Überflutung des bayerischen Klosters Weltenburg im Juni 2013.
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BerlinEuropa steht beim Kampf für Klimaschutz und Artenvielfalt im Jahr 2020 vor Herausforderungen beispiellosen Ausmaßes. Die Zeit drängt. Zu diesem Schluss kommt die Europäische Umweltagentur (EUA) in ihrem am Mittwoch in Brüssel veröffentlichten Fünfjahresbericht zur Lage und zu den Aussichten der Umwelt auf dem Kontinent. Es handle sich um die „entscheidende Herausforderung dieses Jahrhunderts“, heißt es in dem Bericht, der erscheint, während auf der Weltklimakonferenz in Madrid darum gerungen wird, die globalen Treibhausgasemissionen entscheidend zu senken. Die Europäische Umweltagentur ist eine Einrichtung der Europäischen Union (EU).

Deutschland erstmals auf Platz drei

Nicht alles, was der 500-seitige Bericht „Die Umwelt in Europa – Zustand und Ausblick 2020“ betrachtet, hat mit dem Klima zu tun. Es geht um generelle Wandlungen in der Umwelt, eingebettet in die Klimaentwicklung. Der Bericht konstatiert, dass in den vergangenen zwei Jahrzehnten durchaus Fortschritte gemacht worden seien. Europa habe einiges zur Verringerung der CO2-Emissionen getan. Diese seien zwischen 1990 und 2017 um 22 Prozent gesunken. Der Anteil der erneuerbaren Energien habe sich erhöht. Auch die Luft- und Wasserqualität sei besser geworden.

Zunehmende Trockenheit in Brandenburg. Ein Landwirt eggt sein Feld.
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Der Bericht betrachtet auch weltweite Entwicklungen, die sich positiv gestaltet haben. Über globale Prozesse seien Not und Hunger verringert worden, der Wohlstand in vielen Teilen der Welt gewachsen. „So ist etwa der Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben, weltweit stark zurückgegangen: von 42 Prozent im Jahr 1981 auf weniger als 10 Prozent im Jahr 2015.“

All dies jedoch gehe mit einer rasanten Steigerung des Energiebedarfs einher,  mit Überdüngung, großen Schäden an Ökosystemen. Der Bericht sieht einen dramatischen Verlust an Biodiversität.  Allein in Europa gingen in den vergangenen drei Jahrzehnten die Vogelbestände um 30 Prozent zurück, die der Schmetterlinge sogar um 40 Prozent. „Nur ein kleiner Teil der geschützten Arten (23 Prozent) und Lebensräume (16 Prozent ) ist in einem befriedigenden Erhaltungszustand“, heißt es im Bericht.

Europäisches Ziel bis 2020 wird nicht erreicht

„Deshalb wird das europäische Ziel, den Biodiversitätsverlust bis 2020 zu stoppen, voraussichtlich nicht erreicht.“ Die Landwirtschaft wird als Ursache Nummer eins für den Rückgang von Arten, Lebensräumen und Ökosystemen benannt.

Laut EUA-Bericht leiden 62 Prozent der europäischen Ökosystemflächen unter einem überhöhten Stickstoffgehalt. „Wir brauchen einen Systemwechsel in der EU-Agrarpolitik, damit sich nachhaltige Produktion auch für die Betriebe lohnt“, sagt Jörg-Andreas Krüger, Präsident der Naturschutzorganisation Nabu.

Treibhausgase und Erdwärmung

Kohlendioxid
Warum führt die vermehrte Freisetzung sogenannter Treibhausgase wie CO2 zu einer Klimaerwärmung? Wird nicht seit Jahrmillionen auf der Erde CO2 freigesetzt? Brauchen nicht Pflanzen ganz dringend CO2? All diese Fragen hört man in der Klimadebatte.

Anteil 
Nur drei Prozent des jährlichen CO2-Ausstoßes sind von Menschen verursacht. Aber es handelt sich um Milliarden Tonnen. Sie kommen zum geschlossenen natürlichen Kohlenstoffkreislauf hinzu. Nur die Hälfte wird aufgenommen. Der Rest reichert sich in der Atmosphäre an.

Prozesse
Über welche komplexen Vorgänge steigende globale CO2-Konzentrationen und andere Gase zur Erderwärmung beitragen, erfährt man auf: klimafakten.de; umweltbundesamt.de; quarks.de/umwelt/klimawandel/so-eine-grosse- wirkung-hat-so-wenig-co2/

Zugleich müssten die EU-Mitgliedstaaten verpflichtet werden, „in den nächsten zehn Jahren jeweils 15 Prozent ihrer geschädigten Land- und Meeresflächen wieder in einen naturnahen Zustand zu bringen“. Laut EUA-Bericht verlieren die Lebensräume mehr und mehr die Fähigkeit, Kohlendioxid und Wasser zu speichern. Was langfristig auch Folgen für das Klima haben kann.

Vor allem junge Menschen engagieren sich - das ist positiv

Positiv sieht der EUA-Bericht, dass sich vor allem junge Menschen in Europa zunehmend Gehör verschafften und „ambitioniertere Reaktionen auf den Klimawandel und die Zerstörung der Umwelt“ verlangten. In den kommenden zehn Jahren müssten die Länder alle Kräfte bündeln – gegen den Artenverlust, die zunehmenden Folgen des Klimawandels und den übermäßigen Verbrauch natürlicher Ressourcen.

Auf der UN-Klimakonferenz in Madrid haben Klimaschützer aufgezeigt, dass auch Deutschland die Folgen der Erderwärmung schon massiv zu spüren bekommt. Hitzewellen, Dürren und Stürme des Jahres 2018 brachten die Bundesrepublik erstmals auf Platz drei im Klima-Risiko-Index der Entwicklungsorganisation Germanwatch.

Nur Japan und die Philippinen wurden 2018 noch stärker direkt von Extremwetter getroffen. Die Autoren mahnten aber auch, dass andere Länder insgesamt viel stärker unter der Erwärmung litten und viele, teilweise dramatische Folgen nicht abgebildet würden. Der EUA-Bericht sieht Europa in einer besonderen Verantwortung. Denn „als Pionier der Industrialisierung“ habe der Kontinent die globalen Veränderungen mitverursacht, heißt es.

Gluthitze löst im Juli 2019 massive Brände auf der griechischen Insel Euböa aus.
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Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 die Treibhausgasemissionen in Europa um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken, den Anteil der Energie aus erneuerbaren Quellen auf mindestens 32 Prozent zu erhöhen und die Energieeffizienz um mindestens 32,5 Prozent zu steigern. Der Ausblick zeige aber, dass das aktuelle Tempo der Fortschritte nicht ausreichen werde, um dorthin zu gelangen, konstatiert der Bericht.

Klimawandel geht mit erhöhten Risiken für gefährdete Gruppen einher

Von den 13 Zielen, die sich Europa bereits für 2020 gesetzt hatte, würden nur zwei erreicht: die Schaffung von Schutzgebieten im Meer und an Land. Nicht geschafft wurde, die Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 um 20 Prozent zu senken und 20 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen.

„Die Beschleunigung des Klimawandels wird wahrscheinlich erhöhte Risiken vor allem für gefährdete Gruppen mit sich bringen“, prognostiziert der Bericht. „Auswirkungen können sich aus Hitzewellen, Waldbränden, Überflutungen und aus sich ändernden Mustern bei der Verbreitung von Infektionskrankheiten ergeben.“ Zugleich aber gebe es regionale Unterschiede und auch Ungewissheiten.  „Die systemischen Risiken für die Gesundheit sind komplex, und die Wissensgrundlage weist bedeutende Lücken und Unsicherheiten auf.“ Es gehe vor allem um vier große Systeme, in denen sich in Europa etwas tun müsse, sagte der EUA-Exekutivdirektor Hans Bruyninckx der Deutschen Presseagentur.

Diese vier Systeme seien das immer noch zu viel Kohlendioxid ausstoßende Energiesystem, der Transportsektor, das an vielen Stellen kränkelnde Lebensmittelsystem sowie die Art und Weise, wie Städte mit Faktoren wie Wohnungsbau, Mobilität und sozialen Dynamiken umgingen. Es hake vor allem bei der Umsetzung bestehender politischer Maßnahmen, sagte Bruyninckx. „Wir sollten besser darin werden, die von uns festgelegten politischen Ziele einzuhalten.“

Dinge loswerden

Wichtig sei unter anderem, sich von Unnötigem zu verabschieden und Alternativen zu schaffen. „Wir müssen besser darin werden, Dinge loszuwerden, die keine Zukunft haben“, sagte er mit Blick auf Kohle und Verbrennungsmotoren. Wenn man darüber hinaus zum Beispiel keine Kurzstreckenflüge mehr wolle, müsse man den Bürgern effiziente Alternativen bieten – etwa auf der Schiene. Die meisten Lösungen lägen bereits auf dem Tisch.