Japanische Kirschen beeindruckten mit prächtigen Blüten.
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BerlinDer Winter, der ein Frühling war, ließ kurz vor Weihnachten in Berlin japanische Zierkirschen üppig und prachtvoll erblühen. Denn mit durchschnittlich 4,6 Grad Celsius war es deutlich zu mild: Die Durchschnittstemperatur im langjährigen Monatsmittel liegt ganze drei Grad darunter.

Ob an der Bösebrücke am S-Bahnhof Bornholmer Straße in Pankow, am Planetarium an der Prenzlauer Allee oder in der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg, überall prunkten die rosa Blütenwölkchen voller Grazie neben den anderen öde braunen blätterlosen Bäumen und Gebüschen. Die Klimaerwärmung verändert den Winter. Meteorologe Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst (DWD) hat beobachtet, wie die Pflanzen immer früher den Vorfrühling einläuten. „Die Grenze verschiebt sich auf Kosten des Winters nach vorn.“

Die Klimaerwärmung verändert den Winter

Derk Ehlert, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Bereich Naturschutz, erklärt, wie es zu den blühenden Kirschen kam: „Wenn die Temperaturen erst unter Null sinken und danach wieder um einiges steigen, fallen ausländische Pflanzen wie die japanische Zierkirsche, die mit den deutschen Temperaturverhältnissen nicht vertraut sind, darauf rein. Der Kälteschock löst bei ihnen den Blühreiz aus. Allerdings handelt es sich dabei nur um Scheinblüten. Sie überstehen die Kälte zwar dank einer hohen Salzkonzentration in der Blüte, fallen aber trotzdem bald ab. Danach sprießen im Frühling erneut echte langlebigere Blüten.“

Für das kurze optische Vergnügen genügten schon die wenigen Nächte unter 0 Grad vom 3. mit minus 0,8 Grad über den 5. mit minus 1,3 Grad bis zum 6. Dezember mit minus 0,4 Grad. Nur insgesamt sechs Nächte mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt hatte dieser Monat. Die kälteste war mit minus 3,6 Grad am 29. Dezember.

Zwei Tage später in der Silvesternacht waren es schon wieder erträglichere 4,2 Grad, dazu war es trocken. Was auch seine tragischen Seiten hat. Schließlich lassen sich bei solchem Wetter ungestört Feuerwerke zünden. Das wirkte sich auch auf die Bilanz der Feuerwehr aus. Sie musste am Jahreswechsel 2019/20 öfter ausrücken als im Jahr zuvor. 617 Brände waren zu löschen, 2028/19 waren es 432 Brände.

Berlin im Dezember das trockenste aller Bundesländer

Zugleich war die Bundeshauptstadt im Dezember mit nur 27,6 Litern Regen pro Quadratmeter das trockenste aller Bundesländer. 50,2 Liter pro Quadratmeter fallen hier sonst. Dazu stundenlanger prächtiger Sonnenschein – 46,6 Stunden waren es genau – und der kleine Frühling war da. Höhepunkt war der 18. Dezember, an dem es 12 Grad waren. Knapp so warm waren der 8. mit 11,4 Grad, der 20. mit 10,6 Grad, der 21. mit 10,3 Grad.

Das bemerkten auch die Vögel. Sie begannen ihr Lied in der letzten Dekade des Monats bereits morgens um sieben und somit noch im Dunklen. Derk Ehlert: „Die sonnigen Tage erhöhten bei Amseln, Kohlmeisen und Grünfinken die Testosteron-Produktion. So zeigten sie die ersten Anzeichen territorialen Verhaltens und begannen früh zu zwitschern.“

Amseln sangen im Dezember schon frühmorgens.
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Gefahr birgt die Wärme zur falschen Jahreszeit für Eichhörnchen und Waschbären. Derk Ehlert hat beobachtet, dass sie seit einer Woche aktiv sind. Darüber ist er besorgt, denn so „kommen die Tiere nicht richtig zur Ruhe im Winterschlaf, schalten nicht in den Energiesparmodus, verbrauchen vorzeitig ihr Fettpolster. Der Energieverbrauch ist bei solchen Aktivitäten zur falschen Zeit deutlich höher.“ Geschwächt durch ein zu geringes Gewicht ist ihre Gesundheit im Frühling zu labil, ein früher Tod droht.

Neun der zehn heißesten Jahre zwischen 2010 und 2019

Düstere traurige Aussichten. „Der Klimawandel ist auf der Überholspur“, sagt Andreas Friedrich vom DWD. Neun der zehn heißesten Jahre in Deutschland seien zwischen 2010 und 2019 verzeichnet worden. „Das ist kein Zufall.“

Deutschlandweit lag die Mitteltemperatur für 2019 bei 10,2 Grad. Damit dürfte es wohl das drittwärmste Jahr seit 1881 sein. Es war zu trocken, zu warm und deutlich sonniger als üblich. Insbesondere Ende Juli gab es vielerorts extreme Hitze. Weltweit ist 2019 das zweitwärmste Jahr. (mit dpa)