Ein Rotfuchs.
Foto: imago images/Dirk Sattler

BerlinJeder Mensch hat peinliche Leidenschaften – meine ist beziehungsweise war, den Küchenabfall in den Schrebergarten zu tragen. Fast täglich fütterte ich meinen Kompost mit Kaffeesatz, Bananenschalen, Apfelstrünken und so weiter, alles vegan und roh, wie es sich gehört.

Oft saß ich versonnen da und zerkleinerte das Mitgebrachte mit der Rosenschere, bis ich eines Tages etwas Graues durch mein Blickfeld huschen sah. Sie kennen das vielleicht von den Mülltonnen im Hinterhof oder jeder beliebigen Stelle am Landwehrkanal: Erst sieht man nur eine Bewegung, dann ein ganzes Tier, genauer eine Ratte. Meine war viel scheuer als Vögel und Eichhörnchen oder der Fuchs, der letztes Jahr öfter in meinem Garten lag. Leider habe ich Letzteren schon lange nicht mehr gesehen.

Stattdessen nun die Ratte, beziehungsweise Ratten, denn wie ich bald feststellte, waren es drei. Sie fühlten sich auf meinem Kompost wie zu Hause, erschienen ruckzuck, sobald ich die Tupperdose mit dem Biomüll leerte, nutzten die immer gleichen Wege durch Gras und Holzlatten, ja hatten sogar einen Platz, von dem aus sie mich im Auge behielten. Es waren Wanderratten, sie übertragen ein paar hässliche Krankheiten – wie fast jedes wildlebende Tier.

Spontan empfand ich all das, was dieser Spezies in Europa üblicherweise entgegengebracht wird. Abscheu ist ein freundliches Wort dafür. Je genauer ich aber hinschaute, desto sympathischer wurden sie mir. Die eine war etwas rundlicher als die anderen, alle drei hatten niedliche schwarze Knopfaugen, rosa Nasenspitzen und einen hellen Bauch, sie saßen gern eng beieinander. Ich verbrachte ganze Nachmittage mit ihrer Beobachtung und fand sie mit der Zeit richtig possierlich, wenn auch, wie gesagt, etwas hektisch. Aber sie haben ja auch unerfreuliche Erfahrungen mit meiner Art, dem Menschen, gemacht.

Ich kenne Geschichten über lebendig verbrannte, an Scheunentore genagelte oder in Tonnen ihrem halbverhungerten Kannibalismus überlassene Ratten. Wer weiß, was davon stimmt, letzteres erzählt Javier Bardem als durchgedrehter Ex-Agent im vorletzten James Bond Film. Der einschlägige Handel bietet Gifte, Köder, Schlag-, Klapp-, ja Stromschlagfallen an, ein ganzer Berufszweig hat sich auf ihre Tötung und Vertreibung spezialisiert.

Die akzeptabelsten und überraschend entspannten Tipps habe ich aus meinem Lieblingsgartenbuch. Dort steht: Obst- und Gemüsereste im Zweifel in geschlossene Kompostbehälter. Auf Freilufthaufen gehört nur Gartenabfall. Die sollte ich außerdem öfter umschichten, das bringt Luft hinein, fördert die Rotte, verhindert Nestbau der Nager und ist ihnen generell nicht angenehm. Denn Ratten mögen keine Veränderungen und Unruhe, intelligente Tiere, die sie sind. Seitdem ich das beherzige und aus der Wohnung allenfalls Kaffeesatz mitbringe, habe ich keine mehr gesehen. Zum Glück, sonst hätte ich womöglich das Gesundheitsamt anrufen müssen, und die haben ja gerade anderes zu tun. In Berlin gibt es seit 2011 eine Rattenmeldepflicht.

Inzwischen ist übrigens der Fuchs wieder da und womöglich löste auch er das Problem: Soweit ich weiß, frisst er Mäuse und Ratten und alles, was ihm schmeckt. Ein großer Nützling sozusagen, vielleicht sollte ich ihm ein paar Erdbeeren auf den Kompost legen, damit er bleibt und unerwünschte Nagetiere vertreibt.