Wie der Mensch mit der Natur umgeht, so geht er mit sich um.
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BerlinEs wäre bequemer, die Verschwörungstheoretiker hätten recht: Das Virus Sars-CoV-2 käme dann aus einem Labor, künstlich geschaffen von Wissenschaftlern, in die Welt gesetzt von der chinesischen Regierung oder Bill Gates. Auch nicht schön, doch der Kreis der Schuldigen wäre angenehm klein.

Die These vom künstlich hergestellten Erreger ist widerlegt, Forscher haben das Virus dahingehend untersucht. Sie sind zu dem Schluss gekommen, dass seine Struktur einen nicht-natürlichen Ursprung höchst unwahrscheinlich macht. Wir müssen uns also mit dem wahren Grund dafür auseinandersetzen, dass ein Virus seit Wochen das Leben, wie wir es kannten, außer Kraft setzt. Der ist komplizierter und unangenehmer: Wir sind selbst schuld an Pandemien wie dieser.

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Zoonosen zeigen: Der Mensch ist Teil der Natur

Einmal mehr zeigt sich die Angewohnheit des Menschen, so zu tun, als ob er die Natur hinter sich gelassen hätte, mit ihr verfahren könne, wie es ihm beliebt. Und einmal mehr muss er erfahren, dass er weiterhin ein Teil von ihr ist. In diesem Fall sogar besonders konkret: Viren brauchen lebende Zellen, um sich zu vermehren, die finden sie in einem Wirt. Fledermaus, Schuppentier, Mensch: für Viren nichts weiter als verschiedene Säugetierarten, ähnlich aufgebaute Organismen, zwischen denen man nach einigen Mutationen gut wechseln kann.

Solche Zoonosen gab es schon zu Zeiten, als unsere Spezies noch nicht imstande war, den Planeten so massiv zu verändern, wie sie es heute tut. Schon in der Antike erkrankten Menschen an Tollwut, die Pest brach in Europa im 14. Jahrhundert aus. Seit ein paar Jahrzehnten beobachten Wissenschaftler allerdings, dass immer öfter Erreger vom Tier auf den Menschen überspringen und für Krankheitsausbrüche sorgen. HIV, Ebola, Marburgfieber, Vogelgrippe, Zika, Nipah, Mers, Sars sind nur einige Beispiele.

Wir bieten ideale Bedingungen für Viren

Die jeweiligen Erreger sind nicht neu, sie lebten in ihren ursprünglichen Wirten, oft Fledermäuse, häufig, ohne Schaden anzurichten. Neu sind die Möglichkeiten, den Wirt zu wechseln – in einer Welt mit inzwischen fast acht Milliarden sehr mobilen Bewohnern, die immer mehr Ökosysteme zerstören und die übrig gebliebenen Arten zwingen, näher zusammen und an den Menschen zu rücken.

Bewohnern, die Tiere als Ressource sehen und sie in fabrikähnlichen Anlagen halten – ideale Bedingungen für Viren, die leicht mutieren und sich schnell anpassen. Bewohnern, die in Dschungeln und Wäldern exotische Tiere fangen und sie auf die andere Seite des Globus schicken oder auf Wildtiermärkten in Millionenstädten verkaufen.

Diese elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt das Coronavirus SARS-CoV-2, das Covid-19 verursacht.
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Von so einem Wildtiermarkt in Wuhan hat wahrscheinlich die jetzige Pandemie ihren Ausgang genommen. Dort angebotene Schuppentiere könnten die Zwischenwirte gewesen sein, bei denen sich die ersten Coronavirus-Patienten ansteckten. Bei Sars, der durch ein anderes Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit, waren im Jahr 2003 Schleichkatzen oder Marderhunde die Überträger. Sie werden ebenfalls auf Wildtiermärkten verkauft, aber auch in Pelztierfarmen gehalten. Aus ihrem Fell lassen Modefirmen etwa den Kapuzenbesatz für Winterjacken machen.

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Das Nipah-Virus übertrug sich 1997 in einem Mastbetrieb in Indonesien von Fledermäusen auf Schweine und von da auf Menschen, über 100 starben an einer Gehirnhautentzündung. Ausbrüche von Ebola gab es, wie eine Studie gezeigt hat, von 2004 bis 2014 vermehrt in jenen Teilen West- und Zentralafrikas, wo zuvor Regenwald abgeholzt worden war.

Wir müssen Konsequenzen ziehen

Wir lernen gerade viel über Zusammenhänge: den zwischen Abstand und Ansteckung zum Beispiel oder zwischen Reproduktionszahl und Verdopplungszeit. Es ist nun höchste Zeit, sich auch über einen anderen Zusammenhang klar zu werden: Wie der Mensch mit der Natur umgeht, so geht er mit sich um. Bringt er sie aus dem Gleichgewicht, wird es auch für ihn gefährlich. Schützt er sie, schützt er sich selbst.

Nur auf den ersten Blick sind Infektionskrankheiten wie Covid-19 ein Unglück, höhere Gewalt. Auf den zweiten sind sie Folgen klar benennbaren Handelns. Wir werden aus diesem Wissen Konsequenzen ziehen müssen. Dass wir so etwas können, beweisen wir gerade jeden Tag.