„Die Algen sind ein Geschenk des Ozeans an die Frauen“: Mwanaisha Makame (links) bei der Algenernte.
Foto: Sam Vox

BerlinMorgens um neun geht Mwanaisha Makame ins Meer. Sie tritt aus ihrer Steinhütte auf die sandige Dorfstraße, wo Wellblechdächer und Kokospalmen letzte Schatten spenden. „Geh, bring mir die Leinen“, ruft sie einem Mädchen zu, das schweigend Folge leistet. Makame knotet ihr rotes Kopftuch vor der Stirn zusammen, hebt ein Bündel spitzer Holzpfähle darauf und balanciert es auf dem Kopf zum Strand. Hinter ihr sind bald auch die anderen Frauen aus Paje, ihrem Dorf an der Ostküste Sansibars. In bunten Gewändern waten sie einen halben Kilometer in die türkise Lagune, wo sie die Spinosum-Alge züchten. Ein Business gegen jede Wahrscheinlichkeit.

„Die Algen sind ein Geschenk des Ozeans an die Frauen“, sagt Makame. „Sie haben uns stark gemacht.“ Im flachen Wasser treibt die 48-Jährige die Pfähle in den Sand, dazwischen spannt sie Leinen mit fingerlangen Ablegern der glitschigen Pflanze. Makame erlernte die Arbeit auf den Wasserfeldern schon als Mädchen von ihrer Großmutter – zu einer Zeit, als Frauen eigentlich zuhause bleiben sollten. Sansibar, 1,3 Millionen Einwohner, besteht aus zwei halbautonomen, vorwiegend muslimischen Inseln vor der Küste Tansanias. Geldverdienen war hier immer Männersache.

Grafik: BLZ/Galanty

In den 80er-Jahren kam der Algenanbau von Südostasien nach Tansania. Die Rotalgenarten Eucheuma denticulatum und Kappaphycus alvarezii, die kommerziell Spinosum und Cottonii genannt werden, enthalten besonders viel Carrageen. Das Bindemittel wird weltweit zur Herstellung von Lebensmitteln, Medikamenten und Kosmetika genutzt. Es hält Eiscreme und Zahnpasta geschmeidig. Jährlich macht die Industrie mit verarbeiteten Algen mehr als 6,5 Milliarden Euro Umsatz.

„Am Anfang gingen die Frauen auf die Algenfelder, um ihren Männern zu helfen“, erinnert sich Mwanaisha Makame. Doch der Lohn der harten Arbeit war wenig mehr als ein Taschengeld. Die Männer gingen bald wieder fischen. Makames Großmutter und deren Freundinnen jedoch machten weiter. Sie brachten den Mädchen den Anbau der Rotalgen bei. Heute bestreiten 21.000 Frauen in Sansibar damit ihren Lebensunterhalt. Das „rote Gold“, wie man die Rotalgen nennt, macht ein Viertel des sansibarischen Bruttosozialprodukts aus.

Dreißig Eurocent für ein Kilo Spinosum und sechzig für ein Kilo Cottonii: Die Frauen von Paje mussten bald nicht mehr ihre Ehemänner fragen, wenn sie Geld für ein Stück Seife oder ein Kleid brauchten. Zwar raunte so mancher, dies sei das Ende der guten Sitten. Doch alle profitierten: Die Frauen gaben ihr Geld für Schulgebühren und Arztbesuche aus oder konnten die Blätterdächer ihrer Hütten durch Wellblech ersetzen. Ihr kleines Einkommen schien sicher wie der Wechsel der Gezeiten – bis ihnen das Meer allmählich unheimlich wurde.

Über die Jahre waren die Fluten immer näher an das Dorf herangekommen. Das Wasser war wärmer geworden, die Wellen stärker. Und als Folge der Überdüngung des Ozeans durch ungeklärte Abwässer aus der Landwirtschaft war die Oberfläche manchmal so übersät von der giftigen Grünen Spanalge, dass die Frauen mit rotem Ausschlag und geschwollenen Augen von den Feldern kamen.

„Vor zehn Jahren bemerkten wir, dass unsere Pflanzen langsamer wuchsen oder abstarben“, sagt Makame. Nahe des Strandes, vor dem weiße Kitesurfer johlend ihre Bahnen ziehen, schöpft sie eine dahintreibende Spinosum aus dem Wasser. Die sonst grünen, knubbeligen Zweige sind nach innen hin weiß angelaufen, wie schockgefroren. In Trockenzeiten, nach besonders heißen Tagen, kommt diese Krankheit über die Pflanzen, lässt sie brüchig werden und faulen. Lange konnten sich die Frauen das nicht erklären.

Dann kam Flower Ezekiel Msuya in ihr Dorf und erzählte vom Klimawandel.

Die Meeresbiologin, die sie Dr. Flower nennen und die von der Universität Daressalam kommt, hat die Rotalgen an den Küsten Sansibars über zwei Jahrzehnte hinweg erforscht. Während ihrer Studien lebte sie mit den Algenfarmerinnen zusammen, arbeitete in ihren Feldern. „In den Neunzigern haben wir dort Wassertemperaturen von höchstens 31 Grad Celsius gemessen“, erklärt sie. „Heute sind es schon bis zu 37 Grad.“

Die Rotalgen stünden durch die Erwärmung unter Stress und produzierten eine feuchte organische Substanz, die Bakterien anziehe. Daher die weißen Verfärbungen und die faulen Stellen. Ice Ice nennen sie die Plage hier. Hinzu käme die zunehmende Erosion der Küste, durch welche Schad- und Nährstoffe vom Land in den Ozean gelangen. Das Ökosystem sei aus dem Gleichgewicht geraten. „Damit ist auch der soziale Status der Frauen in Gefahr“, sagt Flower Msuya.

2012 exportierte Sansibar noch mehr als 15.000 Tonnen getrocknete Algen. 2013 brach die Produktion auf rund 11.000 Tonnen ein. Neben Ice Ice waren viele Pflanzen auch von einem Epiphyt befallen, einer sogenannten Aufsitzerpflanze, welche die Textur der Algen verändert und die Ernte wertlos macht.

Die Geschichte scheint wie ein Lehrstück dafür, welch große soziale Folgen oft bereits geringe lokale Klimaveränderungen haben können. Bereits 2006 gründete Flower Msuya das Netzwerk Seaweed Cluster, um die Bäuerinnen mit Wissenschaftlern, NGOs und Regierungsvertretern zu verbinden.

Studien zeigen, dass die Algen bei niedrigeren Temperaturen besser wachsen, etwa in der Regensaison oder im Schatten von Mangrovenwäldern. Also riet Msuya den Frauen in Paje und anderswo, mit ihren Pflanzen etwas weiter raus zu ziehen, dorthin, wo das Wasser tiefer und kühler wird. Und sie ermutigte Kooperativen der Farmerinnen, einen Teil der Ernte selbst zu verarbeiten: „Wieso sollten sie Algen nur für andere Länder anbauen, wenn sie selbst an den Produkten verdienen könnten?“ Allein durch das Mahlen der Spinosum zu Pulver steigt der Kilopreis je nach Marktlage etwa um das bis zu Zwanzigfache – auf rund sechs Euro.

Mwanaisha Makame und die anderen Farmerinnen ziehen Leinen mit kopfkissengroßen Algen aus dem Wasser. Jetzt, nach sechs Wochen, ist der Carrageengehalt am höchsten. Die Frauen kappen die Pflanzen von den Leinen und stopfen sie in Säcke, die sie auf ihren Köpfen zurück ins Dorf tragen. Dann legen sie die Ernte vor ihrer ersten kleinen Fabrik zum Trocknen aus.

Makame tritt in den Produktionsraum, in dem drei große blaue Maschinen aus einem vergangenen Zeitalter stehen – zum Mahlen in zwei Feinheitsgraden und zum Verrühren großer Massen. „Nach drei Tagen waschen wir die Algen mit Süßwasser aus und lassen sie noch einmal zwei Tage trocknen“, sagt sie. „Dann machen wir Pulver daraus.“ Mittlerweile stellen die Frauen aus Spinosum und verschiedenen Gewürzen auch Seife, Lotionen und Shampoos her – in der Produktionshütte liegt ein Duft von Nelke, Limette und Eukalyptus. 

Als nächstes wollen die Frauen aus Paje schwimmen lernen. Denn sie wissen: Die Zukunft ihrer Algenfelder liegt in zwei bis sechs Meter Tiefe. Dort wollen sie das hochwertige Cottonii anbauen.

In Muungoni, einem Dorf an der Westküste der sansibarischen Südinsel, hat das Seaweed Cluster bereits begonnen, Farmerinnen für den Anbau im tiefen, kühleren Wasser auszubilden. Koordinator Rajab Ameir, 54, macht sich mit der jungen Meeresbiologin Mondy Muhando auf den Weg zu diesem Pilotprojekt. Sie fahren von der sansibarischen Hauptstadt Stone Town in Richtung Süden. Die Straße führt die beiden durch sattgrüne Wälder aus Bananenstauden, Papayabäumen und Kokospalmen. Dazwischen stehen Hütten, in deren Schatten Menschen ruhen. Ameir singt von Country Roads in Westvirginia.

Mondy Muhando ist zum ersten Mal mit dem Seaweed Cluster unterwegs und möchte die neue Anbaumethode kennenlernen. In ihrer akademischen Ausbildung befindet sie sich irgendwo im Vakuum zwischen Master- und möglicher Doktorarbeit. Nach zwei Semestern am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen kehrte die 27-Jährige in ihre Heimat zurück. 

In den Algenfeldern, die bisher vor allem ältere Frauen bewirtschaften, sieht sie großes Potenzial. Schließlich brauche es nicht viel Geld, um eine Zucht aufzubauen. „Ich will meine Generation dazu bewegen, in das Algenbusiness einzusteigen, anstatt zuhause zu sitzen und vergeblich auf eine Festanstellung zu warten“, sagt Muhando. 

Das Seaweed Cluster steht aktuell mit 3500 der insgesamt 21.000 Algenfarmerinnen in Kontakt. „Unsere Mission ist, möglichst alle Frauen zu erreichen und aufzuwecken, damit sie sich dem Klimawandel anpassen können“, sagt Koordinator Rajab Ameir. Ein Wettlauf gegen die Zeit. Eine Alternative zum Algenanbau gäbe es vielerorts  gar nicht, weil sich der sandige Felsgrund an Land nicht für Ackerbau eigne. In diesen Gegenden seien die Menschen früher oft abgemagert gewesen, angewiesen auf Hilfsgüter von der Regierung. Ameir sagt: „Die Algen sind für unzählige Familien ein Ausweg aus der Armut geworden.“

Am Ende einer staubigen Landstraße im Süden der Insel geben Bäume den Blick auf die Pete Inlet Bucht frei: Fischerboote liegen vor Anker, Frauen stehen hüfthoch im flachen Wasser, richten Pfähle und binden nach alter Methode Algenableger an Leinen. Männer hauen neue Stufen in die Klippen, um den Abtransport der Ernte zu erleichtern. Auch hier, in Muungoni, werden die Rotalgen im flachen Wasser immer öfter krank.  Dann brachte Dr. Flower den Bewohnern eine neue Technik, wie Prometheus das Feuer.

Sieben Frauen aus dem Dorf besteigen das weiße Motorboot, das ihnen das Seaweed Cluster für den Modellversuch übergab. Am Bug steht in Suaheli: Watapata Tabu Sana. Frei übersetzt: Sie werden großen Ärger kriegen. „Das ist ein Signal an alle, die jetzt neidisch auf uns sind“, sagt die Farmerin Zakia Abdallah und lacht. „Wir werden uns durch nichts und niemanden aufhalten lassen!“ Mit an Bord nehmen sie Netze, ein stabiles Plastikrohr – und den Fischer Mohammed, den sie den Bullen nennen, weil er wie einer arbeitet. Er wirft den Motor an, gemeinsam fahren sie hinaus aufs Meer.

Im tiefen Wasser kommen Sansibars Algenfarmerinnen noch nicht ohne die Männer aus. Alle Fischer sind Männer, sie besitzen die Boote und können sie steuern. Außerdem hat fast keine der Frauen gelernt, zu schwimmen oder zu tauchen. Die Regierung und NGOs haben bereits mit ersten Trainings begonnen. Eine gigantische Herausforderung: Im Schnitt sind die Schwimmschülerinnen immerhin 46 Jahre alt.

Dort, wo Plastikflaschen als Bojen auf dem Wasser treiben, stoppt der Bulle das Boot. Zakia wirft den Anker. Mit Taucherbrille springt der Mann ins Wasser, um einen großen Busch Cottonii hervorzuholen. Die Frauen brechen daraus kleine Äste als Ableger und bereiten sie für den Anbau vor: Nach einer Minute haben sie mit Hilfe eines Plastikrohrs ein gutes Dutzend kleiner Cottonii in einem Schlauch aus grobmaschigem Fischernetz aufgereiht und werfen sie über Bord zu Mohammed, dem Bullen.

Würden sie die Algen wie im flachen Wasser einfach an Leinen knoten, würden sie hier, in der stärkeren Strömung der Tiefe, abbrechen und davontreiben. Die Netzschläuche werden zwischen schweren Steinen am Meeresgrund und an der Oberfläche treibenden Flaschenbojen befestigt. Die Tubular Net Method hat Dr. Flower, die wissenschaftliche Schutzpatronin der Frauen, in Brasilien gelernt und mit einer indonesischen Professorin an die hiesigen Gegebenheiten angepasst. 

„Mit dem Boot zu arbeiten ist großartig“, berichtet die Farmerin Zakia Abdallah den beiden Beobachtern vom Seaweed Cluster, die im Kanu neben ihr hertreiben. Es ginge für sie schneller und leichter als im flachen Wasser, wo Wellen und Stürme oft die Felder verwüsten und die Pflanzen von den Leinen reißen. Außerdem gedeihe das hochwertige Cottonii in der sechswöchigen Wachstumszeit deutlich besser: „Die Algen werden hier draußen etwa doppelt so groß“. Allerdings brüte der Kaninchenfisch allzu gerne in den Netzen und ernähre sich auch von den Pflanzen. Immerhin, bei der Algenernte fangen sie jetzt auch Fische. Und tatsächlich, das könnte die nächste große Innovation auf den Algenfarmen sein: Die Nutzung verschiedener Arten am selben Ort. „Ko-Kultur“ nennt man das.

Auf den Feldern von Algenfarmerinnen im Südwesten Sansibars hat die Meeresbiologin Mondy Muhando die Ko-Kultur einer Algenart mit Seegurken erforscht. Seegurken und Algen bilden eine Art Nährstoffkreislauf. Und weil Seegurken in China als Delikatesse gelten, könnten die Frauen in Zukunft nicht nur mehr Algen ernten, sondern auch ein weiteres Produkt verkaufen. „Die Algenfarmen zeigen uns, dass es möglich ist, mit dem Ozean Geld zu verdienen und gleichzeitig seine Schönheit zu bewahren“, sagt Mondy Muhando.

Die Mittagssonne brennt auf das kleine Dorf Paje. Die Algenfarmerinnen versammeln sich in ihrer Produktionshütte und schneiden Bananenblätter zurecht, in die sie später ihre Seife wickeln. Mwanaisha Makabe und ihre Freundin Sihaba Mustafa schütten Zutaten in den Bauch der Rührmaschine: Spinosum-Pulver, Natriumcarbonat, Kokosöl, Silikat, Zitronengras. Jetzt, wo das Business mit den Algen höhere Gewinne abwerfe, so erzählen sie, werde es natürlich auch für Männer wieder attraktiver. Dass die mit einsteigen, wollen die beiden aber nicht. „Schließlich mussten wir lange kämpfen, bis wir uns das alles hier aufgebaut hatten.“ Deshalb kommen ihre Enkeltöchter jetzt immer öfter mit auf die Unterwasserfelder.