Berlin - Die Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen steigen seit Ende der Sommerferien stark an – und die Diskussionen um sinnvolle Quarantäneregeln in Schulen ebben auch heute nicht ab. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Jörg Dötsch, befürwortet in der Corona-Pandemie eine gezieltere Quarantäneregelung an Schulen. Bedingung sei eine sorgfältige Kontrolle über Tests, sagte er am Montag bei einer Online-Pressekonferenz. In einigen Bundesländern werde schon jetzt geschaut, ob nur das infizierte Kind in Quarantäne geschickt werden und der Rest weiter zur Schule gehen könne. Wenn man diesen Weg sorgfältig und kontrolliert beschreite, sei das „insgesamt ein guter Weg“.

„Das ist dann ganz wichtig, dass der Rest der Klasse gut getestet wird und hier die Kontrollfunktion nicht verloren geht“, ergänzte er. Dann könne das eine Maßnahme sein, die zwei Dinge miteinander verbinde: „Nämlich einerseits die Infektionskette frühzeitig zu stoppen. Frühzeitiger als man sie stoppen würde, wenn man auf die Symptomatik warten würde“, sagte Dötsch. „Und zweitens den Schulunterricht für alle anderen, die nicht das Virus in sich tragen, weiter aufrechtzuerhalten.“

Es spiele für Quarantäneregelungen generell eine große Rolle, ob jemand eine hohe oder eine niedrige Viruslast habe, wie eng der Kontakt sei und wie stark die Schutzmaßnahmen, so Dötsch. Für das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig spielt auch die Treffgenauigkeit bei Quarantänemaßnahmen eine Rolle. Dabei gebe es auch große Unterschiede, zum Beispiel zwischen Haushalt und Klassenraum, sagte Berit Lange, Leiterin der Klinischen Epidemiologie am HZI.

Im Haushalt liege die Wahrscheinlichkeit eines Sekundärfalls nach einer nachgewiesenen Infektion bei ungefähr 25 bis 40 Prozent. „Im Schulbereich ist das Risiko, nach einem Kontakt zu einem Infizierten selbst positiv getestet zu werden, zwischen ein und drei Prozent.“ Trotz derart niedriger Wahrscheinlichkeiten würden vielerorts 50 bis 100 Menschen aus dem Schulbetrieb in Quarantäne geschickt.

Berliner Schüler: Künftig nur noch fünf statt 14 Tage in Quarantäne

In manchen Bundesländern ist der neue Quarantäne-Ansatz an Schulen nicht unumstritten. In Berlin hatten die Amtsärzte geschlossen dafür votiert, um zum Beispiel Sitznachbarn eines infizierten Kindes bei weiterhin negativem Test ohne Unterbrechung den Schulbesuch zu ermöglichen. Der Senat hatte diesen Vorstoß unterbunden, aber die Quarantänezeit für Kontaktpersonen verkürzt. Berliner Kinder und Jugendliche müssen in Zukunft nur noch fünf statt 14 Tage in Quarantäne, wenn sie Kontakt mit positiv getesteten Mitschülern hatten.

Lange kritisierte, dass die S3-Leitlinienen noch heute nicht in ihrer Gänze ernst genommen würden. „Oft picken sich die Einrichtungen zwei, drei Punkte heraus. Aber eigentlich müsste jede einzelne Maßnahme, die angeführt wird, umgesetzt werden.“ Mit Blick auf den Herbst plädiert sie fürs Impfen, „wo immer es möglich ist“, sowie Impfaktionen, um die Schulen herum. Dötsch, der auch Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Köln ist, warnte davor, Kindern zu viel zuzumuten. „Selbst wenn man keine Angst davor hat, selbst an Corona zu erkranken, so muss sich jeder Erwachsene verpflichtet fühlen, andere davor zu bewahren – so auch Kinder“, sagte er. „Wir müssen sie schützen und nicht umgekehrt.“

Impfstoffe für Sechs- bis Elfjährige: Ergebnisse Ende September erwartet

Der Mediziner fügte an, dass Ende September erste Daten der Phase-3-Studie der Corona-Impfstoffe für Sechs- bis Elfjährige erwartet werden. Ende Oktober sollen  Ergebnisse für unter Sechsjährige vorliegen. Eine Impfung in diesen Altersgruppen vor einer offiziellen Zulassung seitens der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) lehnt Dötsch ab, auch wenn beim Kind eine ernsthafte Vorerkrankung wie Adipositas oder Down-Syndrom vorliege, die ein erhöhtes Risiko für einen ernsten Corona-Verlauf bedeutet. „Wir sollten jetzt nicht überaktiv werden“, sagte er.

Am Montagnachmittag wollten die Gesundheitsminister über Quarantäne an Schulen beraten.