Das Coronavirus
Foto: imago images / ZUMA Wire

Auf diese Fragen gibt es hier Antworten

  • Verliert man durch das Virus wirklich den Geruchs- und Geschmackssinn?
  • Bei welchen Symptomen sollte man spätestens ins Krankenhaus?
  • Kann man sich an der Haltestange im Bus infizieren?
  • Wie stellt man fest, ob man mit dem Virus schon infiziert war?
  • Fliegt das Coronavirus durch die Luft?
  • Kann man dem Virus nicht einfach freien Lauf lassen?
  • Wird es bald ein Mittel gegen Covid-19 geben?
  • Schützt ein Mundschutz vor Ansteckung trotz Bart?
  • Ist man nach einer Infektion mit dem Coronavirus immun?
  • Warum gibt es verschiedene Zahlen über Infizierte?
  • Wann sind wir alle gegen das Coronavirus immun?
  • Was ist eigentlich exponentielles Wachstum?

Kann das Coronavirus noch zu einem echten Killervirus werden?

Vor einiger Zeit kam das Gerücht auf, es gebe sozusagen zwei Varianten des neuen Coronavirus: eine etwas harmlosere und eine gefährlichere. Diese Vorstellung geht auf eine Studie zurück, die chinesische Forscher veröffentlichten. Sie beschreiben zwei große Untereinheiten, einen S-Typ und einen L-Typ des Virus. Der S-Typ trat in der frühen Phase in Wuhan vermehrt auf und verbreitete sich dann auch international weiter. In der späteren Phase beobachtete man in Wuhan dann häufiger den L-Typ. Und weil es in dieser Zeit mehr schwere Verläufe und Todesfälle dort gab, zog man den Schluss: Der L-Typ ist gefährlicher!

Virologen widersprechen dem vehement. Sie verweisen auf ganz verschiedene Einflüsse, die mit schwereren Verläufen zusammenhängen könnten. Diese haben aber nichts mit einer angeblich aggressiveren Variante des Virus zu tun. Das Erbgut des Virus (RNA) mit seinen etwa 30.000 Basen unterscheidet sich nur an ganz wenigen Stellen. Klinisch gibt es keine relevanten Unterschiede.

Dass das Coronavirus mutiert, lässt sich aber nicht verhindern. Es wird dabei auch seine Eigenschaften verändern, sagen Virologen. Und die große Angst vieler Menschen ist, dass es plötzlich ein sogenanntes Killer-Virus wird. Fast wie in einem Horrorfilm, bei dem die Dinge plötzlich aus der Kontrolle geraten.

Aber so funktionieren Viren nicht. Sie unterliegen wie allem in der Natur der Selektion. „Survival of the Fittest“ – das bedeutet laut Darwin, dass jene überleben, die sich am besten anpassen und sich möglichst ungehindert vermehren. Das funktioniert aber nicht, wenn zu viele Menschen krank zu Hause liegen oder gar sterben.

Größere Mutationen wird es nach Meinung von Virologen beim Coronavirus kaum geben, sondern eher kleine Verschiebungen, die es dem Virus immer besser ermöglichen, die Abwehrschranken der Zellen zu überwinden oder sich noch leichter zu verbreiten. Wenn mehrere Virusvarianten konkurrieren, setzen sich am Ende meist die durch, die eine höhere Übertragbarkeit haben und sich am besten an den Wirt – also den Menschen – anpassen.

Passieren größere Mutationen, dann endet das oft zum Nachteil des Virus. So geschah es offenbar beim alten Sars-Virus von 2002/2003. Es vermehrte sich nur in der Lunge und konnte dadurch relativ schwer von Mensch zu Mensch weitergegeben werden. Wie der Virologe Christian Drosten berichtete, hatte das Virus offenbar am Anfang der Erkrankungswelle „durch einen dummen Zufall“ ein bestimmtes Gen verloren. In der Folge büßte es möglicherweise die Fähigkeit ein, sich schnell zu verbreiten. In diesem Fall ging die Mutation für das Virus schlecht aus. Es kam zwar zu einer Pandemie. Aber die Ausmaße waren viel geringer als heute. Weltweit erkrankten 8.000 Menschen, 776 starben.

Das aktuelle Coronavirus ist dagegen offenbar sogar sehr gut darin, sich zu reproduzieren. Es vermehrt sich massenhaft im Rachen und nicht erst in der Lunge. Es wird damit auch viel leichter weitergegeben. Dies passiert bereits, bevor ein Mensch selbst weiß, dass er infiziert ist. Schon zwei Tage, bevor er die ersten Symptome spürt, kann er viele andere anstecken. Äußerst günstig für das Virus ist auch, dass ein Großteil der Infizierten kaum Symptome hat. So ist das neue Coronavirus zum Meister der Ausbreitung geworden.  


Verliert man durch das Virus tatsächlich vorübergehend den Geruchs- und Geschmackssinn?

Es spricht eigentlich nichts dagegen, eine volle Babywindel nicht mehr riechen zu können, aber eine an Covid-19 erkrankte Frau in New York hat diese Tatsache dann doch irritiert, und sie erzählte ihrem Arzt davon. Sie war nicht die einzige Infizierte, die merkte, dass mit ihrem Geruchssinn etwas nicht stimmt. Seit dem Beginn der Pandemie häufen sich Beobachtungen, dass Menschen, die mit dem Coronavirus infiziert sind, vorübergehend ihren Geruchs- und Geschmackssinn verlieren. Inzwischen hat sich diese Beobachtung so erhärtet, dass britische, amerikanische und deutsche Verbände der Hals-Nasen-Ohrenärzte dafür plädieren, Anosmie (das Fehlen des Geruchssinns) und Ageusie (eine Störung des Geschmackssinns) in die Symptomatik von Covid-19 mit aufzunehmen.

Mindestens zwei Drittel der Infizierten scheinen für einige Tage nicht mehr riechen und schmecken zu können. Das ist auch das Ergebnis einer Befragung von mehr als 100 leicht Erkrankten im besonders vom Coronavirus betroffenen Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen. Zwar riecht und schmeckt man auch bei Erkältungs- und Grippeerkrankungen mitunter nicht mehr viel, doch das ist eher eine Spätfolge der Infektion und hat mit den geschwollenen Schleimhäuten zu tun. Beim Coronavirus werden die Riechzellen in der Nase – Teil des oberen Atemtrakts, in dem sich das Virus zuerst und besonders stark vermehrt –  offenbar früh geschädigt. Auch ganz ohne verstopfte Nase funktionieren Geruchs- und Geschmackssinn, die zusammenarbeiten, nicht mehr richtig.

Nicht selten scheint dies sogar das einzige Symptom der Infektion zu sein. Ärzte in Norditalien berichteten etwa von Eheleuten von schwerer Erkrankten, die sich angesteckt hatten, selbst aber nichts merkten – allerdings von Problemen beim Riechen und Schmecken sprachen. In Südkorea, wo großflächig getestet wird, gaben von 2000 Menschen mit milden Verläufen 30 Prozent an, der verminderte Geschmacks- und Geruchssinn sei ihr Hauptsymptom gewesen. Ärzten gilt Anosmie und Ageusie mittlerweise als Indiz, dass sich jemand, der daran plötzlich leidet, in Quarantäne begeben und auch auf das Coronavirus getestet werden sollte.


Bei welchen Symptomen sollte man spätestens ins Krankenhaus?

Wann sollte man sich spätestens in die Klinik begeben und die Krankheit nicht mehr zu Hause auskurieren? Diese Frage kam auf, als Mediziner berichteten, dass manche Patienten sehr spät ins Krankenhaus gekommen seien. Sie hätten „so lange wie möglich“ zu Hause ausgehalten – bis ihnen die Luft schon knapp wurde.

Zunächst: Wie erkennt man eine Infektion? „Die Krankheitsverläufe sind unspezifisch, vielfältig und variieren stark, von symptomlosen Verläufen bis zu schweren Pneumonien mit Lungenversagen und Tod“, heißt es im Corona-Steckbrief des Robert-Koch-Instituts (RKI): Häufigste Symptome seien Fieber und trockener Husten, Glieder- und Kopfschmerzen. Aber diese müssen auch nicht auftreten. Stattdessen werden oft unspezifische Symptome beobachtet, besonders bei älteren Patienten. Manche Menschen haben nur leichte Erkältungssymptome, andere Bauchschmerzen oder Durchfall, wie Lungenärzte mitteilen. Berichtet wurde auch von Geruchs- und Geschmacksstörungen. Und manche erzählen, dass sie fast gar keine Symptome hatten. Es ist sogar die Rede davon, dass bis zu ein Drittel der Infizierten nur wenig spürt von der Erkrankung.

Die allermeisten Fälle verlaufen „milde bis moderat“, was vor allem bedeutet: ohne Atemnot. Es gibt unterschiedliche Zahlen darüber, wie hoch der Anteil schwererer Verläufe ist. In chinesischen Untersuchungen lagen sie bei etwa 20 Prozent, sechs Prozent der Patienten befanden sich sogar in kritischem bis lebensbedrohlichem Zustand. Die Todesrate (Letalität) lag bei vier Prozent. Studien außerhalb Chinas ergaben andere Beobachtungen. Deshalb schätzen RKI-Forscher in ihren Modellierungen den Anteil schwerer Verläufe unter allen Infektionen in Deutschland auf 4,5 Prozent und die Todesfallrate auf 0,56 Prozent. Was am unteren Rand der Schätzungen liege, wie sie schreiben.

Wer akute Symptome einer Atemwegserkrankung hat, sollte seinen Arzt informieren, der über alles weitere entscheidet, auch über einen Test. Das RKI hat eine Orientierungshilfe für Ärzte erarbeitet, was im begründeten Verdachtsfall geschehen soll. Aber in Zeiten der Überlastung der Praxen ist vielleicht kein Arzt erreichbar. Bei leichten Symptomen sollte man laut RKI zu Hause bleiben, sich selbst isolieren, alle Kontakte unter zwei Metern meiden, Händehygiene sowie Husten- und Niesregeln einhalten. Wenn die Beschwerden zunehmen, sollte man den Kassenärztlichen Notdienst anrufen, Telefon deutschlandweit ohne Vorwahl: 116117. „In Notfällen (zum Beispiel Atemnot) wenden Sie sich an den Notruf 112 oder eine Rettungsstelle“, schreibt das RKI.

Atemnot ist also das Kernsymptom für einen schwereren Verlauf, der auch jüngere Patienten treffen kann. Zum Verständnis, warum man dabei nicht zu lange warten sollte, hier ein Blick in den ungefähren Verlauf der Krankheit: In der ersten Woche bewegt sich das Virus über alle Schleimhäute bis in die Lunge. Die Symptome sind sehr vielfältig, aber bei fast allen Patienten mild. Am Ende der ersten Woche wird es entweder wieder gut, oder eine Verschlechterung tritt ein. Dann versucht das Immunsystem das Virus loszuwerden. Es kommt zur Lungenentzündung (Pneumonie), bei der Lungengewebe zerstört wird. Die Patienten sind auffallend krank. Spätestens hier ist also dringend Hilfe nötig. In der dritten Woche können sich bestimmte Immunreaktionen verselbstständigen und entgleisen. Im schlimmsten Fall versterben die Patienten – an akutem Lungenversagen, dem Versagen anderer Organe oder septischem Schock durch die Überreaktion des Immunsystems.

Mediziner hoffen auf antivirale Medikamente, um schwere Verläufe zu verhindern. Zurzeit ist ein Ebola-Mittel namens Remdesivir besonders vielversprechend. Es soll jetzt breiter getestet werden und könnte in absehbarer Zeit eingesetzt werden. Es soll eine Lungenentzündung früh abfangen oder bekämpfen, bevor Patienten kreislaufunterstützende Medikamente, sogenannte Katecholamine, erhalten. Bleibt zu hoffen, dass es sich als wirksam erweist und vielen Patienten helfen kann.

Kann man sich an der Haltestange im Bus infizieren?

Viele Menschen fahren zur Zeit nicht mehr mit Bus oder Bahn. Andere aber kommen nicht drum herum, weil sie zur Arbeit, ihre alten Eltern versorgen oder einkaufen müssen. Und da fasst man so einiges an: Türen, Haltestangen, Einkaufswagen im Supermarkt. Kann man sich dabei wirklich anstecken?

Zu dieser Frage gab es neulich eine Studie. So fanden US-Forscher zweier Universitäten mittels Tests heraus, dass das Virus Sars-CoV-2 auch nach Stunden noch auf Oberflächen auffindbar ist. Auf Kupfer fanden sie lebensfähige Viren bis zu vier Stunden, auf Pappe bis zu 24 Stunden und auf Plastik und rostfreiem Stahl bis zu drei Tage nach dem Auftragen des Virus. Die Infektionsdosis reduzierte sich allerdings in diesen Zeiten deutlich.

Bildet also das Berühren solcher Flächen eine Gefahr, wenn man sich zum Beispiel danach die Augen reibt oder den Mund anfasst? Das passiert recht oft am Tage, ohne dass man es bewusst registriert. Ein Fernsehsender hat den Test gemacht und Probanden per Handschlag unauffällig mit einer Creme „infiziert“, die im Dunkeln leuchtet. Dann ließ man sie Aufgaben lösen, für die man sich konzentrieren muss. Das Ergebnis: Die Teilnehmer hatten sich in einer Stunde 17 bis 54 Mal ins Gesicht gefasst, viele davon an Mund, Nase und Augen. Ein Virologe erklärte, dass das Virus auch über den Tränenkanal in die Nase wandern könne und dann weiter bis in die Lunge.

Aber wie wahrscheinlich ist es, dass man sich überhaupt über Oberflächen ansteckt? Der inzwischen sehr bekannte Virologe Christian Drosten hat die US-Oberflächenstudie vor einigen Tagen relativiert. Es sei gar nicht klar, wie viel Virus bei den Experimenten in welcher Form auf die Oberflächen aufgetragen worden sei, sagte er. Und dass man in solchen Experimenten nach einer gewissen Zeit noch infektiöses Virus nachweisen könne, sage nicht viel aus. „Man startet mit fast 10.000 infektiösen Einheiten und am Ende sind das deutlich weniger als zehn infektiöse Einheiten“, sagte er. Und die Frage sei, ob man sich dann überhaupt noch anstecken könne über die Finger und den Mund. Das könnten solche simplen Experimente nicht simulieren. Denn das Virus trockne auch relativ schnell aus, abhängig davon, wie groß das Flüssigkeitsvolumen ist, in dem es sich befinde. „Im Allgemeinen sind humane Coronaviren nicht besonders stabil auf trockenen Oberflächen“, erklärte auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Über Briefe, Zeitungen und Pakete soll man sich schon mal nicht anstecken können.

Muss man also gar keine Angst haben, sich durch Berührungen zu infizieren – etwa auch über einen Handschlag? Ausgeschlossen sei dies nicht, erklärte das Robert-Koch-Institut. Der Hauptübertragungsweg sei jedoch die sogenannte Tröpfcheninfektion, wenn beim Atmen und Sprechen winzige Tröpfchen von einer Person auf die Schleimhäute einer anderen Person gelangen. Die wichtigste Maßnahme gegen eine Infektion sei es, Abstand zu anderen Menschen zu halten. Zumal mehr als 40 Prozent der Infektionen übertragen werden, bevor der Überträger überhaupt die ersten Symptome hat.

Wer dennoch im Alltag Handschuhe tragen will, um sich nicht anzustecken, kann dies Forschern zufolge tun. Handschuhe wirken als Fremdkörper und könnten einen vielleicht daran hindern, sich mehrere Hundert Mal am Tag ins Gesicht zu fassen, wie es gemeinhin passiert. Auch vermeidet man damit direkten Hautkontakt. Aber am Händewaschen kommt man trotzdem nicht vorbei.

Das Händewaschen ist neben dem Abstandhalten die wichtigste Maßnahme, um sich nicht zu infizieren. Mittlerweile gibt es Dutzende Tänze und Songs im Internet, die sich damit befassen, wie man sich richtig die Hände wäscht. Und zwar jedes Mal, wenn man von draußen nach Hause kommt. Es geht darum, Viren möglichst nicht einzuschleppen. Und man sollte auf alle Fälle Seife benutzen. Denn das Erbgut der Coronaviren ist von einer Fettschicht umhüllt. Diese geht durch die fettlösende Seife kaputt. Sogar Kinder wissen inzwischen, dass man sich die Hände so lange waschen soll, wie es dauert, zwei Mal „Happy Birthday“ zu singen. Die Handrücken und die Fingerzwischenräume dabei nicht vergessen!


Wie stellt man fest, ob man mit dem Virus schon infiziert war?

Das Coronavirus.
Foto: Imago

Dieser leichte Husten, den das Kind vor drei Wochen hatte, das Kratzen im Hals, mit dem man selbst ein paar Tage lang aufgewacht ist ­– war es das vielleicht schon? Eine Ansteckung mit dem Coronavirus? Dass auch in Deutschland viel mehr Menschen infiziert waren und sind, als getestet werden, gilt inzwischen als sicher. Da wäre es nützlich, festzustellen, wer die Infektion schon hinter sich hat. Für die Virologen, die dann wüssten, wie weit die Herdenimmunität ­- am Ende der einzige Weg, die Ausbreitung des Virus einzudämmen – schon fortgeschritten ist. Und für die einzelnen Menschen auch: Ärzte und Pfleger könnten sich sicher sein, dass sie die Erkrankung nicht unbemerkt weitergeben. Eltern wüssten, dass die Kinder keine Gefahr mehr für die Großeltern darstellen, und sie selbst auch nicht. Vorausgesetzt natürlich, dass man nach einer Infektion immun ist, wovon Virologen aber immer sicherer ausgehen.

Um herauszufinden, ob jemand eine Infektion mit dem Coronavirus hinter sich hat, braucht es Antikörpertests. Es gibt sie bereits, flächendeckend einsetzbar sind sie laut dem Virologen Christian Drosten voraussichtlich in zwei bis drei Monaten. So ein Test weist nach, dass das Immunsystem schon einmal auf das Virus reagiert hat – und zwar, indem er die Antikörper zum Vorschein bringt, die es dann produziert hat. Man braucht dafür zwei Tropfen Blut aus der Fingerspitze, die werden auf einen Teststreifen gegeben. Sind Antikörper vorhanden, gibt es eine Farbreaktion, wie bei einem Schwangerschaftstest.

Im Internet werden bereits Test-Kits für daheim angeboten, die sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. Es kann sein, dass ein positives Ergebnis angezeigt wird, das gar keines ist: weil die Antikörper, die der Test erkannt hat, aus einer früheren Infektion mit einem anderen harmlosen Coronavirus stammen.

Verlässlich sind die so genannten Elisa-Tests (Elisa steht für Enzyme Linked Immunosorbent Assay und beschreibt die Testmethode), die derzeit in Laborverfahren kontinuierlich weiterentwickelt werden. Was die wohlgemerkt auch nicht können: eine akute Erkrankung erkennen. Denn Antikörper bilden sich erst etwa zehn Tage nach der Infektion mit Sars-CoV-2.


Fliegt das Coronavirus durch die Luft?

Es gibt viele Fragen, was die Ansteckungsgefahr beim Coronavirus betrifft: Schwebt das Virus durch die Luft? Verteilt es sich gleichmäßig im Raum? Muss man Räume desinfizieren, in denen sich ein Infizierter aufgehalten hat? Kann man sich bei jemandem anstecken, an dem man im Wald vorbeigeht? All dies zeugt von Unsicherheit, was das Virus betrifft. Und um es gleich zu sagen: Nein, man muss Räume nicht desinfizieren. Jedenfalls nicht im eigenen Alltag.

Coronaviren werden bis zu 160 Nanometer groß, also 160 Milliardstel Meter. Sie sind nur unter dem Elektronenmikroskop zu erkennen. Die Viren bewegen sich nicht als einzelne Teilchen in der Luft, sondern sind an feinste Tröpfchen gebunden und verteilen sich in Form eines Aerosols. Dieses wird nicht nur beim Husten und Niesen verteilt, sondern auch beim Atmen und Sprechen. Denn auch die Atemluft besteht aus unzähligen winzigsten Tröpfchen. Pro Atemzug nimmt man bis zu 50.000 davon auf. Dies ist der Grund dafür, dass zurzeit dringend dazu geraten wird, sich in der Öffentlichkeit nicht zu nahe zu kommen, möglichst deutlichen Anstand zu zeigen.

Schon beim normalen Atmen entsteht ein deutlicher Luftstrom. Beim Husten ohne Schutz vor dem Mund schießt die Luft meterweit in den Raum und verwirbelt sich. Beim Husten in die Armbeuge wirbelt Luft nach oben, aber nicht nach vorne. Dies zeigt ein neues Video der Bauhaus-Universität Weimar. Diese hat über ein bestimmtes technisches Verfahren die Atemluft im Raum sichtbar gemacht. Nachdem man das Video gesehen hat, wundert man sich nicht mehr darüber, dass sich Menschen in einer Bar oder einem Restaurant anstecken können und auch, wenn sie in dichten Grüppchen draußen stehen.

Wenn die Virenkonzentration hoch ist, kann man sich schon infizieren, indem man sich eine zeitlang relativ nah gegenübersteht und spricht. Eine feuchte, intensive Aussprache oder gar Husten und Niesen vergrößern das Risiko. Wie der Virologe Christian Drosten anhand von Erfahrungen mit Erkältungsviren erklärte, bleibe das Virus „eine kleine Zeit vor und um diese Personen in der Luft und fällt dann aber auch relativ schnell zu Boden“. Die Zeit, bis die schwebenden Tröpfchen zu Boden sinken, betrage einige Minuten. Wenn das Virus trockne, werde es zerstört. Doch genaue wissenschaftliche Studien über das Verhalten des neuen Coronavirus gibt es noch nicht. Aus diesem Grund lautet der Ratschlag vor allem: Meidung von Menschenmassen, räumliche Distanz. 1,50 bis zwei Meter Abstand schafften eine gewisse Sicherheit, wird gesagt. Aber auch dafür gibt es Drosten zufolge keinen Beleg. Die Zeitdauer sei ebenso wichtig.

Am Ende geht es um das Gefühl: Ein Abend mit vielen fremden Menschen in einem Raum bedeutet ein großes Risiko. Geht man im Park beim Spazierengehen in gewissem Abstand an anderen vorbei, ist das Risiko klein. Anders als Varizella-Zoster-Viren zum Beispiel, die Windpocken und Gürtelrose verursachen, fliegen Coronaviren nicht meterweit durch die Luft. Man kann das Risiko also durchaus beeinflussen.


Kann man dem Virus nicht einfach freien Lauf lassen?

Manche Leute in Europa hatten in den vergangenen Wochen die Idee, die man mit dem Bild „Das Haus kontrolliert abfackeln“ beschreiben könnte. Die Idee besteht darin, in der Corona-Pandemie besonders die Alten, Schwachen und Vorgeschädigten zu isolieren und zu schützen, ansonsten aber keine besonderen Maßnahmen zu treffen wie etwa die Schließung von Schulen, Kitas, Clubs, Bars und Geschäften, die Durchsetzung von Heimarbeit oder gar von Ausgangssperren. Die Logik dahinter sieht so aus: Je mehr jüngere und gesunde Menschen sich infizieren, desto mehr werden auch immun und können die Gefährdeten nicht mehr anstecken. Solche Ideen wurden etwa in England und den Niederlanden vertreten. Dort ruderte man aber zurück und betont nun, dass es nie darum gegangen sei, dass sich möglichst viele anstecken sollen.

Denn die Idee des „kontrollierten Abfackelns“ ist ein Trugschluss. Das fängt bereits damit an, wie schwer die Krankheitsverläufe in verschiedenen Altersstufen sind. Wie Zahlen aus den USA für den Zeitraum vom 12. Februar bis 16. März zeigen, waren 38 Prozent der Erkrankten, die wegen Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten, jünger als 55 Jahre alt. In Frankreich ist die Hälfte der Patienten auf der Intensivstation jünger als 65 Jahre. Und auf einem Medizinerseminar wurde sogar gesagt, dass die Hälfte der Intensivpatienten in den Niederlanden jünger als 50 Jahre sei.

Insgesamt zeigt sich, dass der Prozentsatz mittelschwerer und schwerer Verläufe recht gleichmäßig zwischen Alt und Jung verteilt ist. Eine Grafik zeigt, dass in den USA auch Todesfälle in allen Altersstufen ab 20 Jahren auftreten, etwas stärker ansteigend ab 55 Jahre. Nicht gesagt wird, ob die betroffenen Patienten Grundkrankheiten hatten. Zum Glück scheint sich zu bestätigen, dass Kinder meist nur leicht bis mittelschwer betroffen sind.

Das Virus ist also nicht zu steuern. Ein weiterer Trugschluss ist, dass man besonders Gefährdete wirkungsvoll isolieren und schützen kann. Es gibt einfach zu viele Kontakte. Kindern besuchen weiter ihre Großeltern, Familien kommen zusammen. Eine britischen Studie entwickelte ein Modell-Szenario: Alle Leute leben weiter wie bisher. Alle gehen zur Arbeit, Schulen werden nicht geschlossen. Wer infiziert ist, muss mit seiner ganzen Familie in Heimquarantäne. Und zusätzlich werden alle über 70-Jährigen „distanziert“, sollen also nicht in Kontakt mit anderen Menschen kommen. Das Ergebnis: In einer solchen Situation hätte man achtmal so viele Fälle, die auf der Intensivstation beatmet werden müssten, als man beatmen kann! Man hätte eine italienische Situation, in der man Menschen sterben lassen müsste, weil man ihnen nicht helfen kann.

All dies zeigt, dass es jetzt notwendig ist, alle direkten menschlichen Kontakte stark einzuschränken.


Wird es bald ein Mittel gegen Covid-19 geben?

Das beste Mittel wäre natürlich eine vorbeugende Impfung. Aber die lässt auf sich warten. Zwar arbeiten weltweit Forscher an 47 Impfstoffprojekten. Die ersten kleinen Tests beginnen. Aber für die Zulassung eines Impfstoffs braucht es viel mehr und größere Tests, an Tieren und Menschen. Bevor man größere Bevölkerungsgruppen impft, muss man sicher sein, dass die Impfung auch wirkt und keinen Schaden anrichtet. Früher dauerte es Jahre, bevor man einen neuen Impfstoff auf den Markt brachte. Jetzt hoffen Mediziner darauf, im Frühjahr 2021 bereits erste größere Gruppen impfen zu können, möglicherweise Menschen, die besonders gefährdet sind.

Ganz aktuell richten sich vor allem Hoffnungen auf etwas anderes: ein Mittel, das gegen das Virus wirkt, wenn es bereits im Körper ist. Man nennt dies eine antivirale Therapie. Dazu wollen Forscher zum Beispiel Mechanismen blockieren, den das Virus benötigt, um in die Zellen einzudringen und sich dort tausendfach zu vervielfältigen. Oder sie wollen es daran hindern, sich im Lungengewebe zu vermehren.

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Dabei haben Mediziner verschiedene Wirkstoffe im Blick, die sich zum Teil in bereits zugelassenen Medikamenten befinden. Gerade erst konnte man lesen, dass zum Beispiel bestimmte alte Malariamittel helfen könnten. Eines davon heißt Chloroquin. Es gab damit bereits erfolgreiche Laborstudien. In China hat man es gegen Covid-19 eingesetzt, angeblich mit guten Effekten. Allerdings dämpfen Virologen die Hoffnung: Die benötigte Dosis des Mittels – Wirkkonzentration genannt – sei sehr hoch. Es habe gravierende Nebenwirkungen. Außerdem gebe es bisher keinen Nachweis, dass das Mittel den Ausgang der Krankheit wirklich beeinflusst.

Mehr als 20 Wirkstoffe sollen zurzeit darauf geprüft werden, ob sie gegen das Virus etwas ausrichten könnten. Doch was in der Laborschale Erfolge gegen das Virus zeigt, muss im Körper nicht funktionieren. Eines der großen Probleme ist zum Beispiel, den Wirkstoff gezielt in die Lunge zu bringen, wo das Virus den meisten Schaden anrichtet. Die Suche geht weiter – in vielen Laboren und Kliniken überall auf der Welt.


Schützt ein Mundschutz vor Ansteckung trotz Bart?

Der wohl tonangebende Virologe in der Corona-Krise, Christian Drosten, sagte vor wenigen Tagen im NDR-Podcast zum Thema selbstgebastelter Mundschutz: „Wenn jemand Lust hat, sich solch eine Maske zu nähen und damit ein gutes Gefühl hat in der Öffentlichkeit: ja, natürlich. Das kann man ruhig machen. Warum denn nicht?“ Ein selbst genähter Mund-Nasen-Schutz sei zumindest ein Zeichen der Solidarität. Außerdem könnten auch einfache Masken schon grobe Tröpfchen abhalten, wie sie etwa bei feuchter Aussprache, beim Husten und Niesen entstehen. Somit schützt man mit einer solchen Maske, einem Baumwolltuch oder Schal eher andere als sich selbst. Und es hat einen guten psychologischen Effekt. Außerdem verhindert man damit, dass man sich zu oft ins Gesicht fasst, was auch Viren überragen kann. In Regionen wie Asien, in denen es als unsozial gelte, ohne Mundschutz herumzulaufen, könnte sogar die Infektionsausbreitung „im Nahbereich“ etwas verringert werden, sagte Drosten. Dies sei aber aus kulturellen Gründen hierzulande wohl nicht durchzusetzen.

Kurz gesagt: Eine normale Maske verhindert nicht, dass man sich selbst über das Einatmen eines feinen Aerosols in der Luft ansteckt. Zumindest gibt es dafür keine hinreichenden wissenschaftlichen Belege. Wenn es nicht gerade eine OP-Maske der stärksten Sorte ist, eine sogenannte FFP3-Maske, die ganz dicht am Gesicht abschließt und auch vor Infektionen mit Viren schützt. Chirurgische Masken aber sind Ärzten und Schwestern in Praxen und Kliniken vorbehalten. Als normaler Bürger sollte man sie nicht nutzen, denn sie fehlen dann dort, wo sie dringend gebraucht werden. Außerdem können sie, wie die WHO mitteilte, ein falsches Sicherheitsgefühl erzeugen und dazu führen, dass die Hygiene vernachlässigt wird, zum Beispiel das Händewaschen.

Sollte man aber eine Maske tragen, muss man einige Regeln befolgen. Sie muss ganz eng anliegen, darf nicht verschoben werden. Wenn sie feucht geworden ist, muss man sie wechseln. Und angesichts der weit verbreiteten Hipster-Mode ist auch zu sagen: Bärte verhindern den Schutz durch Masken. Eine amerikanische Gesundheitsbehörde hat 36 Barttypen untersucht und festgestellt, dass nur zwölf als sicher gelten. Und zwar jene, die vollständig unter die Maske passen, also im Grunde Schnäuzer. Mit einem Vollbart oder einem Kinnbart braucht man sich die Maske gar nicht erst aufzusetzen.


Ist man nach einer Infektion mit dem Coronavirus immun?

Idealerweise läuft es mit einem Virus so: Wenn es zum ersten Mal in den Körper gelangt, bildet das Immunsystem Antikörper gegen genau diesen Virustyp. Diese Antikörper bekämpfen ihn akut - Schnupfen, Halsweh und Fieber sind solche Abwehrreaktionen -, vor allem aber bilden sich die Antikörper sofort erneut, sollte es nochmal Kontakt mit dem Virus geben. Sie verhindern dann, dass es ein weiteres Mal an die Körperzellen andocken kann: Man ist, zumindest für einen gewissen Zeitraum, immun gegen das Virus.

Es deutet viel darauf hin, dass es sich auch mit Sars-CoV-2, dem Coronavirus, das die Welt derzeit zu besiegen versucht, so verhält. Ganz sicher weiß man es nicht, dafür ist dieses neuartige Virus noch nicht lang genug bekannt. Hoffnung machen zum Beispiel Versuche chinesischer Forscher mit Rhesusaffen. Sie infizierten einige Tiere mit Sars-CoV-2, überprüften, dass diese die Viren wirklich in sich trugen, und setzten sie, nachdem die Erkrankung ausgeheilt war, dem Virus erneut aus. Trotz einer extrem hohen Dosis ließ sich das Virus bei den Affen ein zweites Mal nicht nachweisen.

Da sich solche Studienergebnisse nur bedingt auf den Menschen übertragen lassen, werden  endgültige Klarheit nur Tests mit Menschen bringen – indem man zum Beispiel Kontrollgruppen aus wieder genesenen ehemaligen Corona-Infizierten bildet und aus Menschen, die noch nicht erkrankt waren, und beide Gruppe über einen längeren Zeitraum beobachtet.

Aus China und Japan wurde von Corona-Infizierten berichtet, die ein zweites Mal krank geworden sein sollen. Experten vermuten aber eher, dass die Betroffenen noch gar nicht genesen waren und das Virus beim zweiten Test noch in ihrem Körper hatten.

Immunität nach überstandener Infektion ist wichtig, um die aktuelle Pandemie in den Griff zu bekommen – lebenslang wird sie allerdings nicht andauern. Viren haben die Eigenschaft, sich zu verändern, und dann wirken Antikörper nur noch bedingt oder gar nicht mehr. Bei Sars-CoV-2 geht man davon aus, dass es nicht sehr stark mutiert. Die Immunität könnte etwa so lange dauern wie bei anderen so genannten respiratorischen Viren, also solchen die Atemwegsinfektionen auslösen: ein, zwei Jahre, vielleicht länger.


Warum gibt es verschiedene Zahlen über Infizierte?

Die Zahlen unterscheiden sich stark. Am Donnerstag, 19. März teilte das Robert-Koch-Institut (RKI) auf seiner Seite mit, dass in Deutschland 10 999 Menschen mit dem neuartigen Coronavirus infiziert seien, in Berlin allein 573. Es gebe bundesweit 20 Todesfälle, in Berlin keinen. Die Weltkarte auf der Internetseite der Johns Hopkins University in Baltimore, USA, zeigte dagegen 13 093 Infizierte und 31 Verstorbene an. Berlin wird nicht gesondert angegeben.

Wie kommt es zu solch einem Unterschied in der Statistik? Zunächst zur Johns Hopkins University: Hier hat ein Forscherteam bereits im Januar eine interaktive Online-Karte entwickelt, um die schnelle Verbreitung des Virus zu zeigen. Sie beruht auf automatisch einlaufenden Daten aus unzähligen Quellen. Dazu gehören die WHO, nationale Behörden, lokale Medien, Twitteraccounts von Organisationen. Diese laufen zusammen, so dass die Echtzeitkarte den Zahlen des RKI voraus ist.

Das RKI hinkt aber auch regionalen Zahlen oft hinterher. Das liegt am Meldeweg und daran, zu welcher Zeit Zahlen veröffentlicht werden. Der Weg sieht so aus: Ein Arzt stellt die Infektion fest, ein Labor bestätigt sie. Eine Meldung geht ans Gesundheitsamt. Dieses erfasst jeden Fall elektronisch, wobei per Hand mehrere Informationen eingegeben werden, die für die Beobachtung einer Epidemie wichtig sind. Dabei wird eine RKI-Software verwendet. Die Daten gehen mehrmals am Tag an die Landesgesundheitsbehörde und werden ans RKI weitergeleitet.

Mitunter liegen vor Ort schon neue Daten vor, aber die elektronische Erfassung hinkt hinterher, weil Amtsärzte überlastet sind. Landkreise veröffentlichen eigenständig neue Fallzahlen. Seit einigen Tagen gibt das RKI ausschließlich die elektronisch übermittelten Fälle an, sodass es „aufgrund des Meldeverzugs zwischen dem Bekanntwerden von Fällen vor Ort und der Übermittlung an das RKI“ Abweichungen geben könne, wie das Institut erklärt.

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Hinzu kommt, dass durch die exponentielle Ausbreitung die Differenz zwischen der vom RKI um 10 Uhr verkündeten Fallzahl und der Situation am Abend immer größer wird.

Die Daten sind ohnehin nur ein Richtwert. Auch deshalb, weil viele Infizierte gar keine Symptome zeigen. In einer aktuellen britischen Studie wird geschätzt, dass ein Drittel aller Fälle symptomlos abläuft. Man merkt also oft gar nicht, dass man „Corona hat“, kann aber in dieser Zeit viele Menschen anstecken.


Wann sind wir alle gegen das Coronavirus immun?

Im Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus sprechen Forscher auch von Herdenimmunität. Damit ist gemeint, dass eine ganze Bevölkerung vor einer ansteckenden Krankheit geschützt ist – weil genügend Individuen eine Erkrankung durchgemacht haben oder weil sie geimpft sind. Auch Menschen werden hier „Herde“ genannt. Denn sie verhalten sich wie jede andere Population auf der Welt.

Zum Glück gibt es Impfungen. Bei gefährlichen Virusinfektionen wie Masern, Mumps, Polio (spinale Kinderlähmung), Röteln und Pocken ist es gelungen, einen sogenannten Herdeneffekt zu erzielen, indem man einen genügend großen Anteil der Bevölkerung impft. Wie groß dieser Anteil sein muss, hängt von der Ansteckungsrate ab. Bei Masern zum Beispiel infiziert ein Erkrankter zwölf bis 18 andere Menschen. Daraus folgt nach einem ganz bestimmten Modell, dass 83 bis 94 Prozent aller Menschen immunisiert sein müssen, damit niemand mehr infiziert wird. Jemand hat dies einmal mit einer Brandschneise bei einem Feuer verglichen, die ein weiteres Ausbreiten der Flammen verhindert.

Gegen das neuartige Coronavirus gibt es bisher noch keine Impfung. Das heißt, das Virus verbreitet sich so lange, bis die Erkrankungswelle von allein zum Stillstand kommt. Da ein Infizierter etwa zwei bis drei Menschen ansteckt, müssen zwei von drei Menschen zumindest vorübergehend immun sein, damit dies nicht mehr passiert. Dies meint der Virologe Christian Drosten, wenn er sagt, dass sich bei einer Gesamtbevölkerung von 83 Millionen fast 56 Millionen Menschen infizieren müssten, um die Ausbreitung zu stoppen. Die Quote, die man für eine Herdenimmunität erreichen müsste, läge zwischen 60 und 70 Prozent. 

Hierbei ist aber die Zeit sehr wichtig. Stecken sich viele Millionen Menschen in wenigen Wochen und Monaten an, bricht das Gesundheitssystem zusammen. Dauert es lange, möglicherweise Jahre, ist die ein normaler Prozess. Denn es gibt Viren, die praktisch jeden Menschen mindestens einmal im Leben befallen. Dazu gehören Herpes- und Influenza-Viren. Außerdem steht in den nächsten Jahren aller Voraussicht nach ein Impfstoff gegen Sars-CoV-2 zur Verfügung. Dann wird die Herdenimmunität ganz ohne Infektionen erreicht.

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 Was ist eigentlich exponentielles Wachstum?

Im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Coronavirus sprechen Forscher von exponentiellem Wachstum. Dem müsse man mit drastischen Maßnahmen begegnen, heißt es.   „Flatten the curve“ – Abflachung der Infektionskurve – ist inzwischen fast schon zum geflügelten Wort geworden. Warum sind solche Maßnahmen notwendig, und was ist überhaupt exponentielles Wachstum?

Dazu erklären Wissenschaftler folgendes: Jedes Virus besitzt eine sogenannte Basisreproduktionszahl (R0). Sie gibt an, wie viele Menschen eine infizierte Person im Durchschnitt ansteckt. Beim neuartigen Coronavirus sollen es zwei bis drei Menschen sein, wenn sich das Virus ungehindert verbreiten kann. Dies passiert in einem bestimmten Zeitabstand. Die Inkubationszeit bei Covid-19 beträgt bis zu 14 Tage, im Mittelwert fünf bis sechs Tage.

Nimmt man die günstigste Variante, so steckt ein Infizierter innerhalb von zwei Wochen zwei weitere Menschen an, wenn man der ungehinderten Ausbreitung nicht entgegentritt. Alle zwei Wochen verdoppelt sich also die Zahl. Daraus entsteht rein mathematisch die Zahlenreihe 1, 2, 4, 8, 16, 32, 64, 128, 256, 516, 1024 und so weiter. Während der Anstieg zunächst noch recht moderat wirkt, scheinen die Zahlen nach einer Weile zu explodieren.

Der menschliche Verstand kann einen solchen Anstieg kaum  erfassen. Bereits öfter zitiert wurde die alte indische Legende, in  der der Erfinder des Schachspiels vom König als Belohnung erbat, auf das ersten Feld des Bretts ein Reiskorn zu legen und die Anzahl der Körner von Feld zu Feld jeweils zu verdoppeln. Der König lachte.  Er wusste noch nicht, dass die Reisernte seines ganzen Landes niemals ausreichen würde, um dem Erfinder seine Belohnung auszuzahlen. Bereits auf dem 20. Feld hatten sich die Körner rechnerisch auf mehr als eine Million summiert. Auf dem 30. Feld waren es eine Milliarde. Am Ende waren es mehr als 18 Trillionen. So viel Reis, dass man - wie jemand berechnete - 343 Millionen Güterzüge mit je 30 Wagen bräuchte, um ihn zu transportieren.

Bei kürzerer Inkubationszeit und höherer Ansteckungsrate breitet sich das Virus schneller aus als oben beschrieben. In Berlin haben sich bisher nicht nur alle 14 Tage, sondern alle zwei bis drei Tage die Fallzahlen verdoppelt. Gab es am 1. März den ersten bestätigten Fall, am 12. März waren es 137, am 16. März bereits 332 Fälle. Sollte dies ungehindert so weitergehen, werden die Zahlen Anfang April bereits in den Zehntausenden liegen, Ende April schon bei zwei Millionen. Dies nennt man exponentielles Wachstum.

Aber das ist erst einmal eine rein mathematische Überlegung. Denn viele Faktoren spielen bei der Ausbreitung eine Rolle. Unter anderem auch die Maßnahmen, die verhindern sollen, dass Menschen miteinander in Kontakt kommen.