Seitenstetten/Wien - Die Kartoffel ist heute neben Weizen, Reis und Mais eine der wichtigsten Nutzpflanzen der Menschheit – doch der Klimawandel beeinflusst auch ihre Erträge. „Die Pflanze hat vor allem Probleme mit den hohen Temperaturen während der Nacht“, sagt der Pflanzenbiologe Markus Teige von der Universität Wien. Und auch zu viel Wasser auf dem Acker nach Starkregen lässt das Nachtschattengewächs binnen weniger Tage absterben. Deshalb koordiniert Teige seit einem Jahr ein von der EU mit fünf Millionen Euro gefördertes Projekt, das eine besonders stressresistente Knolle finden soll. Bei der Züchtung von Kartoffelsorten habe in der Vergangenheit eher der Ertrag als die Widerstandskraft gegen Umwelteinflüsse im Mittelpunkt gestanden, sagt Teige.

Désirée, Agata, Hansa, Henrietta, Gloria und Erika

Der Ansatz der Forscher: Sie wollen im Detail verstehen, warum manche Sorten besser mit Stress umgehen als andere. Sie schauen sich auf dem Feld und im Gewächshaus Sorten wie Désirée, Agata, Hansa, Henrietta, Gloria und Erika ganz genau an. „Henrietta und Erika sind erfahrungsgemäß toleranter bei Umweltstress, aber wir wissen noch nicht, warum“, sagt der Pflanzenbiologe. Dass das Problem drängt, zeige auch eine Umfrage unter Landwirten, von denen eine große Mehrheit über Ernteausfälle wegen Trockenheit klage. „In den letzten Jahren wird es nicht nur in Südeuropa, sondern auch im Norden, wie zum Beispiel in Niedersachsen oder Brandenburg, ohne Beregnung schon sehr oft kritisch.“

Der Detektivarbeit im Labor, wo nach Gen-Abschnitten gesucht wird, die vorteilhafte Pflanzeneigenschaften auslösen, soll die klassische Züchtung folgen. „Wir suchen dann in den vorhandenen Gen-Pools nach gleichen Abschnitten und kreuzen die Sorten“, sagt Susanne Kirchmaier, Österreichs einzige hauptberufliche Kartoffelzüchterin von der Niederösterreichischen Saatbaugenossenschaft (NÖS). Wichtig wären Merkmale wie geringe Verdunstung übers Blattwerk oder auch ein größeres Wurzelsystem, das mit langen Dürreperioden besser zurechtkommt.

Die Auswahl an vorhandenen Sorten ist riesig. Allein in Europa gebe es 1000 davon, von denen es aber nur eine Handvoll auf den Markt geschafft habe, sagt Susanne Kirchmaier. Ohnehin sei die Nachfrage zumindest des Handels immer noch sehr von der Optik geprägt. In Österreich und Bayern müsse die Salatkartoffel schlank, festkochend, mit gelblichem Fleisch sein. In Ungarn und Russland würden rotschalige Kartoffeln bevorzugt.

Deutsche verbrauchen im Jahr pro Kopf 57 Kilogramm Kartoffeln 

Der eigentliche Feldversuch mit Probezüchtungen sei wohl 2023 zu erwarten, sagt die Kartoffelzüchterin. Ihre Favoritin ist aktuell die Sorte Valdivia, die sehr gut mit Trockenheit zurechtkomme und unter diesen Bedingungen einen überdurchschnittlichen Ertrag habe. In Österreich sei sie mehrfach ausgezeichnet worden, spiele aber in Europa kaum eine Rolle.

Die Deutschen verbrauchten im Jahr 2019/20 pro Kopf im Durchschnitt 57 Kilogramm Kartoffeln. Klimabedingte Ernteausfälle – vor allem aufgrund ausbleibender Niederschläge – seien durch eine Ausdehnung der Anbaufläche kompensiert worden, teilte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft mit. „Über die Jahre 2016 bis 2020 wurde die Anbaufläche um 32.400 Hektar ausgedehnt“, heißt es in einer Bilanz. Kartoffeln würden vor allem in Nord- und Westdeutschland sowie im Südosten Deutschlands abgebaut. Mit einem Flächenanteil von fast 45 Prozent liege Niedersachsen an der Spitze im Bundesvergleich.