Berlin - Ein Sommertag in Berlin 2050. Es sind 40 Grad, bereits die zweite Hitzewelle dieses Jahres – Beton und Asphalt scheinen zu glühen, Dachwohnungen sind wahre Brutkästen. Obdachlose sammeln sich in öffentlichen Kühlräumen, um sich vor der Hitze zu schützen. Vor allem die älteren Berliner sind besonders gefährdet, denn ihr Herz-Kreislauf-System ist bereits geschwächt. Während im Jahr 2020 noch jeder 16. Deutsche älter als 80 Jahre war, ist es im Jahr 2050 etwa jeder achte.

Insgesamt ist die Zahl der Hitzetoten in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Und auch das Dengue-Fieber grassiert 2050 erneut in der Hauptstadt. Schuld ist die Asiatische Tigermücke, die sich aufgrund der steigenden Temperaturen in den vergangenen Jahrzehnten stark verbreiten konnte. Ein Sommerurlaub in Spanien, Italien oder Portugal? Im Sommer 2050 ist das undenkbar. Und wer nach Abkühlung im See oder der Ostsee sucht, begibt sich in Gefahr: Die hohen Wassertemperaturen lassen Bakterien gedeihen, die für Mensch und Tier sogar tödlich sein können.

„Deutschland wird 2050 ein anderes Land sein – ein heißeres“

Was nach einer nicht gerade verlockenden Zukunft klingt, könnte tatsächlich Realität werden. Es sind nur einige Beispiele, die die Autoren Nick Reimer und Toralf Staud in ihrem Anfang Mai veröffentlichten Buch „Deutschland 2050 – Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird“ (Verlag: Kiepenheuer & Witsch) ansprechen.

Auf 384 Seiten skizzieren die beiden Journalisten anschaulich, wie sich ein durchschnittlicher Temperaturanstieg von rund zwei Grad – im Vergleich zum vorindustriellen Niveau – auf unser Leben auswirken wird: auf unsere Gesundheit, das Leben in der Stadt, den Urlaub, den Verkehr oder auf die Wirtschaft. „Deutschland wird 2050 ein anderes Land sein – ein heißeres“, heißt es gleich auf den ersten Seiten des Buches.

Für ihre Recherche haben die Autoren verschiedene Wissenschaftler und Forschungsinstitute besucht, unter anderem den Deutschen Wetterdienst (DWD), der dank immer schnellerer Großrechner und besserer Klimamodelle bereits ziemlich genau vorhersagen kann, wie das Klima 2050 aussehen könnte. Die ernüchternde Erkenntnis der Autoren: „Den größten Teil der Erhitzung, die wir 2050 spüren werden, haben wir längst ausgelöst.“ Bei einem strengen Klimaschutz könnte es laut der DWD-Modelle gelingen, dass die Temperaturen nach 2050 nicht weiter ansteigen werden. Ohne Klimaschutz könnte es bis 2100 allerdings einen Temperaturanstieg von bis zu sechs Grad geben.

Dass bereits ein Anstieg von zwei Grad ungemütlich werden könnte, zeigen die Autoren auf Grundlage zahlreicher wissenschaftlicher Studien und Erkenntnisse. Sie lassen nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Bewohner norddeutscher Inseln, Feuerwehrleute, Bauern, Forstwirte und Bauarbeiter zu Wort kommen. Die von den Autoren skizzierten Szenarien sind alle aus dem Leben gegriffen – genau das macht sie so realistisch. So widmen sich die beiden Autoren etwa in einem ganzen Kapitel dem Thema Tourismus. Nicht ohne Grund. Immerhin sind die Deutschen Reiseweltmeister. Viele ihrer Lieblingsziele werde der Klimawandel allerdings besonders hart treffen, erklären die Autoren.

Der Urlaub am Mittelmeer wird Mitte des Jahrhunderts wohl out sein

Teile Südspaniens werden laut Studien zur Wüste. Der Urlaub am Mittelmeer werde Mitte des Jahrhunderts nicht mehr gefragt sein. Und wie bereits zu Beginn beschrieben: Auch die Ostsee werde über die Sommermonate aufgrund der Verbreitung der Vibrio-Bakterien zur Gefahr und möglicherweise mehrere Monate gesperrt sein. Das Gleiche gelte für Seen, in denen sich die Blaualgen aufgrund der erhöhten Temperatur immer schneller ausbreiten werden. Und auch für die Skifahrer sehe die Zukunft düster aus: 2050 werde es, so die Prognosen, nur noch höchstens ein bis zwei Skigebiete in Deutschland geben: in Oberstdorf und Garmisch. 

Auch Fernreisen werden laut der Recherche der Autoren unbeliebter werden. Aufgrund des steigenden Meeresspiegels verschwänden malerische Sandstrände und Korallenriffe. Schon heute wird darüber berichtet. „Wird Ozeanwasser dauerhaft um 1,5 Grad Celsius wärmer, haben die Korallen keine Überlebenschance“, erzählt Mojib Latif, Professor am Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel den Autoren. „Tot ist tot, mit dramatischen Folgen für die Artenvielfalt und die Nahrungskette.“ Bei zwei Grad Erderwärmung, so der Weltklimarat IPCC, würden 99 Prozent der Korallen sterben.

Generell werde das Artensterben durch die Erderhitzung stark beschleunigt, erklären die Autoren. „Wird der Klimaschutz nicht verstärkt, werde knapp die Hälfte aller Insekten- und Pflanzenarten weltweit bis Ende des Jahrhunderts mindestens 50 Prozent ihres Verbreitungsgebiets einbüßen, bei den Wirbeltieren ein Viertel aller Arten“, zitieren Reimer und Staud Forschungsergebnisse. Auch der Biologe Horst Korn kommt an dieser Stelle zu Wort und erklärt, warum eine reiche genetische Artenvielfalt letztendlich das Überleben der Menschen sichere. „Für die Gesundheit der Menschen sind intakte Lebensräume genauso wichtig wie für Tiere und Pflanzen“, sagt Korn.

Pandemien werden häufiger vorkommen als bisher

In Zukunft werden die Lebensräume von Wildtieren immer weiter aufgrund von Verstädterung, Entwaldung, der wachsenden Bevölkerung und der Auswirkungen des Klimawandels schrumpfen, warnte das Umweltprogramm der Vereinten Nationen bereits 2016, schreiben die Autoren. Die Folge: Der Mensch komme den Wildtieren immer näher und ermögliche das Überspringen der Krankheitserreger von Tier auf Mensch, Stichwort: Covid-19. Das Coronavirus stammt sehr wahrscheinlich von Fledermäusen und wurde durch einen Zwischenwirt übertragen. Aufgrund der schrumpfenden Lebensräume der Wildtiere werden Pandemien in Zukunft häufiger auftreten

Die Erderwärmung führe zudem dazu, dass es Starkregen, Sturzfluten und Überschwemmungen in Deutschland 2050 wesentlich häufiger geben werde als bisher, so die Prognose von Wissenschaftlern. Gleichzeitig werden laut Studien Dürren zunehmen, Wasser wird zum umkämpften Gut. Brandenburg könne gar zu einer Steppenlandschaft werden.

Auch der Verkehr und die Wirtschaft würden zunehmend leiden, schreiben Reimer und Staud. Überflutete Straßen und Schienen, überhitzte Waggons, schmelzender Asphalt, Niedrigwasser in den Flüssen würden dazu führen, dass Verkehrsnetze gestört werden. Die Wirtschaft werde mit Logistikproblemen zu kämpfen haben. Und auch für die Landwirtschaft seien die Auswirkungen dramatisch, erzählt eine Bäuerin in dem Buch. Bereits heute sehe man die Auswirkungen des Klimawandels: Tiere und Pflanzen seien durch die erhöhten Temperaturen im Hitzestress. In Zukunft werde es zunehmend verhagelte Ernten und neue Schädlinge geben. 

Reimer und Staud schildern all diese Auswirkungen und die Aussagen der Wissenschaftler und Betroffenen analytisch und sachlich. Sie dramatisieren nicht, sondern erklären die Zahlen, Studien, Prognosen verständlich und faktenbasiert für die Leser.

Vermutlich könnte es weltweit 200 Millionen Klimaflüchtlinge geben

Die beiden Journalisten fokussieren sich zwar in ihrem Buch auf die Auswirkungen des Klimawandels in Deutschland, lassen aber dennoch nicht außer Acht, dass der Klimawandel in anderen Weltgegenden noch viel größere Katastrophen bringen werde. In Asien, Lateinamerika und Afrika wird es laut Studien zu unvorstellbaren Hitzewellen, Ernteausfällen und Hungersnöten kommen. „Klimaforscher warnen zudem vor wachsender Wasserknappheit in vielen Regionen, bis zu drei Milliarden Menschen könnten bis 2050 davon betroffen sein“, schreiben die Autoren. Der Klimawandel treffe besonders die Weltgegenden am stärksten, in denen viele Staaten strukturschwach und von Armut betroffen seien. 

Die Folge: Millionen von Menschen werden vermutlich vor den zunehmenden Dürren oder Fluten fliehen. „Bis 2050 werde die Zahl der Klimaflüchtlinge weltweit auf rund 200 Millionen steigen, warnt seit Jahren Norman Myers, Professor für Ökologie an der Universität Oxford“, so Reimer und Staud. 

Wie wird unser Leben also im Jahr 2050 aussehen? Liest man das Buch von Reimer und Staud lautet die Antwort: Es wird unsicherer und sichtlich ungemütlicher sein. Als Leserin wird einem klar: Der Klimawandel ist mehr als schmelzende Gletscher und aussterbende Eisbären. Er wirkt sich auf das eigene Leben aus – direkt vor der eigenen Haustür. Doch das Buch gibt auch Hoffnung, denn noch kann man einen starken Klimaschutz umsetzen und das Ruder herumreißen.

Entscheidend sei dabei die Politik, die den Ausbau der erneuerbaren Energien stärken oder Städte mehr begrünen müsse, so die Autoren. Auch jeder Einzelne müsse nachhaltiger leben, um die Treibhausgas-Emissionen zu verringern, etwa durch weniger Flugreisen oder durch das Reduzieren des Fleischkonsums. 

Der Klimawandel liefert keine täglich neuen Infektionszahlen

Das Problem sei, so die Autoren, dass der Klimawandel schwer greifbar sei. Er liefere im Gegensatz zur Corona-Pandemie keine täglich neuen Infektionszahlen. Auch wenn man noch in diesem Jahr einen strikten Klimaschutz verfolgen würde, werde man die Auswirkungen nicht direkt bemerken, was wiederum Menschen demotivieren würde. „Das Klimasystem der Erde ist träge, viele Elemente reagieren mit erheblicher Verzögerung“, schreiben Reimer und Staud. 

Die Autoren sprechen auch an, dass sich große Teile der Gesellschaft nach Ruhe und Stabilität sehnen. Das Windrad am Horizont oder der Veggie-Tag in der Kantine bringe das Fass bei ihnen dann oft zum Überlaufen. Doch die zahlreichen wissenschaftlichen Studien und Erkenntnisse, die in dem Buch dargestellt werden, zeigen: Wenn die Emissionen weiter ansteigen, wird die Zukunft alles andere als stabil und sicher sein. Die Menschen und auch die Wirtschaft werden darunter leiden. Nichts könnte als Zusammenfassung treffender sein als ein Zitat der Autoren am Ende des Buches: „In Wahrheit bedeutet nicht Klimaschutz eine große Veränderung – vielmehr würde ein Verzicht auf Klimaschutz unser aller Leben auf den Kopf stellen.“

Kiepenheuer & Witsch
Über die Autoren

Toralf Staud und Nick Reimer, beide in der DDR geboren, schreiben schon seit vielen Jahren zum Thema Klimawandel. Staud arbeitete bei der Zeit, bevor er sich als freier Journalist selbstständig gemacht hat. Reimer hat Energie- und Umweltverfahrenstechnik studiert, arbeitete für die Berliner Zeitung, die Berliner Morgenpost und die taz. Ihr Buch „Deutschland 2050 – Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird“, ist im Mai 2021 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.