Einheimische und zugezogene Pflanzen auf einer Blumenwiese.
Foto: Imago/Arnulf Hettrich

BerlinZu Füßen meines Apfelbaums wächst neuerdings ein Weihnachtsstern, eine Freundin stellte seinen Blumentopf dort ab. Er ist in der Sommerfrische. Ich freue mich über den Gartengast, er erinnert mich an die Weihnachtssterne, die ich auf einer Kanarischen Insel sah, dort wachsen sie meterhoch und müssen im Winter nicht ins Haus.

Ursprünglich stammen sie aber aus Mittelamerika, also von weiter her, wie so viele Pflanzen in meinem Garten. Der Hibiskus (neben der Laube) kam aus China, die Ringelblumen (überall) aus dem Mittelmeerraum, die Tulpen (im Rasen) aus kargen Bergen Griechenlands und der Türkei, mein Purpursonnenhut (Staudenbeet) aus Nordamerika, die Sonnenblume (am Zaun) aus Mexiko, die Bohnen und Kartoffeln (Gemüsebeet) aus Südamerika, die Gurken (ebenda) aus Indien.

Ich werde jetzt keine Diskussion über heimische/fremde Pflanzen in naturnahen Gärten beziehungsweise Neophyten und Artenvielfalt beginnen, so interessant sie auch ist. Mir geht es gerade eher um den Fernwehaspekt der Angelegenheit, in einem Jahr, in dem Reisen nicht so selbstverständlich ist. Natürlich ersetzt mein Lavendel nicht die Provence und ein Fächerahorn keinen Japanbesuch, aber sie trösten mich mit dem Gedanken, dass auch eine Berliner Parzelle ihre weltläufigen Seiten hat.

Allerdings ist nichts peinlicher als die Kolonialgeschichte unserer Garten- und Zimmerpflanzen. Schließlich wurden die meisten von ihnen nicht redlich erworben, sondern von Botanikern und anderen „Pflanzenjägern“ geklaut. Und ich habe noch nie gehört, dass irgendein mittelamerikanisches Land irgendwann am großen Weihnachtsgeschäft mit den Weihnachtssternen verdient hätte. Oder Südafrika am internationalen Erfolg der dort heimischen Geranie. Ungefähr so ist es bei neu entdeckten botanischen Schätzen bis heute, das Problem nennt sich Biopiraterie.

Na gut, das ist auch kein Gute-Laune-Urlaubsersatz-Thema. Aber manche Pflanzen überwinden auch ohne menschliche Absicht enorme Entfernungen. Zum Beispiel das Gemeine Knopfkraut, auch als Franzosenkraut bekannt. Es wächst in jedem Garten, ein mit allen Wassern gewaschenes Bei-, Wild- oder Unkraut. Es bildet keine fiesen Wurzeln wie der Giersch (den die Römer mitbrachten, weil sie ihn gern aßen) und lässt sich ganz leicht aus der Erde ziehen. Seine keine fünf Millimeter große Blüte sieht aus wie eine verunglückte Mini-Margerite.

Dieses unscheinbare Gewächs erreichte den deutschsprachigen Raum ungefähr zeitgleich mit Napoleons Armee (daher der Name), aber es stammt aus Peru und sprießt inzwischen auf der ganzen Welt. Wie auch die kosmopolitische Vogelmiere, bei der überhaupt kein echtes oder vermeintliches Ursprungsland mehr herauszufinden ist. Hübsche kleine essbare Pflanzen, manchmal lästig, aber als rasanter Bodendecker auch nützlich. Vielleicht kamen sie mit dem ersten Weihnachtsstern über den Ozean, als Samen in der Erde, die als Schiffsballast diente, wer weiß.

Die Künstlerin Maria Thereza Alves hat dieser Migration in Häfen wie Marseille, Liverpool, Bristol mit „Seeds of Change“-Installationen Denkmäler gesetzt. Der Botaniker Jürgen Feder rekonstruiert Pflanzenreisen via Lkw und Eisenbahn: Bahnböschungen und Autobahnraststätten, meint er in seinen Büchern, zeigen eine faszinierend internationale Vegetation. Wer womöglich selber unterwegs ist, kann sich dort ja mal umschauen.