Mitglieder der Gruppe Extinction Rebellion während einer Demonstration bei der Berlinale in diesem Jahr.
Foto: dpa/Michael Kappeler

War denn die Welt vor einem Jahr noch in Ordnung? Oder hat uns erst die Pandemie mit ihren unabschätzbaren Folgen die existenzielle Bedrohung vor Augen geführt?

Nun, die Welt war nicht in Ordnung, unter anderem weil wir dem Erreichen der Klimaziele nur ungenügend nähergekommen sind. Und wenn hoffentlich bald Wirtschaft und Güteraustausch wieder anlaufen, werden wir konstatieren müssen, dass die globale Erwärmung fortschreitet und die CO2-Emmissionen auf alte Werte steigen. Dennoch gebe ich die Hoffnung nicht auf. Wer Corona überstanden hat, sollte in Zukunft ökologisch konsequenter leben; sollte sich fragen, ob Wachstum um jeden Preis und eine Globalisierung jenseits der Vernunft nicht lebensgefährlich sein könnten.

Die meisten Umweltplakate sind zeitlos

Das Thema Umweltzerstörung, unsinnige Ausbeutung der Ressourcen, ökologische Gewissenlosigkeit hat meine Arbeit seit einem halben Jahrhundert geprägt. Die meisten meiner Umweltplakate gelten heute wie damals, sie sind in Wort und Bild zeitlos geblieben. Das ist eine bittere Bilanz, wenn man auf diese Weise darin bestätigt wird, recht gehabt zu haben.

Im Oktober 2019 wurde ich gefragt, ob ich Motive meiner Plakate Aktivisten einer Umweltinitiative zur Verfügung stellen könne. Man werde sie für Straßenaktionen verwenden, würde aber nicht für den Bestand der Originaltexte garantieren können, falls diese etwas aufgefrischt werden müssten. Ich lehnte ab, dankend für die Aufmerksamkeit, die meine Arbeit erfahren hatte. So wurden die Berliner Straßen vor dem Umweltministerium und rund um die Goldelse ohne mein Zutun tagelang besetzt. Tausende junge Leute brachten den Verkehr medienwirksam zum Erliegen. Nicht jeder, der zur Arbeit musste, hatte dafür Verständnis.

Keine Sympathie für Extinction Rebellion

Es handelte sich um die gleiche Bewegung, die als Extinction Rebellion in ihrem Ursprungsland die Londoner Brücken gesperrt hielt. Unter dem Kürzel XR kann man sich anschließen, um friedlich, aber in lautstarken Aktionen zivilen Ungehorsam zu zelebrieren. Das lässt sich durchaus als kreative Ausübung des Demonstrationsrechts auslegen. Doch XR wählt Mittel, die mich als leidenschaftlichen Verfechter einer parlamentarischen Demokratie nicht zum Sympathisanten werden lassen.

Da ist der Ansatz, den Leuten Angst einzujagen, dass in wenigen Jahren die Apokalypse drohe und jegliches Leben erlösche, wenn nicht alles auf den Kopf gestellt würde. Angesichts einer „beispiellosen globalen Notlage“ müsse jede Regierung den Klimanotstand ausrufen. Sofortiges Handeln sei erforderlich, um bis 2025   Klimaneutralität zu erreichen. Ansonsten drohten weltweite Flüchtlingsströme und ein Zusammenbrechen der Lebensmittelversorgung.

Mit Panikmache dürfte eine verantwortungsvolle Klimaschutzpolitik kaum Verständnis bei den Wählern finden. Doch dafür hat man unter Punkt 3 der Leitsätze vorgesorgt: „Politik neu leben“. Das heißt, die Parlamente werden abgeschafft, das Los entscheidet künftig über die Zusammensetzung einer „Bürgerversammlung“ von rund 1 000 Leuten, die sich mit Experten beraten können. Die Lobby der Autoindustrie und der Energieerzeuger wird entmachtet, die Politik   neu organisiert. Am Wochenende veröffentlichte ein XR-Aussteiger seine Erfahrungen mit der Ortsgruppe Leipzig: „Innenansichten einer ökopopulistischen Sekte“.