Vancouver - Aus den ersten Darmausscheidungen eines Neugeborenen lässt sich das Risiko für spätere allergische Erkrankungen herauslesen. Vor allem die Menge und die Vielfalt bestimmter Stoffwechselprodukten wie Fette, Aminosäuren und Vitamine, die sich noch während der Schwangerschaft im Darm der Ungeborenen ansammeln, stünden mit dem Allergierisiko in Verbindung, berichten kanadische Wissenschaftler im Fachmagazin Cell Reports Medicine. Diese Substanzen beeinflussten unter anderem, welche Bakterien sich zu welchem Zeitpunkt im Darm der Neugeborenen ansiedeln, was wiederum die Entwicklung des Immunsystems beeinflusst.

Die erste volle Windel eines Neugeborenen enthält eine schwarzgrünliche, leicht klebrige Substanz, die auch Mekonium oder Kindspech genannt wird. Sie besteht aus Haut- und Darmzellen, Fruchtwasser und Haaren des Embryos. „Mekonium ist wie eine Zeitkapsel, die verrät, was der Säugling vor seiner Geburt erlebt hat“, sagt die Hauptautorin der Studie, Charisse Petersen von der University of British Columbia in Vancouver, Kanada. „Es enthält alle möglichen Moleküle, die von der Mutter im Mutterleib aufgenommen wurden, und wird dann zur ersten Nahrungsquelle für die ersten Darmmikroben.“

Allergietest nach einem Jahr

Die Forscher untersuchten 979 Säuglinge. Im Alter von einem Jahr prüften sie mit einem sogenannten Prick-Test, ob die Kinder zu allergischen Reaktionen neigen. Dabei werden Lösungen von Substanzen, die bekanntermaßen Allergien auslösen können, in die Hautoberfläche eingebracht, etwa von Pollen oder bestimmten Nahrungsmitteln. Eine Rötung oder Quaddelbildung zeigt eine allergische Reaktion an. Bei 100 Neugeborenen untersuchten sie zudem das Mekonium genauer. Sie schauten, welche Stoffwechselprodukte – Metabolite genannt – in welcher Menge vorhanden waren. Außerdem prüften die Forscher zu mehreren Zeitpunkten im Stuhl der Babys, welche Bakterien bei ihnen im Darm zu finden waren.

Die Auswertung ergab, dass eine geringere Vielfalt an Metaboliten im Mekonium mit einem höheren Allergierisiko im Alter von einem Jahr einherging. Die betreffenden Kinder hatten auch eine veränderte Mikrobiota im Darm – also eine geringere Vielfalt und Menge an bestimmten Darmbakterien.

Unmittelbar nach der Geburt wird der Darm mit Bakterien besiedelt

Die Besiedelung des Darms mit Bakterien beginnt unmittelbar nach der Geburt; während der ersten Lebensjahre verändert sich die Bakteriengemeinschaft fortlaufend, was auch mit einer Veränderung der Immunfunktionen einhergeht, schreiben die Wissenschaftler. Dass die Zusammensetzung der Bakterien im Darm die Abwehrkräfte des Körpers beeinflusst, ist bekannt. Die Zunahme von allergischen Erkrankungen bei Kindern in den vergangenen Jahrzehnten sei von einer Veränderung der Darmbakteriengemeinschaft begleitet. Wie die Besiedelung des Darms bei Neugeborenen erfolgt und wodurch sie beeinflusst wird, werde erst seit kurzem untersucht, so die Forscher.

„Diese Arbeit zeigt, dass die Entwicklung eines gesunden Immunsystems und einer gesunden Mikrobiota schon weit vor der Geburt eines Kindes beginnen kann ­– und signalisiert, dass die winzigen Moleküle, denen ein Säugling im Mutterleib ausgesetzt ist, eine grundlegende Rolle für die zukünftige Gesundheit spielen“, sagt Petersen. Die Ergebnisse könnten dabei helfen, dass Allergierisiko von Neugeborenen zu bestimmen – lange bevor sie Symptome von Überempfindlichkeiten zeigen. (dpa/fwt)