Karl Lauterbach bei „Hart aber fair“: „Ich freue mich, wenn ich unrecht habe“

Der Gesundheitsminister mahnt bei Plasberg wieder zum Masketragen. Andere Gäste warnen vor einer humanitären Katastrophe in Kliniken. Unabhängig von Corona. Die TV-Kritik.

Karl Lauterbach in der ARD am 7. November 2022
Karl Lauterbach in der ARD am 7. November 2022ARD

Am Ende sagt Lisa Schlagheck etwas Ungeheuerliches: „Ich werde es tunlichst vermeiden, aktuell in ein Krankenhaus eingeliefert werden zu müssen.“

Das ist deshalb so ungeheuerlich, weil sie selbst Pflegekraft ist, in einer Uniklinik in Münster, und diese Uniklinik wohl stellvertretend ist für so viele Kliniken in diesem Land, das immer noch als so reich und vorbildhaft gilt, dass es Millionen und Abermillionen in andere Länder und andere Kriege stecken kann, während zu Hause die Infrastruktur zusammenzubrechen droht, wie auch der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek in der Sendung „Hart aber fair“ mit dem Titel „Corona-Brennpunkt Krankenhäuser: Zermürbt und angeschlagen wie das ganze Land?“ am Montagabend in der ARD betonte: „Wir laufen auf eine humanitäre Katastrophe zu, auch in der Langzeit- und Altenpflege.“

Anwesend sind auch der Bundesgesundheitsminister und zwei Journalisten führender Medien, doch was tut die Runde inklusive Publikum nach dem feurigen Schlusssatz von Lisa Schlagheck? Sie lacht. Hart, aber unfair. Dieses Lachen ist stellvertretend für die Krise im Gesundheitswesen, die von großen Teilen der Bevölkerung immer noch nicht als das erkannt wird, was sie schon lange ist: eine Gefahr für die Allgemeinheit.

Lisa Schlagheck macht ihren Job an diesem Abend gut, sie berichtet anschaulich davon, was es bedeutet, als Pflegekraft in der Nacht alleine für zwei Stockwerke voller Notfall- oder Intensivpatienten verantwortlich zu sein, und wie absurd es ist, dass die Pflegekräfte für eine Veränderung dieser unhaltbaren Zustände erst lange streiken müssen, bevor die Politik daran auch nur ansatzweise etwas ändert.

Sie wird von Moderator Frank Plasberg außerdem danach befragt, was es für Patienten bedeute, bei Krankheit und vor allem im Notfall stundenlang auf den Fluren liegen zu müssen, weil keine Betten und Stationen frei, nie genügend Personal da und sowieso ein Großteil der Notaufnahmen in Deutschland regelmäßig abgemeldet seien. Aber dazu hätte man wohl besser mal einen dieser betroffenen Patienten befragt, insofern derjenige das überlebt hat, oder auch einen Angehörigen.

So kann die Intensivpflegerin immerhin noch davon berichten, dass ihr Haus als sogenannter Maximalversorger die ganzen Notfälle der umliegenden Häuser oft auch noch aufnehmen muss, die sich regelmäßig vom Dienst abmelden, weil sie aufgrund des „politisch herbeigeführten Personalmangels“, so Schlagheck, von der Versorgung abgemeldet sind. Und wie frustrierend es für die Ärzte und Pfleger ist, stundenlang Betten in Hunderte Kilometer entfernten Kliniken organisieren zu müssen, anstatt in der Zeit ihrer eigentlichen Arbeit nachzugehen, nämlich: Leben zu retten.

Sie sagt außerdem: „Die Annahme, dass wir wegen der Corona-Welle überlastet sind, ist falsch. Meiner Ansicht nach sind wir überlastet wegen der Ökonomisierung im Gesundheitswesen und wegen der Personalknappheit. Corona ist dann das i-Tüpfelchen, das uns belastet.“ Die Kollegen würden nun nicht mehr überlegen, ob sie aufhören, sondern nur noch: wann.

Da mutet es umso absurder an, wenn Lauterbach an anderer Stelle der Sendung wieder mit der alten Leier kommt, dass es immer noch darum gehe, täglich etwa 140 an und mit Corona Verstorbene durch Vorsichtsmaßnahmen wie Masketragen und weiteres zu retten, obwohl die Herbstwelle längst gebrochen ist und selbst der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission Thomas Mertens inzwischen davon spricht, dass die Pandemie in Richtung Endemie gehe. Wie viele Patienten täglich durch den Pflegenotstand und die Zustände in Krankenhäusern ganz ohne Zutun von Corona sterben, darüber sind keine Statistiken bekannt.

Immerhin: Mit dem „Ressortleiter Streit“ von der Zeit war ein Journalist in der Runde, dessen Thesen vor wenigen Wochen auch in dieser Sendung noch als Querdenkertum angegriffen  worden wären, und im Netz werden sie es teils immer noch: Zahlreiche Twitterer empörten sich noch während der Sendung darüber, dass Martin Machowecz forderte, dass Deutschlands Sonderweg in Sachen Maske und Maßnahmen vor allem des Gesundheitsministers mal langsam auf ein Maß zurückgeschraubt werde, das weniger auf angstbetonte Kommunikation setze.

Er sagte wörtlich: „Mit dem ständigen Warnen vor Gefahren, die nicht sichtbar sind, spielt man mit dem Vertrauen der Menschen in die Pandemiebekämpfung.“

Lauterbach war in dieser Runde diesbezüglich erstaunlich zurückhaltend, betonte aber dennoch zusammen mit der SZ-Journalistin Christina Berndt, dass in diesem Winter alles wieder schlimmer kommen könne mit Corona und die Bevölkerung sowie die Politik darauf vorbereitet sein müssten: „Ich freue mich, wenn ich unrecht habe.“

Vor allem aber lobte er sich selbst für die nun kommende Krankenhausreform, die am Mittwoch wieder von der Politik diskutiert wird, nach eigenen Angaben die größte Reform seit 20 Jahren, die sich bisher nie jemand getraut habe anzupacken: das Krankenauspflegeentlastungsgesetz, eine nach seinen Worten „dramatische Ent-Ökonimisierung der Krankenhausversorgung“. Im Wesentlichen sagte er: Wir haben der Marktwirtschaft zu viel Raum eingeräumt, nun müssen wir die Marktwirtschaft begrenzen.

Wobei das „Wir“ hier durchaus wörtlich zu nehmen ist: Lauterbach war selbst daran beteiligt, dass vor über 20 Jahren die sogenannten Fallpauschalen überhaupt eingeführt wurden, die zu jener übertriebenen Ökonomisierung des Gesundheitswesens auf dem Rücken der Pflegekräfte und Patienten geführt haben. Denn mit weniger Personal kann man seitdem viel Geld verdienen, wie der Gesundheitsminister selbst sagte.

Auf den Hinweis von Holetschek (CSU), dass Lauterbach (SPD) selbst an der Einführung der DRG beteiligt war, schüttelte Lauterbach den Kopf: Das sei damals zusammen mit der CDU beschlossen worden. Und Plasberg, der demnächst seine Sendung, die er ebenfalls schon 20 Jahre lang führt, an den jüngeren Louis Klamroth übergeben wird, erinnerte sich gönnerhaft: Die Fallpauschalen seien damals eingeführt worden, weil die Krankenhäuser so gerne Patienten übers Wochenende dabehalten hätten, um sich an ihnen zu bereichern.

Dass dies kein Grund sein kann, diese offenbar fehlgeleitete Politik binnen 20 Jahren in den Stationen wüten zu lassen, bis von den Kliniken und von den Pflegern und teils Ärzten nur noch Schatten ihrer selbst übrig sind, und die Kliniken dennoch Reibach mit unnötigen OPs machen, geht in dieser Sendung völlig unter.

Ein Zuschauer bringt diese Krux in einem Userkommentar auf den Punkt, indem er schreibt:

„Typisch für das Moralverständnis heute ist, dass jeder an natürlicher Ursache, inklusive Corona, verstorbene alte Mensch einer zu viel sei, es aber auf der anderen Seite gravierende Defizite in der Pflege der langlebigen Alten gibt. Diese haben faktisch mehr Lebenszeit, aber deutlich weniger Lebensqualität. Das wiederum interessiert dann aber kaum noch.“

Dem ist wenig hinzuzufügen, außer:

Intensivpflegerin Lisa Schlagheck, die an diesem Abend unversöhnlich betonte, dass sie nicht daran glaube, dass Lauterbachs groß angekündigte Krankenhausreform sie und ihre Arbeit überhaupt tangieren werde. Schließlich betreffe sie die Notaufnahmen gar nicht.

Doch, das sei nachgebessert worden, beeilte sich Lauterbach noch unterzubringen, die Frage ist nur: Warum muss man so etwas überhaupt nachbessern, nachdem wir schon seit Jahren über die Überlastung der Notaufnahmen berichten?

Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de