Bis 2050 will die Hauptstadt klimaneutral werden, ihren CO2 -Fußabdruck um 85 Prozent schrumpfen. Damit der eingeleitete Prozess gelingt und Berlin auch international den notwendigen starken Beitrag für Nachhaltigkeit und Klimaschutz leistet, müssen Politik und Wissenschaft noch enger kooperieren. Am Donnerstag treffen sich Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft, um mit Freier Universität, Humboldt-Universität, Technischer Universität und der Charité die Gründung des neuen Berliner Forschungszentrums zum Klimawandel voranzutreiben.

Klimaschutz erfordert radikales umdenken 

Zwei zentrale Fragen gibt es: Wie gestalten wir lebenswerte, klimafreundliche Städte? Und, was können Entscheidungsträger, der einzelne Bürger und Unternehmen zur schnelleren Umsetzung beitragen, wie werden sie davon betroffen sein?

Klar ist, dass die Entscheidungen des Klimakabinetts am Freitag für viele Auswirkungen in ihrem Leben haben werden. Das im Grunde jetzt fast zu spät angegangene Ziel der Klimaneutralität erfordert radikales Umdenken unserer täglichen Gewohnheiten, unserer Urlaubsplanungen, unser Geschäftsaktivitäten und im weiteren Sinne unserer Volkswirtschaft.

Berlin kann die Auswirkungen des Klimawandels mit Expertise aus der Wissenschaft angehen 

Klimaschutz erfordert, dass das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas mehr kosten wird als bislang. Weniger fossile Energie zu verbrauchen, wird belohnt werden. Gleichzeitig kann der Klimaschutz der Innovationsmotor unserer Gesellschaft schlechthin werden. Unternehmen, Wissenschaft und jeder Einzelne müssen handeln und die Chance der Klimaneutralität ergreifen, statt sie als Bedrohung zu empfinden.

Berlin hat hervorragende Voraussetzungen, um die Ursachen und Auswirkungen des globalen Klimawandels mithilfe wissenschaftlicher Expertise anzugehen. Unsere Hochschulen und außeruniversitären Institute bieten schon jetzt ein breites Kompetenzspektrum für die Gestaltung moderner Mobilitätskonzepte, eine zukunftsfähige Energieversorgung oder eine nachhaltige Wirtschaft. Damit können wir unseren öffentlichen Personennahverkehr effizienter machen, für Pendler attraktiv gestalten, die Gewinnung erneuerbarer Energien optimieren, alternative Antriebsformen weiterentwickeln und den Fahrradverkehr sicherer machen. Von der autogerechten zur mobilitätsgerechten Stadt muss das Motto sein.

Berlin und die umliegende Region müssen zum Reallabor für Klimaschutz werden 

Unsere Forscherinnen und Forscher stellen sich auch Fragen wie: Welche Maßnahmen müssen wir ergreifen, um Stürmen und Starkregen standzuhalten? Wie muss eine moderne Stadtentwicklung angesichts von Hitzewellen und drohender Wasserknappheit aussehen? Die Klimaveränderungen machen nicht an den Stadtgrenzen halt. Zunehmende Waldbrandgefahr, Ernteausfälle und die Folgen des Kohleabbaus in Brandenburg haben direkte Auswirkungen auch auf Berlin.

Unsere gesamte Metropolregion muss sich daher als Reallabor für den Klimaschutz und für den Umgang mit dem Klimawandel begreifen, von dem wesentliche Impulse und Innovationen ausgehen. Die Erkenntnisse aus der Forschung müssen noch stärker und schneller Eingang finden in die politischen Gestaltungsprozesse. Wissenschaftlicher Sachverstand muss gezielt und systematisch zur Bewältigung konkreter Herausforderungen herangezogen werden, von der Bezirksebene, über den Senat, bis hin zur Bundesregierung. Das entstehende Forschungszentrum bietet hierfür eine große Chance. Es hat das Potenzial, die Klimaforschung in unserer Region auf ein neues Level zu heben und zu einer zentralen Ansprechpartnerin für Politik und Gesellschaft zu werden. Das bundesweit einmalige Vorhaben bündelt dafür die Expertise von drei Exzellenzuniversitäten und ihrer exzellenten Universitätsmedizin, und es wird auch für weitere Partnereinrichtungen offen sein.

Eine Einheit beschäftigt sich mit dem Dialog von Politik, Wissenschaft und Gesellschaft 

Schon bei der Entwicklung von Forschungsfragen sollen relevante Akteure involviert werden. Mit den Forschenden sitzen „Fridays for Future“, Verwaltung, Unternehmen und Start-ups an einem Tisch. Das Klimazentrum sieht sich auch dem Auftrag verpflichtet, die wissenschaftlichen Erkenntnisse schnell in die Gesellschaft zu transferieren und dort zur Anwendung zu bringen.

Eine eigene Einheit soll sich dem strategischen Dialog mit der Zivilgesellschaft, der Wissenschaftskommunikation und Politikberatung widmen. Dass für diese Zielsetzung auch die Kapazitäten des Berliner CityLabs am Flughafen Tempelhof genutzt werden sollen, liegt auf der Hand. Mit dem derzeit in den Haushaltsberatungen diskutierten neuen Förderprogramm „Wissen für Berlin“, mit dem der Senat explizit Forschungsprojekte für konkrete Bedarfe der Stadt direkt fördern will, können diese Prozesse künftig unterstützt werden.

Berlin muss Vorreiterin für den Klimaschutz sein 

Natürlich muss der Wissenschaftsstandort auch einen eigenen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Allein die elf staatlichen Hochschulen und die Charité haben eine Nutzfläche von 256 Fußballfeldern, ihr Verbrauch an Energie und Wärme entspricht dem mehrerer Kleinstädte. Sie haben sich verpflichtet, ihren Energieverbrauch und die CO2 -Emmissionen zu senken, und sie setzen dieses Versprechen mit einer Reihe von Maßnahmen um. Der gleiche Anspruch muss natürlich auch für die über 70 außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Berlin gelten. Wenn das energieintensive Helmholtz-Zentrum Berlin auf 100 Prozent Ökostrom umsteigt, die Technische Universität Berlin mit 1000 Maßnahmen ihren Campus ökologisch umgestalten will, und am Zukunftsort Adlershof ein bundesweit einmaliges Energiekonzept für das Wohn-, Technologie- und Wissenschaftsquartier erprobt wird, dann zeigt sich, dass die Wissenschaft das Ziel einer klimaneutralen Stadt auch in der eigenen Praxis tatkräftig unterstützt. Dafür sind auch eine Weiterentwicklung der umfangreichen Investitionen für Bau und Sanierung in der Wissenschaft sowie verstärkt klimaschutzgerechte Bauvorschriften im Land notwendig.

Unsere Hochschulen erfüllen nicht zuletzt eine wichtige Aufgabe in der Ausbildung junger Menschen. Wie wichtig diese Rolle für den gesellschaftlichen Wandel ist, zeigt prominent die „Fridays for Future“-Bewegung. Es ein Jahr her, dass eine Schülerin vor das Parlamentsgebäude in Stockholm trat und mit ihrem Klimastreik eine weltweite Bewegung auslöste. Auch in Berlin fordern in diesen Tagen viele engagierte Menschen Antworten auf die Klimakrise. Denn auf Berlin kommt es an. Die Stadt muss eine Vorreiterin für den Klimaschutz sein und deutlich zeigen, wie man die Wende hin zu einer klimaneutralen Metropole schaffen kann.