Wir haben gesagt: Ach komm, da machen wir mit. Es war eine Möglichkeit, spielerisch auszuprobieren, worüber wir ohnehin öfter nachdenken“, sagt Michael Windfuhr. Der 1961 geborene Politikwissenschaftler, Mitarbeiter eines Forschungsinstituts, wohnt mit Frau, drei Töchtern und einem Dackel in einem kleinen Haus mit Garten in Zehlendorf. Mit dem spielerischen Ausprobieren meint er die Teilnahme der Familie an einem der interessantesten Projekte Berlins. Die Windfuhrs gehören zu den hundert Berliner Haushalten, die ein Jahr lang am Projekt „Klimaneutral leben in Berlin“ (KliB) mitgewirkt haben, betreut von Forschern des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK).

Auch einzelne Haushalte und Familien können einen Beitrag zum Klimaschutz leisten 

Die Windfuhrs hatten bereits recht umweltbewusst gelebt. „Aber nun kamen wir unter anderem an viel mehr Informationen heran“, sagt Simone Windfuhr, „etwa darüber, was der Fleischkonsum für die Umwelt wirklich bedeutet oder was es heißt, eine Jeans zu kaufen. Man kann anders entscheiden und lebt dadurch einfach bewusster.“ Oft überlegten Simone und Michael Windfuhr mit ihren drei Töchtern gemeinsam, wo man etwas ändern könnte, und wie sich der eigene Lebensstil auf die Umwelt auswirkt. Die Töchter sind 17, zwölf und fast sieben Jahre alt.

„Haushalte können durch einen klimafreundlicheren Lebensstil einen enormen Beitrag zum Klimaschutz leisten“, sagte der Soziologie-Professor und PIK-Projektleiter Fritz Reusswig, als das KliB-Projekt Ende 2017 startete. „Vorreiter-Haushalte“ sollten zeigen, wie man klimafreundlicher leben könne. Ziel war es, den CO2 -Fußabdruck jedes Teilnehmers innerhalb eines Jahres um rund 40 Prozent zu verkleinern. Beim Start ins KliB-Projekt mussten alle Teilnehmer ihren Fußabdruck analysieren. „Wir kamen auf einen Anteil von 6,4 Tonnen pro Person“, sagt Michael Windfuhr. Zum Vergleich: Im Bundesdurchschnitt sind es 11,6 Tonnen. Die Familie nutzte bereits Ökostrom. Ihr kleines Haus mit 108 Quadratmetern für fünf Personen benötigte nicht viel Heizungs-Energie. Ihr Auto nutzte die Familie nur selten.

Der CO-Anteil der Familie Windfuhr liegt bei weniger als der Hälfte vom Bundesdurchschnitt 

Für das Projekt verwendete die Familie einen vom PIK entwickelten „Carbon Tracker“, einen Klimarechner für Computer und Smartphones. Ins Programm wurden Standardwerte eingegeben: Heizung, Strom, Art der Verkehrsmittel. Daraus berechnete sich der CO2 -Fußabdruck. Der Wert für die Lebensmittel-Einkäufe wurde danach ermittelt, was die Familie vorrangig verzehrte. Hinzu kamen wöchentlich abgerechnete Konsum-Ausgaben, für Kleidung, Möbel und anderes. Auch die mit dem Auto zurückgelegten Kilometer und die Reisen wurden erfasst.

Innerhalb eines Jahres schaffte es die Familie Windfuhr, auf 4,8 Tonnen pro Person herunterzukommen, also auf weniger als die Hälfte des bundesweit durchschnittlichen CO2 -Anteils. „Wir haben viel gelernt“, sagt Michael Windfuhr. Als die Berliner Zeitung die Familie besuchte, stand Michael Windfuhr zum Beispiel gerade im Garten und schmirgelte die alten Gartenstühle mit der Schleifmaschine ab. „Eigentlich wollten wir neue kaufen, aber dann entschieden wir, sie zu behalten und aufzumotzen“, sagt er. Immerhin trägt der Kauf von Konsumgütern – so wichtig er für Industrie und Handel ist – mit 4,42 Tonnen jährlich zum CO2 -Fußabdruck bei.

Die Familie nutzte den öffentlichen Nahverkehr und kaufte Bio-Produkte

Auf dem Foto steht Michael Windfuhr übrigens allein, weil die Frau und die Töchter nicht mit aufs Bild wollten. Auch auf Anfragen vom Fernsehen und anderen ging die Familie nicht ein. Sie wollte beides verbinden: ihre Ökobilanz verbessern und zugleich normal weiterleben. Dennoch ist es ihr wichtig, Botschaften zu vermitteln. „Mein Fazit aus dem Jahr ist, dass man auf viel mehr verzichten kann als man eigentlich denkt, und das auch ohne große Schwierigkeiten“, sagt Simone Windfuhr. „Doch wenn man das Wort Verzicht benutzt, schrecken viele Leute gleich auf und sagen: Wieso denn? Das schränkt mich doch in meiner Freiheit ein! Aber ich finde das Verzichten gar nicht schlimm.“ Zum einen könne man auch sehr schöne Reisen machen, ohne zu fliegen, und tolles Essen ohne Fleisch kochen. „Zum anderen ist es effektiv nötig, dass wir aus Gründen des Klimaschutzes auch bestimmte Verbrauchs- und Mobilitätsgewohnheiten einschränken.“

„In der Gesamtbilanz sind sicherlich wichtige Hebel der Ökostrom und Fahrten mit dem öffentlichen Nahverkehr“, sagt Michael Windfuhr. Die Kinder fahren mit dem Fahrrad zur Schule. Zur Arbeit und zum Einkaufen werden Bahn und Bus genutzt. Die Familie kauft Bioprodukte auf dem Wochenmarkt, vor allem das, was saisonal und regional wächst und nicht aus fernen Ländern importiert werden muss. „Die Kinder haben sich jetzt wieder wahnsinnig auf Äpfel gefreut“, sagt Simone Windfuhr. „Wir haben die letzten Monate keine mehr gegessen. Jetzt gibt es wieder welche. Es ist doch auch schön, sich auf Dinge freuen zu können und sie nicht als selbstverständlich zu nehmen.“ Die Wurst zum Abendbrot wurde ganz abgeschafft. „Man findet auch tolle Alternativen, etwa leckere Brotaufstriche“, sagt Michael Windfuhr. Generell isst die Familie weniger Fleisch.

Auch engagierte Haushalte können ihren  CO-Fußabdruck nur bis zu einem gewissen Grad minimieren 

Auch nach dem Ende des Projekts versuchen die Windfuhrs, mit ihrem Lebensstil zu einer besseren Bilanz beizutragen. Sie sind aufmerksamer dafür geworden, welche Auswirkungen einzelne Entscheidungen haben. So hat 2018 ein einziger Flug der damals 16-jährigen Tochter die Klima-Bilanz der Familie deutlich verändert. Gute Freunde und die Patentante der Tochter leben in Ghana. „Dieser Flug hat für jeden von uns eine zusätzliche Tonne bedeutet“, sagt Michael Windfuhr. Flugreisen tragen übrigens mit fünf Prozent zum CO2 -Fußabdruck der Deutschen bei. Michael Windfuhr gesteht, dass er dienstlich auch fliegen müsse. Aber das sei bei KliB nicht mitgerechnet worden, sondern falle in die Bilanz des Arbeitgebers.

In der Gesamtbilanz schnitten nur wenige Haushalte des KliB-„Reallabors“ so gut ab wie die Familie Windfuhr. Ausgewählt worden waren Familien mit Kindern, Lebenspartnerschaften, Wohngemeinschaften und Singles. Im Schnitt konnten die KliB-Haushalte ihren CO2 -Fußabdruck in einem Jahr so reduzieren, dass sie am Anfang des Jahres um 35 Prozent besser dastanden als der deutsche Durchschnitt. Am besten schnitten jene Haushalte ab, die eine Energieberatung nutzten. Sie konnten tatsächlich ihren CO2 -Fußabdruck um bis zu 40 Prozent reduzieren. Die Berater monierten Dinge wie: alte Kühlschränke mit zu hohem Verbrauch, zu hoch eingestellte Heizung, undichte Fenster. Sie rieten dazu, das Sparprogramm der Waschmaschine zu nutzen, kurzzeitig stoßzulüften statt lange die Fenster aufzureißen oder LED-Lampen zu kaufen.

Aber all das hat auch seine Grenzen. „Selbst ambitionierte Haushalte können ihre Klimabilanz maximal halbieren“, sagte der PIK-Projektleiter Fritz Reusswig. „Ab einem bestimmten Punkt hilft nur noch eine andere Politik.“ Eigentlich müsste nach Aussagen Reusswigs der Anteil jedes Bürgers am CO2 -Ausstoß von 11,6 Tonnen auf etwa eine Tonne pro Jahr gesenkt werden, um den globalen Klimaschutzzielen näherzukommen. „Unvorstellbar!“, schrieb eine Teilnehmerin. „Das schaffen wir schon bei unserer Infrastruktur nicht“, sagt Michael Windfuhr. Es brauche auch politische Entscheidungen, etwa für eine andere Landwirtschaft, wirksame Hebel zur Begrenzung des industriellen CO2 -Ausstoßes und eine andere Verkehrspolitik. „Es geht alles sehr langsam angesichts der Herausforderung durch den Klimawandel.“