Kolumne: Meine Tiere: Warum Lebensmittelkonzerne mit Essen „wie bei Muttern“ werben

Ausgerechnet Wiesenhof! Bereits etliche Male stand das Unternehmen wegen seiner Tierhaltung in der Kritik. Mitte März stellte es auf einer Food-Fachmesse drei überraschend neue Produkte vor: „Veggie Crispy-Schnitzel“, „Veggie Crispy-Sticks“ und „Veggie-Sticks“, rein pflanzlich auf der Basis von Gemüse und Weizenprotein. Sicher ist dies auch ein Erfolg der Tierrechtler und Journalisten, die wiederholt dahinsiechende Tiere im Innern von Ställen gefilmt hatten – wohl kaum ein Markenname hat sich so zwiespältig ins Gedächtnis der Konsumenten eingebrannt.

Doch Wiesenhof steht nicht allein da unter den deutschen Fleischunternehmen. „Wir werden die erste und gleichzeitig die letzte Generation sein, die jeden Tag Fleisch auf dem Teller hat… Auf lange Sicht lässt sich die Weltbevölkerung mit der derzeitigen Ernährungseinstellung nicht ernähren.“ Diese Sätze stammen nicht von einem Veganer, sondern von einem der bekanntesten deutschen Wursthersteller: Seit dem vergangenen Jahr bietet die Rügenwalder Mühle auch vegetarische Schinkenspicker und Frikadellen an. Leider sind sie noch nicht vegan, sondern enthalten Hühnereiweiß; angeblich bastelt man weiter dran. Und wirbt auf der Website stolz: „Wir wissen noch, wie man richtig gute Wurst macht.“

Man lenke seine Aufmerksamkeit auf das „noch“. Die Idee, dass wir alle am liebsten „wie bei Muttern“ essen oder am liebsten sogar „nach Großmutters Rezept“, ist im deutschen Lebensmittelgewerbe unausweichlich. Einerseits soll alles modernsten Standards und Essgewohnheiten entsprechen und so billig sein, wie es nur Industrieprodukte sein können. Andererseits soll es aber auch eine möglichst lange Ahnenreihe vorweisen können.

Fundamentalismus der Nahrung

Darum liefen in der Rügenwalder Originalwerbung mittelalterliche Typen mit wallenden Haaren in ein Fleischereigeschäft, um sich dort mit Wurst zu versorgen und diese anschließend im Schatten der Windmühle zu verzehren. Nun, die Rügenwalder Currywurst gab es im Mittelalter sicher nicht, denn damals kannte man in unseren Breiten noch kein Curry. Auch eine Windmühle besaß das Unternehmen weder im pommerschen Rügenwalde, noch steht eine solche am heutigen niedersächsischen Firmenstandort. Doch darüber muss man wohl gnädig hinwegsehen, denn es funktioniert irgendwie trotzdem. Die Windmühle und das „Noch“ im Sprüchlein von der Wurstkompetenz sind ja nur Beispiele eines allgemeineren Phänomens – nennen wir es mal: den Fundamentalismus der Nahrung. Fundamentalismus heißt, dass wir behaupten, etwas tun zu müssen, weil dies angeblich „schon immer“ so getan wurde – beides ist falsch.

Weder war es schon immer so, noch müssen wir heute. Es gibt keinen Quark, den man nicht durch das Emblem eines hölzernen Milchkübels und keine saure Gurke, die man nicht durch den Verweis auf eine schlesische Großmutter aufwerten könnte. Dass das Zeug nichts mit Kübel und Oma zu tun hat, mag sein – der Nimbus genügt.

Ich kenne Bio-Konsumenten, deren Herz höher schlägt, wenn sie hören, dass das von ihnen verzehrte Schwein einer „alten Schweinerasse“ angehörte. Ähnlich wie all jene Zeitgenossen, die eigener Auskunft nach deshalb Fleisch essen, weil ihre Urururahnen mit dem Speer aufs Mammut losgegangen sind, oder wie die Schinkenspicker-Fans, die die nicht-existenten Mühlenflügel klappern hören, sehen sich diese Alte-Schweinerassen-Verzehrer wohl als mittelalterliche Schweinehirten in Begleitung wildwüchsiger Hausschweine durchs Gelände stapfen.

Nach der Sache mit dem Curry nun noch diese schlechte Nachricht: So war das gar nicht. Die mittelalterlichen Hausschweine sahen ungefähr so aus wie Wildschweine. Die „alten“ Schweinerassen (Bunte Bentheimer, Deutsche Landschweine usw.) hingegen sind so alt tatsächlich nicht, sondern entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und wurden teils erst nach dem Zweiten Weltkrieg populär. Wie allen Fundamentalismen muss man auch den Fundamentalisten der Nahrung sagen: Es geht immer nur weiter, nie geht es zurück! Wir werden nie wieder so essen wie die Generationen davor – das muss aber nicht schlecht sein. Und bestenfalls bedeutet das für unsere „Nutztiere“, dass sie irgendwann nicht mehr benutzt und ausgebeutet werden wie heute von uns.