Viel Grün, Wasser, kurze Wege, sozial und funktional gemischt. So stellt sich der Zeichner das Stadtviertel von morgen vor.
Illustration: Paul Paetzel

„Eine lebendige Stadt mit kurzen Wegen, viel Grün, wenig Lärm und guter Luft – wollten Sie nicht auch so leben?“, fragt das Umweltbundesamt in einer Broschüre. Ja, möglichst bald!, kann man darauf nur antworten. Wenn man sich nämlich so umschaut, fragt man sich, warum man im Jahre 2020 noch immer in einer Stadt lebt, die oft eher mühevoll und nervig als lebenswert ist. In dem Stadtviertel, in dem ich einst aufwuchs, gibt es kein einziges Geschäft mehr. Wer einkaufen, zum Friseur oder zum Arzt will, muss Auto fahren. Auch der Supermarkt ist mittlerweile geschlossen. So sieht es in vielen Stadtvierteln aus. Die Wege sind länger geworden statt kürzer. Und schaut man sich Neubauten in der Innenstadt an, dann erblickt man herkömmliche Kästen aus „Glas und Beton“, wie der Laie sagt. Man findet wenig Liebenswertes, abgesehen von einzelnen Projekten, die in die Zukunft weisen.

Dabei gibt es seit langem Visionen von neuartigen, lebenswerten, grünen Wohnvierteln mit interessanter Architektur und anderen Formen des Zusammenlebens. Man könnte ganze Bände damit füllen. Seit Jahren veröffentlichen Verwaltungen, Universitäten, Institute und Organisationen ihre Vorstellungen dazu. In einem großen Programm namens „Morgenstadt“ arbeiten Forscher der Fraunhofer-Gesellschaft deutschlandweit mit Unternehmen und Kommunen zusammen, um „ganzheitliche Stadtentwicklungsprojekte“ zu erarbeiten. Erst jüngst entstand auch ein Reallaborzentrum, das StadtManufaktur Berlin, das die Technische Universität (TU) Berlin gemeinsam mit Partnern betreibt. Im Internet sind Lösungsansätze für eine Stadt im Wandel zu sehen: stadtmanufaktur.info.

Die Städte der Welt stehen heute vor großen Problemen. Dazu gehören Überbevölkerung, Überalterung, Armut und soziale Spaltung sowie die Folgen des Klimawandels. Fast zehn Milliarden Menschen werden im Jahre 2050 auf der Erde leben, davon drei Viertel in Städten, prognostizieren die Vereinten Nationen. In Deutschland leben fast 74 Prozent der Bevölkerung bereits in Städten und Ballungszentren. Im Jahre 1800 waren es etwa 25 Prozent. Eine im Jahre 2018 vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) vorgestellte Studie zeigte, wie auch hierzulande die soziale Spaltung voranschreitet. In 80 Prozent der Städte konzentrierten sich die Menschen, die soziale Grundsicherung beziehen, zunehmend in Stadtteilen, die man Armenviertel nennen könnte.

 
Jetzt aber

Wie ein Miteinander von Mensch und Planet doch noch gelingen kann. Ein Wissenschafts-Dossier. 

Teil 1: Wir müssen nur wollen
Teil 2: Essend dem Planeten helfen
Teil 3: Der Wald von morgen
Teil 4: Wie werden wir morgen wohnen?
Teil 5: So werden wir künftig mobil sein
Teil 6: „Wir sollten das ohne Sintflut schaffen"
Teil 7: Plastik - und wie wir das Problem lösen können
Teil 8: Der Wiedergutmacher

Was den Klimawandel betrifft, sind deutsche Städte nicht so stark betroffen wie zum Beispiel Metropolen in Regionen, die vom steigenden Meeresspiegel bedroht sind. Städte wie Tokio, Schanghai, Singapur, Rio de Janeiro, ja auch New York gehören dazu. Für sie geht es auf längere Sicht ums Überleben. Sie brauchen auch radikal neue Modelle des Wohnens. So entwickelte der italienische Architekt Luca Curci zum Beispiel eine senkrechte Stadt, mitten im Wasser. 250.000 Menschen sollen in 750 Meter hohen Türmen leben, die aus jeweils zehn baugleichen Modulen gebaut sind: mit Wohnungen, Büros, Geschäften, Sport- und Grünanlagen im Freien, eigenständiger Energieversorgung, Meerwasserentsalzung und der Vermeidung von Müll. Die „Vertical City“ soll 120.000 Bäume und zwei Millionen Pflanzen haben, selbst CO2 absorbieren und Sauerstoff produzieren. Auch unter Wasser soll sie genutzt werden.

So radikal werden Lösungen für deutsche Städte nicht aussehen müssen. Aber auch hier ist der Klimawandel bereits spürbar: mit langen, extremen Trockenphasen und Hitze bis um die 40 Grad Celsius. Berlin besitzt seit 2011 einen Stadtentwicklungsplan Klima. „Die Spreemetropole gehört zu den gefährdetsten Städten Deutschlands“, stellte das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) fest. Die Temperaturen in den Berliner Stadtquartieren liegen an heißen Tagen um vier bis zehn Grad höher als im Umland. Der Stadtentwicklungsplan verfolgt eine „Klimaanpassung für Berlin“. Die Bewohner sollen sich auch bei Hitze und Trockenheit wohlfühlen.

Bereits relativ einfache Maßnahmen könnten einiges verbessern: Hof- und Fassadenbegrünung, helle Farben für Baumaterialien, um die Aufheizung durch den sogenannten Albedo-Effekt zu verhindern. Die Albedo, so nennen Forscher die Fähigkeit zur Rückstrahlung des Sonnenlichts. Es geht um alternative Baumaterialien, kühlere Luftströme durch Wasserflächen und Grüninseln, um mehr Schatten durch Vordächer, Balkone, Fensterläden und Bäume. Stadtbäume können sehr effektiv wirken. Sie senken in ihrem Umfeld die Temperatur um bis zu zwölf Grad Celsius, wie es schon 2013 in einem Dokument der Stadt Karlsruhe hieß. Schaut man sich allerdings den Zustand vieler Straßenbäume in Berlin an, dann weiß man, das man vom grünen Stadtparadies noch weit entfernt ist.

Vor den Plänen kommt die Analyse. So wollen viele Städte erst einmal wissen, wie ihre konkrete Klimasituation aussieht und wo man besonders ansetzen muss, um die Situation für die Bewohner zu verbessern. Dabei hilft ihnen eine junge, achtköpfige Firma aus Berlin. Sie sitzt in der Luisenstraße in Mitte und heißt GreenAdapt Gesellschaft für Klimaanpassung. Sie wurde 2017 als Start-up der Humboldt-Universität gegründet. „Unser Gründerteam kennt sich aus der Umweltbildung an den Schulen“, sagt der studierte Geograf Adrian Pfalzgraf. Er hatte mit Schülern Klassenzimmer begrünt und dabei den Physiker Carsten Walther kennengelernt, der vor Schülern über seine Arbeit am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) sprach. Daraus entstand eine gemeinsame Idee und am Ende ein Unternehmen.

Die Gründer wollten, dass nicht nur Schulen, sondern ganze Städte von den Erkenntnissen der Forschung profitieren. „Also sind wir da hingegangen, wo jetzt die Städte der nächsten Jahrzehnte geplant werden“, sagt Adrian Pfalzgraf. Der PIK-Forscher Carsten Walther hatte bereits an Klima-Anpassungsstrategien für Berlin und Potsdam gearbeitet. Die Forscher bieten den Städten unter anderem Computer-Simulationen mit einem dreidimensionalen Stadtklimamodell an. Damit lässt sich zum Beispiel erkennen, wo sich die Wärmeinseln einer Stadt befinden und wo die bioklimatischen Belastungen in Hitzewellen besonders groß sind. Man kann damit auch simulieren, wie sich das Mikroklima durch Begrünungen von Dächern und Plätzen verändert und wo solche Maßnahmen besonders notwendig sind. Anhand von Geländeanalysen können die Forscher auch herausfinden, wo Flächen und Gebäude besonders von Starkregen und Überschwemmungen bedroht sind. Die Firma GreenAdapt arbeitet mit den Städten Duisburg, Augsburg, Aschaffenburg und Bamberg zusammen.

Über allem steht die generelle Frage: In was für einer Stadt wollen wir morgen leben? Wie sollen unsere Wohnviertel aussehen, auch über die notwendige Klimaanpassung hinaus? Kompakt, nachhaltig, sozial und funktional durchmischt, mit kurzen Wegen – so lauten die Schlagworte in Berlin. Der Berliner „Stadtentwicklungsplan Wohnen 2030“ weist 14 neue Stadtquartiere aus, wo heute noch Brachen und reine Gewerbegebiete sind. Hier sollen „lebendige, sozial und funktional gemischte Quartiere entstehen“, heißt es. In der Innenstadt sollen Viertel verdichtet und mehr Grün geschaffen werden. Auf der Internetseite mein.berlin.de kann man sehen, welche Projekte die einzelnen Bezirke verfolgen, zum Teil unter reger Beteiligung der Bürger.

„Was in Berlin besonders brisant ist, ist die soziale Frage hinter dem Wohnen“, sagt der Architekt Sascha Zander, der seit 1999 mit seinem Architektenkollegen Christian Roth im Berliner Büro Zanderrotharchitekten Wohnprojekte entwickelt. Berlin müsste massenhaft bauen, sagt Sascha Zander. In fünf Jahren müssten 100.000 Wohnungen und mehr errichtet werden. Im vergangenen Jahr seien nur 17.000 Neubauwohnungen entstanden. Die Zahl der Sozialwohnungen habe sich in den letzten 15 Jahren um etwa 120.000 Wohnungen auf derzeit 100.000 reduziert, wobei zwischen 2015 und 2019 lediglich 4900 Sozialwohnungen gebaut wurden. Das sei viel zu wenig, sagt Sascha Zander. Er verweist auf die Möglichkeiten der Querfinanzierung. Bei großen Projekten könne man 30 bis 40 Prozent der Wohnungen als Sozialwohnung realisieren. Kurz gesagt: Die, die mehr für ihre Wohnung bezahlen, weil sie es können, helfen denen, die nicht in der Lage dazu sind, aber auch in lebenswerter Umgebung wohnen wollen.

„Wir haben eine sehr wohlhabende Bevölkerungsschicht, die wäre zwanglos und freiwillig in der Lage, sozialen Wohnungsbau querzusubventionieren, wenn sie denn so wohnen darf, wie sie wohnen möchte“, sagt Sascha Zander. „Aber dazu müsste es den Willen geben, Wohnungen zu bauen und solche Querfinanzierungen zuzulassen.“ Sprich: Man müsse die soziale Spaltung zwischen weniger Begüterten und Wohlhabenderen überwinden, statt sie ideologisch zu vertiefen. Eine Vision der Architekten Zander und Roth ist, dass auch mitten in der Stadt viele Menschen angenehm und im Grünen leben können, nicht nur am Rand der Stadt. 

Garten der Wohnanlage BIGYard in Prenzlauer Berg, mitten in der Stadt, entworfen vom Büro Zanderrotharchitekten.
Foto: Michael Feser/Berlin/zanderrotharchitekten gmbh

Als Beispiel dafür kann die von ihnen entworfene Wohnanlage in der Zelterstraße in Prenzlauer Berg dienen. Sie liegt nur wenige Schritte von ihrem Architektenbüro in der Dunckerstraße entfernt und heißt BIGYard. Zur Straße hin sieht man eine breite Hausfront mit großen Fenstern und vielen Eingängen. Dahinter verbergen sich im Grunde 23 mehrstöckige Einfamilienhäuser. Jedes besitzt einen eigenen Dachgarten. Die eine Familie pflanzt darauf Blumen, die andere lässt Kaninchen hoppeln. Aus den Fenstern blickt man auf sattes Grün. Der große, gemeinsam genutzte Innenhof wirkt wie ein exotischer Garten. Die Wohnanlage sei „die verdichtete Umsetzung des Traumes vom Einfamilienhaus mitten in der Großstadt Berlin“, heißt es in einer Broschüre des Senats. Wenn solche Anlagen seriell und im großen Stil entstehen könnten, wäre es nach Meinung der Architekten vielleicht möglich, dass sich auch weniger Begüterte über Querfinanzierungen solch eine Art des Wohnens leisten könnten und eine wirkliche soziale Mischung entsteht.

Doch neue Ideen haben es in Berlin offenbar schwer. Zehn Jahre haben die Architekten Zander und Roth zum Beispiel gebraucht, um ein Wohnprojekt in der Pankower Thulestraße umzusetzen. Hier entstehen sechs Stadthäuser mit 400 Wohneinheiten. Jede Etage besitzt umlaufende Terrassen und Balkone mit großen Pflanzkästen, auf denen kleine private Gärten entstehen können. Jedes Geschoss besteht aus Wohnungsmodulen mit Bad, Küche und verschieden angelegten Räumen, die sich flexibel kombinieren lassen – vom kleinen Apartment bis zur Fünf-Zimmer-Wohnung.

Modulares Bauen und flexible Grundrisse – das entspricht genau dem Trend der Zeit. Das Wohnen von morgen richtet sich ganz nach den aktuellen Bedürfnissen. Für das Wohnprojekt in der Thulestraße war ein Bauvorhaben in der Liebigstraße maßstabgebend. Hier fanden sich Baugemeinschaften zusammen, die schon im Planungsprozess entschieden, wie die Grundrisse aufgeteilt werden. „Viele Bewohner haben bereits beim Einzug als Familie geplant, dass sie die große Wohnung irgendwann teilen, wenn die Kinder aus dem Haus sind“, sagt der Architekt Christian Roth. Die Eltern zögen dann in den kleinen Teil und könnten den anderen vielleicht vermieten. Auf Etagen mit flexiblen Wohnmodellen könnten die Großeltern bei der Familie leben – und dennoch selbstständig sein. Zurzeit ist Studien zufolge etwa jeder zweite Haushalt in Berlin ein Single-Haushalt. In vielen Wohnungen leben alte Menschen. Die Vereinsamung ist ein großes Problem der Gesellschaft. Mit dem Bau von Wohnmodulen lassen sich aber auch andere Lebensformen umsetzen, die in normalen Mietshäusern schwer zu verwirklichen sind – zum Beispiel das Leben in Patchwork-Familien.

Es gibt noch viele weitere Visionen von Wohnquartieren der Zukunft – zum Beispiel vom Leben in „kollaborativen“ Projekten, bei denen das Gemeinschaftliche erweitert ist. Auch hier gibt es private Wohnzonen, in denen man ganz für sich sein kann. Aber viele Bereiche können gemeinsam genutzt werden: Werkstätten, Kindertreffs, Waschcenter, Fitness- und Partyräume und Gärten, wie es ja bereits jetzt in den vielen Urban-Gardening-Projekten Berlins der Fall ist. Man kann Autos oder Monatskarten für Bahn und Bus gemeinsam nutzen. Im Zeitalter des Homeoffice lassen sich Büroräume, Kopierer und Drucker teilen. Viele Läden befinden sich gleich um die Ecke: der Bäcker, der Friseur, ein Tauschladen, ein Café, vielleicht sogar ein kleines Kino. All dies ist allerdings in vielen Gegenden Berlins, wo die kleinen Läden und Kinos seit längerem verschwunden sind, kaum vorstellbar.

Doch die Fantasie kennt bekanntlich keine Grenzen. Zu den Architektenbüros, die über ganz neuartige Stadtquartiere nachdenken, gehört das Berliner Studio Schwitalla, dessen Ideen im Internet zu sehen sind (studioschwitalla.com). Der Architekt Max Schwitalla begreift die notwendige Stadtverdichtung als große Chance. Er hat nahezu fantastische Gebilde der Zukunft entwickelt. Zum Beispiel „Babel Town“, eine satt begrünte Spirale, die sich bis in 300 Meter Höhe windet. Die Häuser hängen daran wie Nester. Hier, wie auch in anderen Entwürfen, geht es um neue Formen der Mobilität bei der Verdichtung der Stadt. So werde zum Beispiel „bei ‚Babel Town‘ eine lineare Bewegung in eine spiralförmige übersetzt, wobei ‚Babel Town‘ als provokative These zu verstehen ist, die zum Umdenken inspirieren soll“, sagt Max Schwitalla.

„Babel Town“ ist ein ungewöhnlicher Stadtentwurf des Berliner Studios Schwitalla. 
Illustration: Studio Schwitalla/Schindler Ltd.

Ein weiterer Entwurf des Studio Schwitalla ist das „V-illage“, eine Hochhausgebilde, das unten auf schmalen Stützen steht und oben weit auslädt. Auf dem Dach besitzt es Parks mit viel Grün und Wasser. Oder die „polyzentrale Stadtentwicklung“, bei der viele autarke Quartiere entstehen, in denen Menschen künftig zum Beispiel im Umland von Berlin leben könnten. Die Stadtinseln entstehen rund um Verkehrsstationen, sogenannten Mobility Hubs. Hier halten die Pendlerzüge oder Elektroautos, die autonom fahren und auch zum Zug gekoppelt werden können. Auf der Stadtinsel ist alles zu Fuß erreichbar: Wohnung, Café, Büro, Läden, Kino, Bibliothek, Schwimmhalle, Park.

Einige Ansätze existieren bereits in der Praxis. Die Berliner Architekten Zander und Roth machten mit ihren Mitarbeitern zum Beispiel einen Ausflug nach Wien zum Wohnpark Alterlaa, einer Satellitenstadt der 1970er-Jahre, entworfen vom Architekten Harry Glück, nach dem man sie auch jüngst umbenannt hat. Gebaut wurde sie für zehntausend Menschen. Die Verkehrsanbindung verläuft unterirdisch. Die teilweise begrünten Hochhäuser mit geschwungenen Fassaden haben Balkongärten und Pools auf dem Dach. Im Innern gibt es Saunen, Spielplätze und Klubräume. In der Nähe liegt ein Kaufpark. „Schwimmbäder auf den Dächern“, sagt Sascha Zander. „Wenn man sich das in Berlin vorstellt. Das darf gar nicht artikuliert werden.“ Denn weder werde in Berlin die erforderliche Anzahl von Wohnungen umgesetzt, noch gebe es in den meisten Projekten eine hohe Wohnqualität. Über eine Querfinanzierung wäre es aber kein Problem, so etwas zu etablieren.

Als das gelungenste Stadtquartier – „einen fantastischen Ort mit tausend Möglichkeiten“ – sieht Zander aber den Londoner Stadtteil Barbican aus den 60er-Jahren mit mehr als 2000 Wohnungen. Die drei hohen Towers und flachen Beton-Wohnblocks sind zwar für manchen gewöhnungsbedürftig. Aber dazwischen gibt es viel Raum mit Freiflächen und Grün, Wasserflächen, mehrere Gärten, ein tropisches Pflanzenschauhaus, ein Kulturzentrum mit Konzertsaal, Theater, Kinos und Galerie. „Hier ist alles beantwortet, was man über ein tolles Stadtquartier lernen kann“, sagt Sascha Zander.

„Alle neuen Denkansätze werden die Architektur der Städte nicht ändern, wenn die politischen Bedingungen des Bauens sich nicht ändern“, schreibt der Autor Niklas Maak in seinem Buch „Wohnkomplex. Warum wir andere Häuser brauchen“ (Carl-Hanser-Verlag, 2014). Wer wissen wolle, warum Wohnhäuser so aussehen, wie sie aussehen, müsse unter anderem „nach den politischen Instanzen fragen, die für Genehmigungen und Bauverordnungen zuständig sind, nach den Interessen der Akteure des Baubetriebs“. Als Hindernisse sieht Maak unter anderem die Flucht in den grünen, ruhigen Speckgürtel, eine profitorientierte Bauindustrie und eine veraltete dogmatische Gesetzgebung.

„Micro Mobility Neighborhood“, entworfen vom Berliner Studio Schwitalla. Hier wird eine ganze Nachbarschaft mit dem E-Bike erschlossen, mit dem es ohne Anstrengungen Rampen hinaufgeht.
Illustration: Studio Schwitalla/Schindler Ltd.

„In der Stadt zu verdichten, ist das Nachhaltigste, was man machen kann“, sagt der Architekt Christian Roth. Es gehe darum, Grundstücke besser auszunutzen und lebenswerte Räume zu schaffen. Zum Beispiel ein Wohnviertel dort zu bauen, wo bisher nur ein Supermarkt steht – und diesen dort einzubinden. Man könne verschiedene Nutzungen zusammenbringen, ohne eine davon zu vertreiben. „Alle Infrastruktur ist da. Man kann sie einfach nutzen“, sagt Christian Roth. „Und man könnte die Leute davon abhalten, rauszuziehen und sich ein Einfamilienhaus zu bauen, wenn man auch in der Stadt eine hohe Qualität realisiert, als würden die Leute im Grünen wohnen – indem man zum Beispiel Dachflächen nutzt und Fassaden begrünt.“

Diese Begrünung ist auch aus anderen Gründen sehr wichtig. Angesichts immer trockenerer und heißerer Sommer, unterbrochen durch unwetterartigen Starkregen, verfolgt Berlin seit einiger Zeit das Prinzip der „Schwammstadt“. Regengüsse sollen nicht einfach wegfließen, sondern aufgefangen werden – in Speichern, auf entsiegelten Flächen, in Parks, in neu angelegten Teichen und auf speziell dafür konstruierten Dachgärten. Das Wasser könnte auch als „Grauwasser“ für die Haushalte gesammelt werden, um Trinkwasser zu sparen, heißt es. Zugleich soll es der Kühlung dienen. Im vergangenen Jahr hat die Stadt unter anderem das Förderprogramm „1000 Grüne Dächer“ gestartet. Bis zum 23. Juli seien hier „104 Voranträge und 20 Hauptanträge“ gestellt worden, teilt die zuständige Senatsverwaltung mit. Bisher gebe es zwölf Zuwendungsbescheide – alle für Dächer in der Innenstadt. Die Verwaltung spricht von einem guten Start des Programms. Bis aber tausend neue grüne Dächer auf bestehenden Gebäuden errichtet worden sind, braucht es wohl noch eine Weile.

Das Beispiel der Dachbegrünung zeigt sehr gut die Probleme von Städten wie Berlin. Ihre Planer und Architekten müssen mit der vorhandenen Bausubstanz umgehen. Und diese besteht eben in vielen Vierteln aus alten Häusern mit schrägen Ziegeldächern, auf die man keinen Dachgarten setzen kann. Auf Neubauten entstehe aber immer öfter eine Kombination von Dach- und Solargarten, heißt es aus der Verwaltung. Dass es insgesamt nur langsam vorangeht mit den grünen Dächern, könnte auch an der Bürokratie in den Bezirksämtern liegen. Die Architekten Zander und Roth stritten zum Beispiel jahrelang mit einem Bezirksamt, weil dieses die geplanten Dachgärten auf einem ihrer Wohnprojekte nicht genehmigte. Bis die Senatsverwaltung den ablehnenden Bescheid aufhob, mit dem dezenten Hinweis, dass Dachgärten das Wohnklima und die Wohnqualität deutlich verbesserten.

Zur Vision des Wohnens von morgen gehört auch, dass Häuser sich selbst mit Energie versorgen, ja sogar überschüssige Energie erzeugen. Dazu gibt es unter anderem Solaranlagen auf dem Dach und an Fassaden, kombiniert mit Speichern. Die Steuerungen passieren automatisch mittels Sensoren. Überhaupt ist bei der Beschäftigung mit dem Wohnen der Zukunft viel vom „Smarthome“ die Rede, bei dem sich die Heizung von selbst regelt, der Kühlschrank selbstständig Essen nachbestellt und viele Geräte miteinander vernetzt sind – ob Lampen, Kaffeemaschine, Fernseher oder verschiedene Roboter, die Arbeiten erledigen: das Rasenmähen, Fensterputzen, Saugen und Wischen.

Das wichtigste Thema ist und bleibt für die Architekten Sascha Zander und Christian Roth aber das soziale Zusammenleben in der Stadt. „Wirklich innovativ wäre, wenn man ein Projekt realisiert, in dem wirklich unterschiedliche Schichten zusammen wohnen und man das konfliktfrei organisiert“, sagt Sascha Zander. Man sollte akzeptieren, dass es in einer Millionenstadt wie Berlin Millionäre gibt, die einen wichtigen Beitrag für die Ökonomie leisten. Und zugleich, dass viele Leute diesen Beitrag nicht leisten können und es gut ist, dass der Staat hier Fürsorge betreibt, sagt Sascha Zander. „Diese beiden Parteien unter ein Dach zu bringen und beide in ihren Wohnbedingungen zu befriedigen, das wäre innovativ!“