Unsere Hebammen-Kolumnistin Sabine Kroh mit ihren Kollegen und Kolleginnen im Südsudan.
Foto: Privat

Die Weltgesundheitsorganisation ehrt meinen Beruf mit dem Jahr der Hebamme 2020. Kinder werden geboren mit und ohne Corona, und es sieht so aus, als stiegen die Geburtenzahlen weltweit, trotz der Pandemie – oder gerade wegen ihr. In Krisenzeiten rücken die Menschen zusammen, werden oft mehr Kinder geboren.

Im Südsudan, im Krankenhaus am Ende der Welt, wo ich seit acht Wochen für Ärzte ohne Grenzen arbeite, haben meine afrikanischen Kollegen keine Ahnung davon, dass 2020 ihr Jahr sein soll. Sie leben mit ihren Familien in einem Flüchtlingscamp in Hütten aus Wellblech, tagsüber steigen die Temperaturen über 40 Grad, Strom für Kühlschränke oder einen Ventilator gibt es nicht. Sauberes Wasser wird an Wasserstellen in Kanistern geholt. Vor den Latrinen stehen die Menschen Schlange, an Hygiene ist nicht zu denken. Alles ist mit einer Schicht aus braunem Staub überzogen, in der Regenzeit verwandelt er sich in eine schmierige Masse, darin bilden sich Wasserbecken, in denen sich Malaria-Mücken vermehren. Wegen Corona können gerade keine neuen Moskitonetze importiert werden, und das mitten in der Malaria-Saison.

Wie und unter welchen Umständen man geboren wird, kann man selbst nicht kontrollieren. Und wie man stirbt in den meisten Fällen auch nicht. Während fast alle unserer Lebensbereiche heute kontrolliert und durchorganisiert sind, entziehen sich die beiden existenziellsten Ereignisse in unserem Leben weitgehend der Kontrolle. Um genau diese Ereignisse soll es in dieser Kolumne gehen. Sie heißt „Leben & Sterben“, und sie wird abwechselnd von zwei Menschen geschrieben, die sich beruflich damit befassen: von der Hebamme Sabine Kroh und dem Bestatter Eric Wrede.

Foto: DuMont
Leben und Sterben

Wie und unter welchen Umständen man geboren wird, kann man selbst nicht kontrollieren. Und wie man stirbt in den meisten Fällen auch nicht. Während fast alle unserer Lebensbereiche heute kontrolliert und durchorganisiert sind, entziehen sich die beiden existenziellsten Ereignisse in unserem Leben weitgehend der Kontrolle.              Um genau diese Ereignisse soll es in dieser Kolumne gehen. Sie heißt „Leben & Sterben“, und sie wird abwechselnd von zwei Menschen geschrieben, die sich beruflich damit befassen: von der Hebamme Sabine Kroh und dem Bestatter Eric Wrede. 

Das Hebammenteam ist gut gemischt, Männer und Frauen. Viele haben Kinder, die in Uganda zur Schule gehen. Dort ist es sicherer und die Ausbildung besser. Ihre Kinder haben sie meist ein Jahr lang nicht gesehen. Reisen sind Luxus und gefährlich. Und die Hebammen zählen noch zu den Glücklichen, weil sie einen Job haben und Geld, das sie in die Ausbildung ihrer Kinder investieren können.

Einer meiner Kollegen hat vier Frauen und sieben Kinder. Er ist eine erfahrene Hebamme,  ich arbeite gern mit ihm zusammen. Wir sprechen viel über die Unterschiede in der Geburtshilfe in Deutschland und im Südsudan. In einem ruhigen Moment frage ich ihn nach seinen Frauen und Kindern. Er erzählt freudig, dass er lieber sieben Frauen hätte und noch viel mehr Kinder. Er könnte mehr Einfluss auf die Politik haben, sagt er, ginge es nach ihm, wären die Schulen und das Gesundheitssystem für alle umsonst.


Die Autoren

Sabine Kroh

  • ... ist Jahrgang 1969, stammt aus Dresden und hat mehr als 25 Jahre Berufserfahrung als freie und festangestellte Hebamme. Sie arbeitete als Hebamme nicht nur in Deutschland, sondern auch in Mexiko, Guatemala, England und Tanzania.
  • 2016 gründete sie das Online-Portal call a midwife, das Frauen zu allen Fragen rund um Schwangerschaft und Geburt berät.
  • Sie ist Mutter einer erwachsenen Tochter.

Eric Wrede

  • ... wurde 1980 in Rostock geboren, studierte Gemanistik und Geschichte und arbeitete danach als Musikmanager.
  • Im Frühjahr 2013 schmiss er seinen Job hin und entschloss sich Bestatter zu werden, „um etwas zu ändern an der gängigen Trauerkultur“. 2014 gründete er in Berlin sein eigenes Unternehmen lebensnah-Bestattungen.
  • 2018 veröffentlichte er das Buch „The End: Das Buch vom Tod“.

Dass ich nur eine Tochter habe, erstaunt ihn. Hier gilt: Wer viele Kinder hat, ist reich. Im Kreißsaal sind Frauen, die ihr siebentes Kind bekommen, normal. Das Gebären geht schnell, und es ist leise. Schmerzlinderung und Massagen im Kreißsaal? Warum? Es ist doch ganz normal, dass es wehtut. So denken sie hier. Das Neugeborene wird in Tücher aus zerschnittener Bettwäsche gehüllt, keinen Moment liegt es alleine. Der Arm der Mutter ist sein einzig sicherer Platz, ständig wird es bewacht. Will ich das Kind untersuchen und nehme die Tücher auch nur einen Augenblick lang weg, wird es sofort wieder zugedeckt. Wärme bedeutet Überleben und Licht böse Geister. Windeln gibt es nicht, das Tuch wird gewechselt und gewaschen.

Die Frauen im Südsudan sind hoch gewachsen und sehr schlank, fast schon abgemagert. Sie liegen in einem Zimmer mit zehn Betten, die eng beieinander stehen, sie können sich hier für 24 Stunden ausruhen und werden mit Essen versorgt, selten sind sie allein, sie bringen zwei oder drei Familienmitglieder mit. Auf mich reagieren sie zurückhaltend, lächeln wenig, ihre Zustimmung zeigen sie durch ein leises Schnalzen der Zunge. Trotz ihrer Armut lachen und scherzen sie viel, manchmal über mich. Wenn alles richtig ist, bekomme ich ein High five.

Viele der Frauen gehen ohne Baby nach Hause, die Säuglingssterblichkeit im Südsudan ist hoch. Ihr Baby bekommt keinen Namen, sie wollen es nicht mal sehen. Ihren Schmerz spüre ich dennoch. Viele von ihnen werden in einem Jahr wieder da sein, um das nächste Kind zu bekommen. Hier im Krankenhaus am Ende der Welt sind sie sicher, dank der Hebammen.