszwecken gekitzelt.
Foto:  dpa/Shimpei Ishiyama & Michael Brecht

Berlin13 Millionen Mal wurde die Corona-Warn-App der Bundesregierung bereits heruntergeladen. Stand Donnerstag laut Robert-Koch-Institut. Am Mittwoch waren es 12,6 Millionen, am Dienstag 12,2 Millionen, und wenn keine Bots in den Prozess involviert sind, die diese schöne Gleichmäßigkeit simulieren, entscheiden sich derzeit täglich 400.000 echte Menschen in diesem Land dafür, im Corona-Offenbarungsspiel eine Rolle einzunehmen. In 175 Tagen werden alle Einwohner die App haben, inklusive der Babys.

Das verpflichtet ja noch zu nichts. Die App hört nicht zu, wenn man plötzlich hustet oder misst die eventuell stark erhöhte Körpertemperatur von Smartphone-Besitzern. Und wenn doch, darf sie zumindest nicht reagieren. Jemandem, der sich krank fühlt, ist es auch selbst überlassen, ob er zum Arzt geht und dort eventuell als Corona-Infizierter erfasst wird. Und selbst wenn das der Fall ist, muss er es die App-Gemeinde nicht wissen lassen. Alles kann, nichts muss, wie man früher gerne sagte. 

Was ja auch für den Stand der wissenschaftlichen Erforschung des Virus und seines Verhaltens gilt. Man kann infiziert sein und keine Symptome haben. Man kann Symptome haben und infiziert sein, obwohl das Virus nicht nachgewiesen werden kann. Und wenn die Infektion überstanden ist, kann man Antikörper haben oder keine, man kann mit oder ohne Antikörper immun sein. Oder auch nicht. Von den in Deutschland dankenswerterweise relativ wenigen ernsten Verläufen abgesehen, sind die Zusammentreffen mit dem Coronavirus Blind Dates. Und die Corona-Warn-App steigert die Sache zum kommunikativen Doppelblindversuch. Was moralisch hohe Maßstäbe setzt.

Denn für einen geschickten Hacker dürfte es ja keine Unmöglichkeit sein, ein Gesundheitsamt anzuzapfen und ein paar zusätzliche TAN-Nummern in Umlauf zu bringen, mit denen auch Gesunde ihrer App eine Infektion melden können. Oder tatsächlich Infizierte nutzen ihre Nummer nicht und geben sie anderen weiter. Die könnte man dann ausspielen, wenn man keine Lust auf das geplante Gartenfest bei den Nachbarn hat und und diese so einschätzt, dass sie die Sache absagen, wenn sie davon ausgehen müssen, kürzlich mit Infizierten Kontakt gehabt zu haben. Und wenn sie ihr Fest nicht absagen, geht man natürlich erst recht nicht hin, weil es schon sehr zu denken gäbe, wenn sie auf einen solchen Hinweis nicht reagierten. Vielleicht sind sie ja mit schwachen Symptomen längst wirklich infiziert, wollen aber ihren Sommerurlaub nicht gefährden. Hat man es zuletzt nachts nicht häufiger husten hören? 

Sowas. Jeder wird des anderen Laborratte. Oder auch seine eigene. In den 70er- und 80er-Jahren war im Bereich des Straßentheaters die Form des unsichtbaren Theaters sehr beliebt. Eine Frau wehrt sich gegen einen Übergriff, ein Paar gerät in Streit, eine Gruppe diskutiert kontrovers über ein politisches Thema – Alltagskonflikte, die von Schauspielern unter Passanten gespielt werden als wären sie echt, und Umstehende involvieren und zu Mitspielern oder doch mindestens zu Zuschauern machen, zu Zeugen einer Wirklichkeit, die Kunst ist. 

Viele, die bisher keine schweren Covid-19-Verläufe in ihrer Umgebung mitbekommen haben, fühlen sich auf das Stichwort „Corona“ hin ebenfalls in ein unsichtbares Theater katapultiert. In ein Rollenspiel, dessen Regeln im Rennen erfunden und wieder geändert werden, in dessen Rahmen ein geradezu kindlich anmutendes Was-wäre-wenn-Denken (die Schulen schlössen, Papa und Mama immer zu Hause wären, Niesen in der Öffentlichkeit verboten wäre, die Wissenschaftler auch nichts wüssten) plötzlich Staatsdoktrin geworden ist.

Nimmt man es hin wie das Wetter, will man mitspielen und denkt sich eigene Unglaublichkeiten aus oder sucht man einen Pfad zwischen Anforderung und Lebbarkeit? Wenn heute die Stirn heiß wird und der Kopf schmerzt, aber die Pension mit Ostseeblick bereits gebucht ist – geht man zum Arzt? Tippt man es hinein in die App, in deren Wirkungskette der nächste Vorerkrankte nie weiter als ein paar Glieder entfernt ist? Oder denkt man: Ach, wird schon? Wie ernst nimmt man sich, die anderen und das Unsichtbare? Ich weiß es nicht.