Alle reden vom Klimawandel. Überall lesen wir vom Klimawandel. Die Erderhitzung ist, kann man sagen, ein hot topic. Und trotzdem steigen viele von uns zur Urlaubszeit weiterhin in den Flieger. Spulen ihr tägliches Pensum Pendlerkilometer im Auto runter. Gönnen sich gern ein Rindersteak. Als ob nix wär.

So ähnlich ging es auch David Nelles und Christian Serrer, zwei Wirtschaftsstudenten aus Friedrichshafen am Bodensee, beide Anfang 20. Eines Mittags in der Mensa sprachen sie mal wieder über den Klimawandel, den omnipräsenten. Und stellten fest: Trotz seiner Allgegenwärtigkeit konnten sie nicht sagen, was wie genau zur Erderhitzung beiträgt und was das für uns bedeutet. Also schrieben sie, die Ahnungslosen, darüber ein Buch. Das Buch erschien im Eigenverlag und wurde ein Bestseller.

Lieber Christian Serrer, Sie und Ihr Kommilitone David Nelles sind Anfang 20, studieren Wirtschaftswissenschaften, hatten keine Ahnung vom Klimawandel – und haben trotzdem genau darüber ein Buch geschrieben. Wie kam das?

CHRISTIAN SERRER: Eigentlich war gerade unsere Ahnungslosigkeit der Grund für das Buch. Vor zwei Jahren saßen wir in der Mensa zusammen und diskutierten über den Klimawandel. Da merkten wir, dass wir auf ganz viele Fragen keine Antworten wussten. Werden Stürme heute schon stärker? Wie viel wird uns der Klimawandel kosten? Was bedeutet er für unsere Gesundheit? Wir dachten: Kann doch nicht sein, dass das Thema in aller Munde ist – und wir trotzdem so wenig darüber wissen! Also haben wir ein Buch gesucht, das uns den Klimawandel ganz kurz und verständlich erklärt. Aber wir haben keines gefunden.

Und so beschlossen Sie, selbst eines zu schreiben?

Ja, wir dachten, das sei ein Projekt für die Semesterferien. Es wurden eineinhalb Jahre. Das Buch sollte anschaulich sein, Spaß machen. Aber wir wollten auch nichts Wichtiges vergessen oder etwas Falsches schreiben. Also kontaktierten wir immer mehr Wissenschaftler – am Ende waren mehr als hundert beteiligt. Natürlich war am Anfang der eine oder andere Experte skeptisch, was diese zwei BWLer jetzt mit dem Thema wollen. Aber als sie merkten, dass es uns damit ernst war, waren alle richtig hilfsbereit.

Das Ergebnis ist ein wissenschaftliches Bilderbuch für Erwachsene. Warum das?

Jeder von uns hat als kleines Kind gern Bilderbücher angeschaut. Und wir haben gedacht: Das wird auch im Erwachsenenalter noch funktionieren. Ich kenne das ja von mir. Wenn irgendwo Bilder sind, dann bleibt man hängen. Es macht einfach mehr Spaß, sich mit der Thematik zu befassen. Und wenn ich mir vorstelle, wie viel wir lesen mussten, bis wir dieses Thema wirklich verstanden haben, in dieser ganzen Fülle … Es ist absolut verständlich, dass nicht jeder sich ein Dreivierteljahr in diese Thematik einlesen kann, um einen Überblick zu bekommen. Deshalb haben wir eine Art Buch von Doofen für Doofe gemacht. Ein Buch von zweien, die sich selber informieren wollten, für Leute, die sich auch informieren wollen.

Innerhalb von zehn Monaten hat sich das Klimawandelbuch  120 000-mal verkauft. Es kommt nicht oft vor, dass ein Buch so einschlägt.

Wir haben uns gesagt: Wir fangen gar nicht erst klein an. Startauflage: 100 000. Preis: fünf Euro, damit wirklich jeder es sich leisten kann. Denn irgendwann während der Recherche haben wir die Ernsthaftigkeit des Themas begriffen. Und dass es ganz vielen Menschen genau so geht, wie es uns ging: Sie denken, Klima sei dasselbe wie Wetter. Zwei Grad wärmer? Prima, brauch ich schon keinen Pulli mehr! Die Tragweite des Klimawandels für unsere Gesundheit, die Landwirtschaft, die Artenvielfalt, auch für die globalen Flüchtlingsbewegungen ist den wenigsten bewusst. Oder dass die Klimaerwärmung sich ab bestimmten „Kipppunkten“ von selbst beschleunigt. Diese Tragweite des Klimawandels müsste,   ich sag mal, ein klein wenig besser kommuniziert werden. Wenn man diese Tragweite begriffen hat, macht das was mit einem.

Ein Klimawandel- als Bewusstseinswandelbuch?

Das hoffen wir. Und wir haben es an uns selbst gemerkt. Vor zwei Jahren waren wir zum Beispiel Fleischfans, haben oft sogar zweimal am Tag Fleisch gegessen. Dann fanden wir heraus, welchen Treibhausgasausstoß die Fleischproduktion verursacht. Heute essen wir immer noch Fleisch – weil es uns schmeckt, dazu stehen wir –, aber nur noch einmal pro Woche. Und ich finde nicht, dass das zu einem Verlust an Lebensqualität geführt hat. Anfangs standen wir zwar im Supermarkt vor dem ganzen Obst und Gemüse und haben uns gefragt, was man damit überhaupt anfangen kann. Aber dadurch haben wir letztlich sogar kochen gelernt. Und wenn man kochen kann, schmecken vegetarische Gerichte sogar gut.

Ein Klimawandel-Bestseller von jungen Studenten. Streikende Schüler, die die Politik auf Freitagsdemonstrationen vor sich hertreiben. Sieht aus, als könnte das Engagement der Jungen wirklich etwas bewirken.

Das ist auch nötig. Es ist schockierend, wie weit die öffentliche Diskussion über den Klimawandel oft von den wissenschaftlichen Erkenntnissen entfernt ist. Wie wenig Zeit für einen grundlegenden Wandel bleibt. Wenn ich sehe, wie drängend das Problem ist, dann löst das bei mir zwar keine Wut auf die ältere Generation aus. Aber doch eine ziemlich große Motivation, die Sache selber anzupacken. Und ich glaube, so geht es vielen in meiner Generation.

Warum taucht Ihr Buch, mit dieser Riesenauflage, eigentlich in keiner Bestseller-Liste auf?

Das Problem ist, dass der Buchpreis für ein Hardcover zu günstig ist. Das Buch müsste mindestens sieben, acht Euro kosten, ganz genau weiß ich es nicht. Mit fünf Euro jedenfalls werden wir niemals in einer Bestseller-Liste auftauchen. Aber wir geben uns Mühe, das Buch trotzdem ein klein wenig unters Volk zu bringen.

David Nelles, Christian Serrer: Kleine Gase – Große Wirkung. Der Klimawandel. KlimaWandel (www.klimawandel-buch.de), Friedrichshafen 2019. 132 Seiten, 5 Euro