Konsumenten ziehen sich das Kokain oftmals als „Linie“ in die Nase.
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BerlinDie Bestellungen gingen per Anruf oder Kurznachricht ein – und Ibrahim O. war schnell, diskret und bequem für den Kunden. Er lieferte mit seinem Privatauto bis an die Haustür persönlich aus und kassierte gleich ab. So wie bei einem Pizza-Service. Nur dass der 41-jährige Vater von fünf Kindern statt der Pizza kleine Portionseinheiten Kokain an die gewünschten Adressen brachte. Mal  kam es zu 61 Übergaben  an einem Tag. Mal fuhr der Mann 16 Portionen Kokain aus. Neukunden zahlten 50 Euro Doch sein Koks-Taxi blieb nur zwei Monate abrufbereit. 

Am 21. Mai wurde Ibrahim O. festgenommen. Zusammen mit Sebastian B. war er gerade aus Bremen gekommen – von einem Drogenhändler, bei dem sich O. Nachschub für seine Geschäfte besorgt hatte. Im Kofferraum fand die Polizei 1 210 Gramm Kokaingemisch. Der Marktpreis, so hieß es damals, lag bei rund 40 000 Euro. In der oberen Blende des Autos fanden die Beamten zudem ein Einhandmesser mit einer Klingenlänge von 8,5 Zentimetern. Seit Mittwoch müssen sich Ibrahim O. und Sebastian B. vor einer Strafkammer des Landgerichts verantworten.

Anklage gegen Ibhahim O. 

Die Anklage wirft O. bewaffneten Handel mit Drogen in nicht geringer Menge vor. Er soll von März bis Mai dieses Jahres 679 Portionen Kokain an Stammkunden, aber auch neue Interessenten weiterverkauft haben. Treue Kunden, so die Anklage, hätten für ein halbes Gramm zwischen 30 und 35 Euro zahlen müssen, neuen Käufern sei die Droge mit 50 Euro in Rechnung gestellt worden. Sebastian B., einst selbst Kunde des Koks-Taxis von Ibrahim O., soll in einem Fall zusammen mit dem Lieferservice-Betreiber Drogen-Nachschub aus Bremen geholt haben.

Mit dem Kokain-Service habe sich Ibrahim O. eine Einnahmequelle von einiger Dauer und einigem Umfang verschaffen wollen, so sagt es die Staatsanwältin in ihrer Anklage. Auf der Anklagebank sitzen zwei kräftige Männer mit sehr kurz geschorenen Haaren. Seit fast sechs Monaten ist ihre Wohnanschrift die Untersuchungshaftanstalt. Ibrahim O. hält die Augen geschlossen, als die Staatsanwältin in ihrer Anklage die täglichen Fahrten des Mannes zu seiner Kundschaft aufzählt. Dann legt der Mann, der seine Schlosserlehre nicht beendet hat, ein Geständnis ab, das sein Anwalt verliest.

Ibrahim O. erklärt, er habe als Fahrer immer nur kurze Jobs bekommen. Dann sei er mit einem Imbiss Pleite gegangen und habe Schulden gemacht. In dieser Situation sei ihm ein Handy angeboten worden, über den ein Kokain-Lieferservice lief. Seit dem 28. März habe er die telefonischen Aufträge der Kunden erfüllt. Jedoch nicht so oft, wie es in der Anklage stehe. Der ihm vorgeworfene Verkauf von 790 Gramm sei „deutlich zu hoch“. Ab und an habe er nämlich auch in Deutschland nicht zugelassene Potenztabletten geliefert.

Am Tag seiner Festnahme ließ sich Ibrahim O. von Sebastian B. nach Bremen fahren, zu einem Kokain-Lieferanten. B. habe für die Fahrt 500 Euro erhalten. Woher das Messer in seinem Auto stamme, wisse er nicht. Ibrahim O. erklärt, er bereue die Entscheidung, Kokain auszufahren. Sie habe ihm, seiner Frau und den Kindern „nur Unglück gebracht“. Auch der 37-Jährige B., Vater von drei noch schulpflichtigen Kindern, gesteht ebenfalls, gibt die Fahrt nach Bremen mit O. zu.

Im April dieses Jahres hatte er nach eigenen Angaben „extreme Geldsorgen“ und dringend Arbeit als Fahrer gesucht. Und er habe bei seinem alten Bekannten Ibrahim O. nachgefragt, der ihm ein Angebot machte. Telefon überwacht Sebastian B. will an nichts Kriminelles gedacht und erst kurz vor Fahrtantritt nach Bremen erfahren haben, dass es um Drogen geht.

Er sagt vor Gericht, dass er die für Fahrt zugesagten 500 Euro für die Kommunion seiner Tochter benötigt habe. Die Fahrt am 21. Mai sollte nach den Worten des Angeklagten  eine einmalige Aktion bleiben. Er wusste nicht, dass die Polizei bei anderen Ermittlungen im Drogenmilieu längst auf den Kokain-Lieferservice seines Bekannten O. gestoßen war, der Mann beobachtet und dessen Telefon überwacht wurde.  Der Prozess wird am 18. November fortgesetzt.