Menschen machen ein Lagerfeuer in einem Kleingarten in Berlin.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

BerlinWie vieles im Leben durchlaufen auch Parzellen verschiedene Phasen, das beobachte ich diesseits und jenseits des Gartenzauns: Zu meiner Linken genießt ein nicht mehr ganz junges Paar sein Grün. Die beiden gießen und jäten, plaudern und liegen in der Sonne, alles wirkt sehr entspannt. Auf der anderen Seite quietschen kleine Kinder, mit ihnen ihre Freunde, Freundinnen, dazu die eigenen und andere Eltern.

So war das auch bei uns, wir hatten oft ganze Kitagruppen zu Gast. Eine Parzelle bietet alles, was kleine Menschen brauchen: Wassereimer, Sandkiste, Kletterbäume, Rasensprenger, eine gemütliche Hängematte, das eigene Beet. Werden sie größer, wollen sie mehr Auslauf, mehr Abenteuer und vor allem: nicht unbedingt Eltern dabei. Sie spielen dann lieber woanders.

Ich fand das sehr angenehm. Statt Apfelschnitzen, klebrigen Saftbechern und Kekstüten standen plötzlich nur noch Kaffeetassen, Weingläser und/oder mein Rechner auf dem Klappgartentisch. Ich nahm komplexere Pflanzungen vor, lernte Obstbäume schneiden, beobachtete Nachtigallen, Schmetterlinge und Ratten, dachte über Nature Writing nach, döste im Liegestuhl. Ein idealer Zustand.

Dann kam Corona. Und mit der Krise viel Besuch. Wer geht schon in den Park, wenn er oder sie in einen Garten kann? Mit bequemen Stühlen, Kühlschrank und Toilette? Mit einem Laubendach überm Kopf, falls es regnet, Gläsern und Tassen, einer Kochplatte und einem Grill?

Enge Freundinnen und alte Bekannte fragen, ob sie nicht bei mir diese oder jene Person treffen können. Zum Kaffee, zum Tee, zum Bier. Manche flüchten mit ihrem Computer aus ihren Wohnungen unter meinen Apfelbaum, ganze Arbeitsgruppen halten auf meinem Rasen virensichere Sitzungen ab. Alles selbstverständlich mit Sicherheitsabstand und nach den Regeln des jeweils aktuellen Berliner Hygienekonzepts.

Kein Problem, dachte ich, aber dann entdeckte meine Tochter ihr Kindheitsparadies wieder. Da Teenager sich derzeit nicht in ihren schlecht gelüfteten Zimmern treffen sollen, ist der Schrebergarten für sie plötzlich keine Freiheitsberaubung mehr. Sondern genau das, was sie braucht. Ohne uns, die Eltern, versteht sich, ohne andere Erwachsene, die den Garten aus Corona-Gründen frequentieren.

Also treffen wir alle täglich Absprachen, die Arbeitsgruppen, Mann, Kind, ich, unsere näheren und entfernteren Freundinnen und Bekannten. Alle bekommen ihre Zeiten, es funktioniert. Zwar bringen die vielen Menschen das Kompostklo an seine Grenzen und in der Laube kullern leere Pfandflaschen umher, aber die älteren und jüngeren Parzellennachbarn haben sich bisher weder über die vielen neuen Gesichter noch über den Musikgeschmack meines Kindes beschwert.

Manchmal sind auch mehrere Nutzer gleichzeitig im Garten, das aber macht keinen Spaß, denn er ist nun einmal nicht groß. Wer jätet schon gern neben augenverdrehenden Fünfzehnjährigen oder blinzelt neben Fachdiskussionen oder Geplauder, das einen nichts angeht, entspannt in die Sonne? Ich sitze lieber in der Wohnung, lese meine alten Kolumnen, schaue mir Gartenfotos an und berausche mich an meiner Großherzigkeit. Meine Pachtscholle teilen, anstatt sie eifersüchtig zu hegen, das wollte ich immer. Nun ist es so weit, mein Garten ist kollektiviert, eine behagliche grüne Insel in der Brandung der urbanen Infektionsgefahr. Und solange diese wunderbare Phase anhält, gehe ich einfach in den Park.