Still ruht der See. Kalt war er auch, der Starnberger See. Im Frühling, als Mutige hier das Eisbaden nach der Methode Wim Hof testeten. 


Foto: Matthias Wittfoth

StarnbergAm Südufer des Starnberger Sees klatschen kleine Wellen monoton gegen einen Steg. Klares, eisiges Wasser. Es ist noch Frühling, eigentlich würde hier im bayerischen Voralpenland gerade niemand baden. Trotzdem stehen wir, eine kleine Gruppe von Menschen in den Vierzigern, in Badekleidung vor dem weiten See. Warum? Wir wollen eisbaden. 

Ich trage nur eine Badehose, kühler Wind streicht über meinen Rücken. Wo das türkis schimmernde Wasser an heißen Sommertagen ein nicht zu widerstehender Lockruf ist, wirkt es jetzt wie eine Drohgebärde: Ich bin ungeheuer kalt! Überleg es dir gut!

Der Mann, der mir das hier eingebrockt hat, heißt Wim Hof. Ein 61-jähriger Holländer, drahtig, bärtig und besser bekannt unter dem Namen „The Iceman“. Wim Hof ist durch Auftritte in niederländischen Fernsehshows bekannt geworden, wo er seine Fähigkeit demonstrierte, sich sehr lange extremer Kälte auszusetzen. Er hält 26 internationale Rekorde, darunter ein legendärer, fast zweistündiger Aufenthalt 2011 im Eiswasser. Der Mann ist aber auch schon unter Eisschollen entlang getaucht, hat den Mount Everest, nur in Sandalen und Shorts bekleidet, bis auf eine Höhe von 7400 Metern bestiegen und ist in der Wüste Namib einen Marathon gelaufen. Angeblich ohne auch nur einen Schluck Wasser zu trinken.

Ist Wim Hof ein Übermensch?

Ist Wim Hof ein Freak, ein Übermensch, ein Zauberer oder ein Betrüger? Eine Studie aus dem Jahr 2014 mit seinem Zwillingsbruder hat ergeben, dass dieser ebenfalls, auch ganz ohne die intensiven Trainingseinheiten seines Bruders, eine erstaunliche Resistenz gegenüber Kälte aufweist. Ein Befund war zudem, dass beide über einen hohen Anteil an braunem Fettgewebe verfügen, das für die Regulation der Körpertemperatur mit verantwortlich ist. Die Studie legt nahe, dass Wim Hofs Kälterekorde wohl stärker auf seiner Genetik oder starkem Training beruhen als auf jenen Übungen, die er als die Wim-Hof-Methode propagiert. 

Nichtsdestotrotz findet Hofs Hingabe zu eiskaltem Wasser weltweit immer mehr Nachahmer: Auf YouTube häufen sich die Kaltduscher unter den Influencern, in vielen größeren Städten formieren sich Gruppen zum Eisbaden, und seit Jahresbeginn hat Hof auch einen prominenten Auftritt bei Netflix. In einer Folge der Selbstoptimierungs-Serie „The Goop Lab“ von US-Schauspielerin Gwyneth Paltrow erklärt der Extremsportler, dass die Kälteresistenz maßgeblich mit einer besonderen Atemtechnik zu tun habe, die man vor dem Eisbad anwenden müsse. Und welche gesundheitsförderlichen Aspekte das Gesamtpaket aus tiefer Atmung und kalten Bädern mit sich bringe. Dabei gehe es weniger um Selbstüberwindung, sondern vielmehr darum, stressresistenter zu werden, das Immunsystem zu stärken und mehr Konzentrationsfähigkeit zu erlangen. 

Seine Methode lässt Wim Hof sich mittlerweile vergolden. Tickets für die nächste öffentliche Veranstaltung in London kosten bis zu 999 Euro, ein persönliches Meet-and-Greet mit dem Iceman inbegriffen. Wer ihn privat buchen möchte, zahlt 25.000 Euro pro Stunde, plus Reisekosten. 

Ich buche stattdessen ein Tagesseminar im kleineren Rahmen bei einem sogenannten „Wim-Hof-Instructor“:  Matthias Wittfoth, 48 Jahre alt, Neurowissenschaftler und Podcaster, hat gemeinsam mit dem niederländischen Extremsportler die Schneekoppe erklommen, bei minus 16 Grad. In Shorts, versteht sich. Jetzt spricht er im großen Giebelzimmer einer Villa in Seeshaupt am See zu den acht Kurtsteilnehmern mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen, viele von ihnen sind auf der Suche nach besserer Gesundheit. Wittfoth sagt: Die Anwendung verschaffe Linderung bei allen möglichen Beschwerden und Krankheiten wie Ängsten, Depressionen, Autoimmunerkrankungen oder chronischer Müdigkeit. Wenn man sie regelmäßig und hinreichend lang praktiziere. 

Foto: privat
Die Methode Wim Hof

Die nach ihrem Gründer Wim Hof bezeichnete Methode umfasst drei Säulen: eine spezielle Atemtechnik, die Adaption von Kälte, meist durch Eisbäder, und die Hingabe an diesen Prozess. Durch regelmäßige Anwendung soll es gelingen, das autonome Nervensystem so zu beeinflussen, dass die Immunabwehr gestärkt wird. Wissenschaftlich sind positive Effekte von kontrollierter Hyperventilation nachgewiesen. Für den positiven Effekt von Kälte fehlen Nachweise. Mike Tipton, Professor für Physiologie an der Universität Portsmouth und Co-Autor der Meta-Studie „Cold water immersion: cure or kill“, hält einen starken Placebo-Effekt für wahrscheinlich. Neurowissenschaftler und Psychotherapeut Matthias Wittfoth (im Bild) gibt in Deutschland Seminare nach der Wim-Hof-Methode. 

„Die Wim-Hof-Methode ist eher unspezifisch und eigentlich nichts Neues“, so Wittfoth. „Die vertiefte Atmung wird häufig mit der schon seit Jahrhunderten praktizierten tibetischen Meditationspraxis in Zusammenhang gebracht, dem Tummo. Das steht für inneres Feuer.“ Und die Abhärtung im kalten Wasser? „Sie kennen wir beispielsweise von den Russen und Skandinaviern. Neu ist, dass beides bei Wim Hof zusammenkommt – hintereinander.“ Wittfoth sieht aus, als könnte er der jüngere Bruder Wim Hofs sein.

Und dann geht es los: Wir legen uns auf Yoga-Matten, schließen die Augen, beginnen tief ein- und auszuatmen. Wittfoth hat Musik aufgelegt, ihren Rhythmus empfinde ich bei der anstrengenden Atmung als unterstützend. Ich spüre, wie meine Hände langsam zu kribbeln anfangen, meine Handgelenke ganz fest werden. Außerdem fühle ich mich irgendwie leichter. Nach zirka 30 Atemzügen bittet uns der Instructor, komplett auszuatmen, und die Luft so lange wie möglich anzuhalten, danach tief einzuatmen und für zirka 15 Sekunden nochmals die Luft anzuhalten. Runde um Runde geht das so weiter, eine halbe Stunde lang. 

30 Minuten Stressatmung

„Im Prinzip“, sagt Wittfoth, nachdem er uns aus der tiefen Atmung entlässt, „habt ihr gerade 30 Minuten lang eine Stressatmung praktiziert.“ Diese Stresserfahrung fahre das Immunsystem hoch. Der Trick: Durch die spezielle Atmung werde vermehrt Adrenalin produziert, nicht jedoch das Stresshormon Cortisol, das im Körper langfristig zu Organschäden führen kann. Zum anderen erreiche die Sauerstoffsättigung des Bluts einen kurzfristigen Wert von nahezu 100 Prozent, falle aber beim Luftanhalten rapide ab. Das trainiere auf Dauer das Hirn, weniger sensibel gegenüber Veränderungen der Blutgase zu sein. Es gebe „wissenschaftliche Hinweise“, so Wittfoth, „dass bei gesunden Menschen Sauerstoff-Depots des Herzens freigesetzt werden und dadurch bis zu 30 Prozent mehr Sauerstoff im Gewebe ankommt.“

Das klingt beeindruckend. Mit diesen intensiven Atemübungen gelinge es auch Wim Hof, seine Körpertemperatur im Eiswasser konstant zu halten. Allerdings ist Vorsicht geboten: Menschen mit Panikattacken fühlen sich durch das vertiefte Atmen an Angstzustände erinnert, sie sollen ein starkes Unwohlsein verspüren. In meiner Gruppe fühlt sich ein Teilnehmer, als „seien die Körpergrenzen erweitert worden“. 

Den positiven Nutzen der Methode soll eine Studie von 2017 belegen, bei der Probanden Bakterienhüllen gespritzt wurden. Jene Gruppe, die zehn Tage nach der Methode trainiert hatte, zeigte bei einer Blutuntersuchung im Gegensatz zur neutralen Kontrollgruppe eine weniger stark ausgeprägte Grippesymptomatik. Diesen und weitere angebliche Belege für die Wirksamkeit bezeichnen Kritiker als zu wenig aussagekräftig. Auch der niederländische Studienleiter Peter Pickkers zeigte sich trotz eindeutigen Ergebnisses zurückhaltend: „Es fehlen die Daten, um sicher sagen zu können, dass die Methode auch Krankheiten zu heilen vermag. Wenn es einen positiven immunologischen Effekt gibt, wäre meine Vermutung, dass dieser nicht lange anhält, wahrscheinlich nur bis zu einen Tag nach dem letzten Training.“

Plötzlich Stille im Kopf

Trotzdem geht es bei uns nun ans Eingemachte – wir nähern uns dem See. Einige können es kaum erwarten, ins Wasser zu steigen. Ich dagegen habe Magengrummeln. Wie werde ich in dem fünf Grad kalten Wasser zurechtkommen? Werde ich überhaupt hineinsteigen oder in letzter Minute einen Rückzieher machen?

Nach einer kollektiven Konzentrationsübung in Badekleidung, die mich an Tai Chi erinnert, tippeln wir im Gänsemarsch auf den Steg. Die Hälfte der Teilnehmer steigt scheinbar mühelos und rasch ins Wasser. Die andere Hälfte ist eher zaghaft. Als ich zum Schluss allein auf den Planken stehe, gibt es kein Zurück mehr: Ich steige vorsichtig in den See, rutsche auf der letzten Stufe aus und bin – schwups – dann doch ganz schnell bis zum Kopf in der Eiseskälte. Das eisige Wasser sticht wie mit tausend Nadeln auf meinen Körper ein. Ich versuche den Ratschlag von Wittfoth zu beherzigen, „trotzdem ruhig auszuatmen“.  Meine Lunge sieht das anders. Nach ein paar Sekunden wird es besser, die ermutigenden Blicke der anderen geben mir Kraft. Und auf einmal, da wird es ganz still und leer in meinem Kopf.

Als ich das Eiswasser wieder verlasse, muss ich laut lachen. Mein Körper ist krebsrot, als hätte ich viel zu lange in der Sonne gelegen. Aber: Das Gefühl, eine große Hürde genommen zu haben, ist fantastisch. Ich verspüre auch gar keinen Drang, mich sofort abzutrocknen oder warm einzupacken. Wittfoth kennt die Geistesstille in der Kälte: „Das ist wie eine Blitzmeditation. Dadurch hat die Methode auch eine bewusstseinserweiternde Komponente.“

Ich bin seitdem fast süchtig nach dem kurzen Kälteschock geworden. Die Gedankenstille während des Eisbades, die wohlige Müdigkeit danach tun einfach gut. So oft es während des Lockdowns ging, habe ich deshalb einen Tümpel oder See aufgesucht. War ich während dieser Zeit krank? Nein. Wäre ich es ohne Wim Hof gewesen? Weiß ich nicht. Jedenfalls kann ich es kaum erwarten, bis die Gewässer wieder kälter werden.

Hydrotherapeutische Kaltreize sind gesund, wenn sie kurzfristig angewendet werden. Im Bild ist nicht der Autor zu sehen, sondern ein weiterer Eisbadender. 

Foto: Matthias Wittfoth