Berlin - Ein Klimaforscher kommt viel rum: Carl-Friedrich Schleußner in diesen Tagen in seiner Heimatstadt Berlin anzutreffen, hat einfach nicht geklappt. Also ein ausführliches Telefonat mit ihm am Rande eines Meetings im französischen Toulouse und ein zweites, als er vergangene Woche auf einer Tagung in England weilte. In dieser Woche ist er schon wieder unterwegs – zu einem Termin des Weltklimarats IPCC.

Zu den Aufgaben des 32-jährigen Klimaphysikers, der an der Berliner Humboldt-Universität forscht und am gemeinnützigen Institut Climate Analytics tätig ist, gehört es zu überprüfen, ob die einzelnen Länder Fortschritte im Klimaschutz machen, so wie sie es im Jahr 2015 beim Übereinkommen von Paris zugesagt haben. Sein Fazit ist bedrückend: Wenn alle Länder so weitermachen wie bisher, droht eine Erwärmung um drei Grad.

Herr Schleußner, sind Sie zu der Tagung nach Toulouse geflogen?

Nein, ich habe den Zug genommen. Aber ich finde, dass unsere Klimadebatte oft zu sehr auf individuelle Verhaltensweisen fokussiert ist. Als Einzelner bin ich nun einmal Teil der Gesellschaft und muss mich mit dieser arrangieren. Für mich gibt es auch berufliche Termine, die ich nur per Flugzeug wahrnehmen kann. Um den Spielraum zu vergrößern, als Einzelner klimafreundlich zu handeln, muss man eine Ebene höher ansetzen. Was wir brauchen, ist einen umfassenden gesellschaftlichen Wandel.

Es ist also unsinnig, sich für den Klimaschutz zu kasteien, wenn die große Linie nicht stimmt?

Ja und nein. Viele kleine Handlungen können das große Ganze schon in Bewegung bringen. Aber man kann sich auch schnell im Klein-Klein verlieren. Der Fokus muss daher ganz klar auf der gesellschaftlichen Transformation hin zur Grünen Null liegen – dem Erreichen von Netto-Null-Treibhausgasemissionen bis spätestens Mitte des Jahrhunderts.

Im Zentrum muss also politisches und gesellschaftliches Engagement stehen. Um diese Transformation zu ermöglichen, ist natürlich auch die individuelle Handlungsebene von großer Bedeutung, zum Beispiel beim Thema Energiesparen, Mobilität, Hausbau, Ernährung.

Sind Sie am 20. September in Berlin dabei beim großen Klimastreik?

Nein, da bin ich schon wieder unterwegs. Ich nehme an einer Konferenz des Weltklimarats IPCC in Monaco teil. In dem Bericht geht es um die Ozeane und die Kryosphäre – also den vereisten Teil unseres Planeten – in einem sich wandelnden Klima. Er wird am 24. September vorgestellt.

Wie ist es um die Meere und das ewige Eis bestellt?

Zu dem IPCC-Bericht kann ich natürlich nichts sagen. Aber es ist ganz klar, dass es nicht gut aussieht. Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt – und die Folgen spüren wir bereits. Dass Wirbelstürme so heftig wie nie zuvor sind, wie jüngst Hurrikan Dorian, der auf den Bahamas wütete, hat ganz klar mit der Erwärmung zu tun. Das wärmere Meerwasser versorgt die Stürme mit mehr Energie.

Am Freitag werden viele Menschen mitmachen, nicht nur junge Leute. Geschäfte werden schließen, Internetseiten offline gehen. Allein in Deutschland gibt es Demos in 450 Städten. Ist das alles der Greta-Effekt?

Es ist beachtlich, was Greta Thunberg mit ihrem Schulstreik für das Klima, der ja erst vor gut einem Jahr begann, in Bewegung gesetzt hat. Das Engagement ist gut zu verstehen. Wie die Erderwärmung weiter verläuft, ist lebensentscheidend für die heutige Jugend. Der Klimawandel ist für sie nicht etwas, was irgendwann einmal passiert. Heutige Schüler werden mehr als die Hälfte ihres Lebens in einer Welt verbringen, die sich um 1,5 Grad Celsius erwärmt hat.

Die vielen demonstrierenden Schüler und Studenten haben nicht nur erreicht, dass das Thema ins Bewusstsein der Bevölkerung gerückt ist, sondern auch, dass es in der Politik nun Priorität hat. Und das ist auch dringend notwendig. Wir haben nicht mehr viel Zeit, um eine Erderwärmung von mehr als 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Niveau zu verhindern. Wir müssen dringend handeln, denn die Tür schließt sich allmählich.

Das Institut Climate Analytics, für das Sie arbeiten, verfolgt und bewertet zusammen mit anderen Forschern die Fortschritte der einzelnen Länder im Klimaschutz. Climate Action Tracker heißt das Projekt. Dabei geht es vor allem um das Ziel des Übereinkommens von Paris. Bei dem Weltklimagipfel vor vier Jahren wurde das Ziel ausgerufen, die Erwärmung möglichst auf 1,5 Grad zu beschränken, zumindest aber deutlich unter 2 Grad zu halten. Wie ist der Stand?

Im Moment steuert die Welt auf eine deutlich stärkere Erwärmung zu. Wenn wir so weitermachen wie bisher, überschreiten wir im Jahr 2040 die 1,5 Grad und bis zum Jahr 2100 werden es 3 Grad mehr sein. Das ist wirklich bedenklich.

Bis heute hat sich die Erde bereits im Durchschnitt um ein Grad erwärmt – und die Folgen sind selbst bei uns überdeutlich: Die große Trockenheit vor allem im Nordosten Deutschlands, die Hitzerekorde der beiden letzten Sommer, der Starkregen vor zwei Jahren – derartige Extreme wird es auch künftig immer häufiger geben und sie werden hartnäckiger.

Den weltweiten Klimastreik auf den 20. September zu legen, war wohl überlegt. Kurz danach, vom 21. bis 23. September, tagt der Klimagipfel der Vereinten Nationen in New York. Ziel ist es, das Übereinkommen von Paris tatsächlich zur Umsetzung zu bringen. Wie sehen Sie die Chancen?

Für den Generalsekretär der Vereinten Nationen, Antonio Guterres, hat das Thema ganz klar Priorität. Das ist eine wichtige Voraussetzung. Als Portugiese kann er vielleicht auch stärker auf die EU einwirken. Denn nachdem die USA im Klimaschutz weitgehend ausfallen, hängt es nun vor allem von der EU ab, Maßnahmen zu ergreifen, mit denen es noch möglich ist, das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten.

Warum kommt es so auf die EU an?

Die Europäische Union ist der drittgrößte Verursacher von Treibhausgasen und hat mit ihren traditionellen Industrieländern auch historisch gesehen eine große Verantwortung für die Emissionen, die bereits in der Atmosphäre sind und unseren Planeten um ein Grad aufgeheizt haben. Mit Blick auf die internationale Gerechtigkeit müssten die Industrieländer eigentlich geschlossen vorangehen. Nur dann kann man auch von Schwellenländern wie China erwarten, ihre Ziele zu verstärken.

Wie sieht es mit dem Klimaschutz in Europa aus?

Die EU muss nachbessern. Das aktuelle Klimaziel ist mit dem Pariser Übereinkommen nicht kompatibel. Bisher sollen in der EU bis 2030 die Treibhausgasemissionen um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken, notwendig wären mindestens 55 bis 60 Prozent. Und mittelfristig muss es das Ziel sein, auf null Emissionen zu kommen.

Das Vereinigte Königreich hat sich das zum Beispiel für 2050 vorgenommen, auch die skandinavischen Länder wollen bis dahin treibhausgasneutral werden, Finnland sogar bis 2035. Diesen Beispielen müssen noch mehr Länder folgen, vor allem Deutschland – als größte Volkswirtschaft der EU.

Immerhin hat die neue Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Klimaschutz zur Priorität erklärt und vielversprechende Ankündigungen gemacht, was ich sehr positiv bewerte. 

In Deutschland kommt es am Freitag auch politisch zum Schwur: Das Klimakabinett werde „wesentliche Entscheidungen treffen, um sicherzustellen, dass Deutschland seine Klimaziele erreicht“, heißt es. Ob das klappt?

Ich zähle darauf, dass an diesem Tag tatsächlich Wesentliches beschlossen und die Hängepartie der vergangenen Jahre beendet wird. Denn Deutschland, einst Vorreiter im Klimaschutz, hat stark nachgelassen in den vergangenen Jahren.

Auf europäischer Ebene ist es sogar eher ins Lager der Bremser gewechselt. Und wir verfehlen deutlich das gesteckte Ziel, bis 2020 im Vergleich zu 1990 40 Prozent weniger Treibhausgasemissionen zu haben: Es fehlen sieben bis acht Prozent. Es hängt also sehr viel davon ab, was das Klimakabinett am Freitag beschließt. Der Tag ist bedeutend. Auch wenn es eigentlich überhaupt kein Klimakabinett gebraucht hätte.

Das Klimakabinett ist überflüssig?

Es gibt seit 2016 ein Instrument, um Maßnahmen einzuleiten: den zentralen Klimaschutzplan der Bundesregierung. Für diesen Plan war vorgesehen, ihn 2019 oder 2020 anzupassen – auch im Rahmen dessen, was in der EU beschlossen wird. Aber mangels kohärenter Klimapolitik ist das bisher nicht erfolgt. Jedes Jahr, das so verstreicht, ist vergeudete Zeit.

Was ist zu tun?

Zum Glück ist mit der Bedrohung auch das Rettende mitgewachsen. Erneuerbare Energien etwa sind mittlerweile die billigste Form der Energie. Und es gibt bereits eine Reihe guter Vorschläge, etwa für eine Steuer für den Ausstoß von Kohlendioxid. Es ist insgesamt robustes Handeln erforderlich. Die Bundesregierung muss jetzt konsequent den Klimaschutz verfolgen. Und dabei weit über das hinausgehen, was die Kohlekommission zustande gebracht hat. Denn der Kompromiss, der dort erzielt wurde, ist überhaupt nicht mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar. Erst 2038 aus der Kohle auszusteigen, ist viel zu spät.

Bei der UN-Klimakonferenz im mexikanischen Cancun vor neun Jahren war noch von einer maximalen Erwärmung um 2 Grad die Rede. Seit Paris 2015 gibt es das 1,5-Grad-Ziel. Wieso wurde noch mal verschärft?

Das ist kein wissenschaftlich festgelegtes Ziel, sondern ein politisch ausgehandeltes. Bei dem Gipfel in Paris haben besonders vom Klimawandel betroffene Länder wie die kleinen Inselstaaten, aber auch viele afrikanische und asiatische Länder 1,5 Grad als ihre absolute Obergrenze genannt. So kam dieser Kompromiss heraus.

Dass der Spielraum kleiner wurde, hat aber auch damit zu tun, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse über künftige Klimafolgen vorangeschritten sind. Und die zeigen, dass wir auch schon bei einem Plus von 1,5 Grad Celsius heftig mit den Folgen zu kämpfen haben werden.

Wie wird es in Berlin, wenn sich die Erde um 1,5 Grad erwärmt?

Einen Sommer wie letztes Jahr werden wir nicht mehr einmal in vier bis fünf Jahren zu erwarten haben, wie es zurzeit bei ein Grad Erwärmung der Fall ist, sondern fast jedes zweite Jahr. Dadurch erhöhen sich gesundheitliche Risiken, und der Städte- und Wohnungsbau steht vor neuen Herausforderungen. Ebenso das Gesundheitssystem: Zimmer in Krankenhäusern und Altenheimen müssten klimatisiert werden, auch die Arbeitsproduktivität wird leiden.

Und bei 3 Grad Erwärmung?

Dann würden wir in einer völlig anderen Klimazone leben. Die allermeisten unserer Sommer würden deutlich wärmer sein als 2018. Strukturell müsste sich viel ändern, denn extreme Hitze erfordert zum Beispiel völlig neue Kühlungslösungen. Darüber hinaus würden die Klimafolgen, die dann weltweit existenzbedrohende Ausmaße für Millionen von Menschen annehmen, sich auch gesellschaftlich in Deutschland und Europa bemerkbar machen.