Kinderstimmen klingen anders - und gehen auch mit einer vergleichsweise geringen Aerosolemission einher.
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BerlinProben von Schul- und Kinderchören und der Ablauf des Musikunterrichts könnten womöglich auch in Corona-Zeiten wieder einfacher gestaltet werden. Denn Kinder stoßen beim Singen weniger große Aerosolmengen aus, als bisher gedacht. Darauf deutet zumindest eine Studie der Technischen Universität (TU) und der Charité Berlin hin. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Aerosolemissionen auch bei Kindern beim Singen signifikant höher sind als beim Sprechen, aber sie variieren stark und liegen deutlich unter den Emissionen von Erwachsenen“, berichtet Dirk Mürbe, der an der Charité die Klinik für Audiologie und Phoniatrie leitet.

Die Studie des Teams um Mürbe und den Aerosol-Experten Martin Kriegel, Leiter des Hermann-Rietschel-Instituts an der TU, ist klein und bislang erst als Preprint veröffentlicht, also noch ohne wissenschaftliche Begutachtung. Interessant sind die ersten Ergebnisse dennoch, denn bislang gibt es den Experten zufolge keine Untersuchungen über die Aerosolemissionen speziell von Kindern. Die vorliegenden Studien dazu wurden allesamt mit erwachsenen Probanden vorgenommen. Dabei stellte sich heraus: Das gemeinsame Singen in geschlossenen Räumen kann zu erhöhten Sars-CoV-2-Infektionsraten führen.

An der Untersuchung der Berliner Forscher nahmen vier Jungen und vier Mädchen des Berliner Staats- und Domchores und des Mädchenchores der Singakademie Berlin teil. Studienort war der Forschungs-Reinraum des Hermann-Rietschel-Instituts. „Die Kinder absolvierten verschiedene Testaufgaben, wobei mit einem Laserpartikelzähler die Anzahl der gebildeten Aerosole im Größenbereich von 0,3 bis 25 Mikrometer bestimmt wurde“, heißt es einer Mitteilung der TU. Parallel zur Partikelmessung sei der Lautstärkepegel für die verschiedenen Testaufgaben aufgenommen worden.

Hohe Werte beim Torjubel

Die Forscher untersuchten auf diese Weise nicht nur die Effekte des Singens, sondern auch des Rufens und bei einem Torjubel wie beim Fußballspiel. „Interessanterweise haben wir bei dem sogenannten Fanjubel der Kinder zum Teil höhere Aerosolemissionen gemessen als beim Singen der Erwachsenen“, berichtet Martin Kriegel.

Über den Grund für die bei Kindern ansonsten niedrigeren Emissionslevel können die Forscher bislang nur Vermutungen anstellen. Sie nehmen an, dass verschiedene Faktoren dazu beitragen. „Neben den Effekten der Stimmstärke beim Singen der Kinder sind es die Besonderheiten der zu Grunde liegenden Schwingungsabläufe der kindlichen Stimmlippen. Diese führen nicht nur zum typischen Klang von Kinderstimmen, sondern auch zu einer geringeren Aerosolproduktion“, erläutert Dirk Mürbe.

Nach Angaben der TU Berlin sollen die Ergebnisse dazu genutzt werden, die Hygienekonzepte für das Singen im schulischen oder außerschulischen Bereich zu spezifizieren. Dabei gehe es darum,  Rahmenbedingungen zu schaffen, die auch das gemeinsame Singen von Kinder- und Jugendchören unter bestimmten Bedingungen wieder ermöglichen. „Wichtige Faktoren sind dabei Anzahl und Position der singenden Kinder, Probendauer, aber insbesondere die Raumgröße und effektive Lüftungskonzepte“, heißt es in der Mitteilung. Die geringere Aerosolbildung der Kinder beim Singen sei ein neuer Faktor, der nun in die Gesamtbewertung der individuellen Konzepte einfließen könne.