Weltweit gehen die Menschen am Freitag kommender Woche auf die Straße. Die Fridays-for-Future-Bewegung will nach eigenen Angaben den größten Klimastreik aller Zeiten auf die Beine stellen - auch in Berlin. Schüler werden sich beteiligen, Eltern, ganze Firmen haben ihre Teilnahme zugesagt. Schulfrei gibt es für die Berliner Schüler zum Klimastreik allerdings nicht - anders als beispielsweise in New York, wo an diesem Tag eine Ausnahmeregelung gilt.

Auch die Bildungspolitiker der rot-rot-grünen Regierungsfraktionen in Berlin rufen zur Unterstützung auf. Entsprechend lautet das Motto für den 20. September: „Alle fürs Klima“. Die Demo soll durchs Regierungsviertel ziehen – genau dann, wenn das Klimakabinett der Großen Koalition seine Ideen vorstellt, wie die Klimaziele doch erreicht werden sollen.

„Ich habe das Gefühl, dass es dieses Mal groß wird, sehr groß sogar“, sagt Holger Michel. Der 39-jährige Kommunikationsberater unterstützt die „Fridays“ mit anderen Erwachsenen ehrenamtlich bei logistischen Fragen und der Organisation. Er erzählt, dass er in seinem Umfeld und in vielen Firmen hört: Wir gehen auch nicht zur Arbeit, sondern zum Klima-Streik. Die Schüler sind also längst nicht mehr allein.

Fridays for Future: „Am 20. September sind alle aufgefordert, sich dem Streik anzuschließen“

Hatte FDP-Chef Christian Lindner im Frühjahr noch gespottet, dass man von Kindern und Jugendlichen nicht erwarten könne, alle globalen Zusammenhänge zu sehen und dass die Klimadebatte „eine Sache für Profis“ sei, so sind nun tatsächlich auch die Profis dabei.

„Am 20. September sind alle aufgefordert, sich dem Streik anzuschließen“, heiß es etwa auf der Internetseite des Bündnisses „Entrepreneurs für Future“, zu dem sich mehr als 2.800 Unternehmer aus allen Branchen zusammengeschlossen haben. Ein Netzwerk, das nach eigenen Angaben aktuell für mehr als 180.000 Arbeitsplätze und einen Gesamtumsatz von mehr als 30 Milliarden Euro steht.

Einer davon ist Jan Bredack, Chef und Gründer des Berliner Unternehmens Veganz. „Es wird so viel geredet, wir müssen endlich mal machen“, sagt er. Am 20. September werden die drei Filialen geschlossen bleiben und auch in der Zentrale des Anbieters veganer Lebensmittel. Die etwa 100 Mitarbeiter wollen an der Demo teilnehmen. Auch das 190 Mitarbeiter zählende Kreativkaufhaus Modulor wird geschlossen bleiben. „Wir sind bereit, wirtschaftliche Einbußen für den Klimaschutz in Kauf zu nehmen“, sagt Modulor-Chef Christof Struhk.

Fridays for Future: Bewegung bekommt eine neue Dimension

Darüber hinaus haben sich Ende August in Berlin 118 deutsche Digitalunternehmen zu dem Bündnis „Leaders for Climate Action“ formiert, dessen Unterzeichnerliste dem Who’s who der deutschen Gründerszene entspricht. Ableton-Chef Gerhard Behles ist ebenso dabei wie Zalando-Vorstand Rubin Ritter oder Jochen Engert von Flixbus. Sie alle fordern die Einführung einer „lenkungswirksamen CO2 -Bepreisung“ in Deutschland sowie den schnellen Ausbau erneuerbaren Energien auf 100 Prozent. Dafür brauche es eine „Mondlandungs-Projekt-Mentalität“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung.

Und natürlich werden viele Mitarbeiter dieser Unternehmen auch selbst am nächsten Freitag in Berlin an der Demonstration für mehr Klimaschutz teilnehmen. Das Online-Möbelkaufhaus Home24 etwa, das in seiner Zentrale an der Greifswalder Straße rund 700 Mitarbeiter beschäftigt, wird voraussichtlich sehr zahlreich vertreten sein. „Wir ermutigen wir jeden Mitarbeiter, der möchte, an dem Streik im Rahmen einer erweiterten Mittagspause teilzunehmen“, sagte Unternehmenssprecherin Viktoria Solms. Allerdings müsse der jeweilige Kollege seine Abwesenheit mit dem Vorgesetzten abstimmen. Die Home24-Vorstände Christoph Cordes und Johannes Schaback würden aber in jedem Fall dabei sein.

Auch die rund 75 Beschäftigten des Photovoltaik-Start-ups Zolar aus Mitte werden am Freitagmittag nur in Ausnahmefällen im Büro sitzen. Kunden wüssten bereits seit Tagen, dass „wir am Freitag den 20. September 2019 für unsere Umwelt auf die Straße gehen“, heißt es im Unternehmen. „Wir rufen alle Unternehmen dazu auf, unserem Beispiel zu folgen und das Motto “Wirtschaft für #mehrKlimaschutz” zu unterstützen.“

Mit dieser Ausstrahlung der Schülerproteste in die Wirtschaft bekommt die Bewegung eine neue Dimension. Denn nun geht es nicht mehr nur um Forderungen von Kindern und Jugendlichen, sondern um teilweise auch handfeste Selbstverpflichtungen von Unternehmen.

Zudem gibt es noch reichlich andere Erwachsenengruppen, die die Schüler-Bewegung unterstützen: Eltern, Wissenschaftler, Architekten, Pädagogen for Future. „Das sind alles Gruppen, die keine eigenen inhaltlichen Forderungen aufstellen, sondern den Protest der Schüler unterstützen wollen“, sagt Holger Michel, der die Gruppen in einem Netzwerk zusammengeführt hat.

Fridays for Future: NGOs haben sich zusammengeschlossen um finanziell zu helfen

Diese Ansprechpartner seien wichtig. Da werden zum Beispiel die „Pädagogen for Future“ kontaktiert. Denn es gibt auch Lehrer, die den Schülerprotest ablehnen. Die sollen dann gebeten werden, keine Klausuren auf den Freitag zu legen.

Außerdem kosten solche Demos viel Geld. Inzwischen haben sich auch NGOs zusammengeschlossen, um zum Beispiel den Druck von Tausenden Plakaten zu bezahlen. „Oder es geht um die technische Infrastruktur“, erzählt Michel. „Anfangs brauchten die Fridays bei ihren Demos nur ein Megafon. Aber das reicht nicht bei vielen Tausend Leuten.“ Nun sorgen Gruppen von Erwachsenen dafür, dass es Bühnen und Lautsprecher gibt. „So etwas können 16-Jährige nicht bezahlen.“

Klimastreik am 20.9.2019 in Berlin: Veranstalter haben 10.000 Teilnehmer angemeldet

Bei der Berliner Polizei heißt es: Die Veranstalter haben 10.000 Teilnehmer angemeldet. „Die Polizei wird mit mehreren Hundert Beamten im Einsatz sein“, sagte eine Sprecherin. Über Einsatzdetails gibt die Polizei im Vorfeld prinzipiell keine Auskunft. Außerdem sei die Einsatzplanung noch nicht abgeschlossen, hieß es. Man gehe von einem friedlichen Verlauf aus.

Dass mitunter auch sehr viel mehr Demonstranten kommen, als angemeldet wurden, zeigte sich auch im vergangenen Herbst bei der Unteilbar-Demo für „Solidarität statt Ausgrenzung“. Dort waren 40.000 Leute ankündigt, hinterher meldeten die Veranstalter 240.000.

Während des Klimastreiks in Berlin will die Umweltbewegung Extinction Rebellion strategisch wichtige Punkte in der Hauptstadt blockieren. Geplant seien friedliche und kreative Aktionen unter dem Motto „Ungehorsam für alle“, erklärte die Gruppe am Montag. Ziel sei es, die eskalierende globale Klimakatastrophe und das Massenaussterben von immer mehr Arten in den Fokus zu rücken sowie den Druck auf die Regierung zu erhöhen.

Übrigens: Wer mit dem Flixbus zu einer der anstehenden Klimademos fährt, bekommt dafür eine Freifahrt. Wie der Fernbusanbieter am Montag mitteilte, beteiligt sich das Unternehmen an den geplanten Klimastreiks am 20. und 27. September.